18.03.2009 · Mit einer Schweigeminute ist in Baden-Württemberg der Opfer des Amoklaufs gedacht worden. Ministerpräsident Oettinger sprach im Landtag von einer „Verrohung“ der Gesellschaft. Erstmals hat sich die Geisel des Amokläufers geäußert.
Von Rüdiger SoldtMit einer Schweigeminute haben die Menschen in Baden-Württemberg am Mittwoch der Opfer des Amoklaufs in Winnenden und Wendlingen gedacht. Der Landtag begann seine reguläre Sitzung mit einer Trauerminute sowie mit Gedenkansprachen von Ministerpräsident Oettinger und Parlamentspräsident Straub (beide CDU). Es sei in einer Gesellschaft mit christlichen Wurzeln nicht hinnehmbar, wenn es für Jugendliche „normal“ sei, Menschen in Computerspielen zu töten, sagte Straub. Oettinger sagte: „Schulen sind Orte der Bildung, der Gemeinschaft und der Kameradschaft. Es sind auch Orte der Zukunft. Wer sie angreift, greift uns alle an.“ Nicht nur das unmittelbare Tatgeschehen, auch die zustimmenden Reaktionen etwa im Internet zeigten eine „Verrohung“ der Gesellschaft. Gegen Amokläufer gebe es keinen hundertprozentigen Schutz, helfen könne nur eine „Kultur der Aufmerksamkeit“.
Schulleiterin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums in Winnenden
In Winnenden bereitet die Landesregierung mit der Stadtverwaltung die Trauerfeier für Samstag vor. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Horst Köhler werden teilnehmen. Die Trauerfeier soll in viele Kirchen und Hallen übertragen werden; die musikalische Begleitung übernimmt Helmut Rilling mit dem Stuttgarter Bach-Collegium und der Gächinger Kantorei. Nach Aussagen des Stuttgarter Staatsministeriums wollen Köhler und Merkel auch persönliche Gespräche mit den Angehörigen der Opfer führen. Bei der psychologischen Aufarbeitung des Amoklaufs an der Albertville-Realschule bekommen die Lehrer nicht nur Unterstützung von Psychologen und zusätzlichen Lehrern. Seit Mittwoch ist auch die Schulleiterin des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums in Winnenden zu Gast.
Im Magazin „Stern“ äußerte sich Igor W., die Geisel des Amokläufers, erstmals ausführlich über das Tatgeschehen und das Verhalten von Tim K. Der 17 Jahre alte Amokläufer habe ihn nach einer weiteren Schule gefragt. „Ich habe schon 15 Menschen umgebracht in meiner alten Schule, und das war für heute noch nicht alles“, soll er gesagt haben – tatsächlich wurden in der Schule zwölf Menschen getötet. Auf die Frage, warum er diesen Amoklauf mache, soll Tim K. geantwortet haben: „Aus Spaß, weil es Spaß macht.“
Trittbrettfahrer verurteilt
Berichte, nach denen der Vater des Amokläufers am Dienstag in Begleitung von Ermittlern sein Haus in Weiler zum Stein aufgesucht haben soll, wollte ein Sprecher der Polizeidirektion Waiblingen ebenso wenig bestätigen wie die Darstellung, die Tatwaffe sei hinter einem Stapel von Pullovern aufbewahrt worden. Unterdessen verurteilte das Amtsgericht Stuttgart einen 24 Jahre alten Trittbrettfahrer am Mittwoch in einem beschleunigten Verfahren zu einer Bewährungsstrafe von fünf Monaten und 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit. Der aus schwierigen sozialen Verhältnissen stammende Angeklagte hatte einen Amoklauf in einer Waiblinger Berufsschule angekündigt.