Der Fischfang beginnt mit der Schubkarre. 5.15 Uhr. Wilhelm Böhler öffnet das Tor seines Wirtschaftsgebäudes und streift sich grüne Gummistiefel über. Gefrühstückt hat er keinen Bissen. Jetzt lädt er fünf Fischkisten und zwei Styroporkisten mit Kühleis in seine Schubkarre. Es sind nur 200 Meter zu der kleinen Anlegestelle, wo Böhlers Boot mit Außenbordmotor vertäut ist. Der 45 Jahre alte Böhler gehört zu den wenigen Bodenseefischern, die noch allein vom Fischfang leben. Neun Boden- und Schwebenetze hat er am Abend zuvor im Untersee ausgebracht. Jetzt will er die Beute einsammeln. Der Wetterdienst hat Sturm und Dauerregen vorausgesagt. Doch Böhler hat Glück. Im See spiegelt sich der Yachthafen von Steckborn auf der Schweizer Seite.
Böhler lässt den Außenbordmotor an und fährt in Richtung Schweizer Ufer. Dort sucht er die Schwimmer seines Netzes. Der spärliche Schein einer Stirnlampe muss reichen, um den dunkel glänzenden See zu erleuchten. Es dauert wenige Minuten, dann hat Böhler die Schwimmer gefunden und zieht die Netze hoch. Er befreit die ersten Bodensee-Felchen (Coregonus wartmanni) aus dem Netz. Einige zappeln noch, bei anderen hat die Totenstarre schon eingesetzt. Lebende Fische wirft er in eine Extra-Kiste. Je wärmer der See, desto schneller verenden sie im Netz. „Felchen sind sehr empfindlich“, sagt Böhler. „Für die Qualität ist es natürlich gut, wenn sie noch leben. Bis ich an Land bin, sollte die Leichenstarre noch nicht eingesetzt haben, weil ich sie dann maschinell entschuppen kann.“
„Bodensee-Forelle“ meistens nicht aus dem See
99 Prozent aller Fische, die der gelernte Fischereimeister auf das Boot zieht, sind Felchen. Die Zander, Hechte oder „Bodensee-Forellen“, die in vielen Speiselokalen angeboten werden, stammen zumeist nicht aus dem See. Der Aal-Bestand ist seit den siebziger Jahren um 98 Prozent zurückgegangen, schuld daran sind vermutlich die Staudämme und die Turbinen der Wasserkraftwerke. Das erschwert die Wanderung aus den Flüssen in den See. „Vor 20 Jahren“, erzählt der Fischer, „hatte der Bestand noch eine andere Zusammensetzung: Etwa die Hälfte der Fische waren Felchen, die andere Hälfte bestand aus anderen Fischarten, zum Beispiel Aalrutten.“
Der ökologische Zustand des Bodensees ist heute weit besser als vor 20 Jahren. Damals war der See stark eutrophiert, also übersättigt mit Nährstoffen. Die Bauern düngten noch stärker, die Waschmittel enthielten noch Phosphate und längst nicht jeder Ort am See war an die Kanalisation angeschlossen. In den Siebzigern enthielt ein Kubikmeter Bodenseewasser 90 Milligramm Phosphor, heute sind es sieben Milligramm. „Mit der Wasserqualität gibt es keine Probleme mehr“, sagt Böhler. Man könnte auch sagen: So sauber war der Bodensee noch nie. Die Gesamtfischmenge ist deshalb in den vergangenen 30 Jahren merklich geringer geworden.
Immer mehr Fischer haben aufgegeben oder die Fischerei zum Nebenjob gemacht - mit Ferienwohnungen verdienen sie mehr Geld. 500.000 Kilogramm holten die Fischer am Untersee in den achtziger Jahren aus dem See, heute sind es gerade mal 150.000 Kilogramm. „Die Dominanz der Felchen wird oberflächlich häufig als Monokultur gedeutet, in Wahrheit entspricht sie aber der natürlichen Situation, denn der Bodensee ist heute ein nährstoffarmer See, und Felchen bevorzugen solche Gewässer“, sagt Rainer Berg, Leiter der baden-württembergischen Fischereiforschungsstelle in Langenargen.
Laichbetriebe auf der Reichenau
Die großen Mengen an Felchen-Fisch - er gehört zu den Freiwasserlaichern - sind auch den Betrieben für Fischbrutaufzucht auf der Insel Reichenau zu verdanken. 400 Millionen Eier werden in den Laichbetrieben im Jahr gewonnen, 200 Millionen Fischlarven ausgesetzt. Die Schuld am verringerten Fischbestand geben die Fischer auch den Kormoranen. Seit Jahren streiten sie heftig mit den Naturschützern: Die Fischer wollen den Kormoranbestand leicht reduzieren, für die Naturschützer ist der Vogel, der einst vom Aussterben bedroht war, wie Böhler sagt, eine „heilige Kuh“. 1975 brüteten am Untersee drei Kormoranpaare, jetzt sollen es 150 sein. Ein halbes Kilogramm Fisch frisst ein Kormoran am Tag, allerdings nicht nur Speisefische. Heute leben am Bodensee mindestens 1000 Kormorane, sie fressen 180 Tonnen Fisch im Jahr. „Seit 1992 beschäftige ich mich mit dem Problem, aber noch nie ist der Naturschutzbund zu einem Kompromiss bereit gewesen.“ Felchen lassen sich nur nachts fangen, denn würden sie tagsüber ins Netz gehen, würden sie sofort von den Kormoranen aufgefressen.
Vor 15 Jahren holten die Bodenseefischer im Jahr 400 Tonnen Fisch mehr aus dem Wasser, die Zunahme der Kormoran-Population hat den Ertrag zusätzlich um weitere 100 Tonnen gemindert. „Das ist eine doppelte Belastung für die Fischer, das muss zwangsläufig zu Betriebsaufgaben führen“, sagt Rainer Berg. Das Land kann die Population zwar per Verordnung dezimieren lassen, am See direkt ist das aber schwierig, weil der gesamte Untersee auch ein ausgewiesenes Vogelschutzgebiet ist.
25 aktive Berufsfischer auf deutscher Seite
Die deutsch-schweizerische Grenze verläuft in der Mitte des Sees. Böhler darf in schweizerischem und deutschem Gewässer fischen. Ende des 19. Jahrhunderts haben die Bodensee-Anrainer - Deutschland, die Schweiz, Österreich sowie Liechtenstein - mit der „Bregenzer Übereinkunft“ eines der ersten Fischereiabkommen überhaupt geschaffen. Am deutschen Unterseeufer gibt es etwa 25 aktive Berufsfischer, auf der Schweizer Seite sind es nur noch sechs oder sieben. Der Obersee ist tiefer, dort ist der Saibling oder die Bodensee-Forelle etwas häufiger anzutreffen, dafür geht am Untersee schon mal ein Karpfen oder eine Brachse ins Netz. Böhler zieht das dritte Netz an Bord. „Da ist mal eine Trüsche dabei“, sagt der Fischer erstaunt.
Dieser dorschartige Süßwasserfisch ist eine Rarität. Vor allem die Päpste schätzten die Leber dieses Fisches als Delikatesse. Böhler wird die Trüsche am Mittag an ein bekanntes Fischrestaurant in Moos liefern. Nun steuert der Fischer sein Boot in Richtung Wangen, dort ist der Untersee noch etwas schmaler, die Morgendämmerung taucht den See in hellblaues Licht. Am Ufer liegt einsam das Schloss Marbach. Jetzt kommt etwas Wind auf, Dauerregen setzt ein. Zielsicher steuert Böhler die letzten drei der insgesamt neun ausgelegten Netze an. Im hellen Licht der Morgendämmerung sind die Styropor-Schwimmer gut zu sehen. 30 Meter tief liegt das Netz auf dem Seeboden. „Wir haben Glück, auch dieses Netz ist gut gefüllt!“ Böhler schüttet sofort Eis auf die Felchen, damit sie in guter Qualität an Land kommen. Es ist taghell geworden, in den Hotels am Ufer ist Licht in den Frühstückszimmern.
Muttern steht schon in Schürze bereit
Böhler steuert das Boot zurück zur kleinen Anlegestelle in der Ortsmitte von Hemmenhofen. Es ist 7.45 Uhr. 70 Kilogramm Fisch, das sind etwa 200 Fische, bringt er an Land, stapelt Kiste für Kiste auf seine Schubkarre. Nachdem er sein Wirtschaftsgebäude erreicht hat, bringt er die Fischkisten schnell in den Verarbeitungsraum. Seine Mutter steht schon in Schürze und Gummistiefeln bereit, denn jetzt müssen alle Fische ausgenommen und ein Gutteil auch filetiert werden. Böhler schneidet die Felchen am Bauch auf, entfernt Herz und Nieren und spült sie in klarem Wasser ab. „Das müssen Sie machen, damit es nicht nachblutet.“ Wie viele Fische er filetiert und wie viele er einfriert, um sie später in Buchenrauch zu räuchern, hängt von der Nachfrage der vier Restaurants ab, die Böhler beliefert.
Spätestens um zwölf Uhr muss der Fisch ausgeliefert sein. Jede Lieferung muss mit einem Haltbarkeits-Zettel ausgezeichnet werden. Vier Tage lässt sich ein Felchen-Filet im Kühlschrank aufbewahren. Böhler schimpft auf die ständig umfangreicher werdende Bürokratie, die vielen statistischen Angaben über die Fangmengen, die er machen muss. „Felchen sind ein sehr empfindlicher Fisch, den müssen Sie innerhalb von vier Stunden ausnehmen, sonst riecht das Fleisch unangenehm fischig und fühlt sich musartig an.“ Böhler ist zufrieden mit seinem Tagesfang. „Wenn ich jeden Tag vier solche Kisten hätte, hätte ich kein Problem, dann müsste ich nur drei Tage die Woche arbeiten. Aber gestern hatte ich nur eine Kiste, so ist sie eben, die Natur.“