21.03.2009 · Mit einer bewegenden Trauerfeier hat Deutschland Abschied von den Opfern des Amoklaufs in Winnenden genommen. Eineinhalb Wochen nach der Tat gedachten 900 Trauergäste - darunter Bundeskanzlerin Merkel und Bundespräsident Köhler - am Samstag der 15 Menschen, die Tim K. am 11. März erschossen hatte.
Von Rüdiger Soldt, WinnendenDer Brunnen auf dem Winnender Marktplatz ist noch mit Holzplatten abgedeckt. Es ist ein kühler Frühlingstag. Auf den Äckern in der Umgebung ist schon das erste Grün zu sehen. Die Schüler der Albertville-Schule tragen schwarze T-Shirts, aufgedruckt ist in grüner Farbe das Logo der Realschule und der Satz Martin Luther Kings: „Ich habe einen Traum“. Die Schüler verteilen auch Anstecker mit diesem Satz. „Trauertag, Samstag geschlossen“ steht auf den Zetteln, die die Geschäftsleute in ihre Schaufenster gehängt haben.
Vor der Albertville-Realschule, dort, wo der 17 Jahre alte Tim K. vor anderthalb Wochen sein Massaker begann und neun Schüler tötete, ist jetzt ein Kranz der Bundesregierung ausgestellt: „Die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel“, steht auf der Kranzschleife. Es ist der Tag, an dem Winnenden und die Nation der Toten des brutalen Amoklaufs vom 11. März gedenken.
„Herr, erbarme Dich“
Bundespräsident Köhler und der baden-württembergische Ministerpräsident Oettinger (CDU) sprechen anlässlich des Staatsakts. Der württembergische Landesbischof Otfried July und sein katholischer Kollege Bischof Gebhard Fürst führen durch den Gottesdienst. „Die Todesbilder dieser Welt, die wir so oft sehen müssen und die sich jetzt unter uns ereignet haben, haben nicht die letzte Macht“, sagt Bischof July in seiner Predigt.
15 Kerzen und 15 orangefarbene Rosen bauen die Schüler auf dem Altar auf - für jedes Opfer ein Licht und eine Blume. Rettungssanitäter, Ärzte, Feuerwehrleute sprechen Fürbitten. Die Fürbitte für den Amokläufer Tim K. übernimmt ein Pfarrer: „Herr, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. In unserer Fassungslosigkeit über diese Tat bitten wir Dich, Herr erbarme Dich.“
Keine schnelle Normalität
Dieser Trauertag ist auch der Tag, auf den Lehrer und Psychologen ein wenig gehofft hatten, weil Winnenden nach diesem Wochenende wieder Hoffnung schöpfen soll. Normalität wird es so schnell nicht geben, aber vor allem die Schüler der Albertville-Realschule bemühen sich mit aller Kraft, nach vorn zu schauen. Mit dieser Haltung haben sie auch den Gottesdienst mit ihrer Schulleiterin Astrid Hahn gestaltet: „Zeichen der Erinnerung“ und dann später „Zeichen der Hoffnung und Zukunft“ haben sie die Abschnitte des Staatsaktes genannt, an denen sie mitwirken durften. Zwei ineinander verschlungene Ringe, ein Tanzkleid: Es sind die Träume der neun getöteten Schüler.
Zunächst decken die Schüler das Symbol mit einem schwarzen Tuch ab, dann mit einem farbigen. „Ich möchte nicht, dass diese Träume in Vergessenheit geraten“, sagt die Schulleiterin Astrid Hahn. Sie erklärt die einzelnen Symbole; das Tanzkleid, sagt sie, stehe für Lebensfreude: „Ich habe einen Traum, dass uns geholfen wird, dass wir dem Leben wieder trauen.“
Draußen, vor der St.-Karl-Borromäus-Kirche in der verwinkelten Innenstadt Winnendens, ist es sehr still. Langsam gehen die Trauernden durch die Fußgängerzone. Es sind wesentlich weniger Menschen nach Winnenden gekommen, als die Landesregierung prognostiziert hatte. Die Warnungen vor einem Ansturm der Trauergäste hat einige abgeschreckt und vielleicht eine Atmosphäre des Trauerns erst möglich gemacht. Die Fernsehübertragungswände an der Schule und im Stadion sind schon eine halbe Stunde nach dem Staatsakt wieder abgebaut. Doch die Fragen und der Schmerz bleiben: „Warum? Warum? Das Schicksal gibt keine Antworten, das Schicksal bleibt stumm“, steht auf einem Zettel, den ein Bäcker am Rande der Innenstadt ins Schaufenster gehängt hat. Aber das Logo der Albertville-Schule ist grün.