19.02.2012 · Fernsehprominenz fehlt, trotzdem ist der Einmarsch eine Parade der Eitelkeiten: Der Wiener Juristenball ist weniger bekannt als der Opernball, aber mindestens so angesehen und traditionsreich.
Von Reinhard Müller, WienNein, der neue deutsche Bundespräsident wurde auf dem Wiener Juristenball nicht beim Tanz ermittelt. Doch immerhin ist jede Sorge um das Ansehen des Juristenstandes unbegründet - simste doch die Kanzlerin auf der Suche nach einem Staatsoberhaupt auch den Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts an. Aber warum sollte ein Richter aus dem Karlsruher Schonraum seine Macht zugunsten des gläsernen Schlosses Bellevue aufgeben, wo er präsidieren, aber nicht regieren kann?
In der Wiener Hofburg kann man jedenfalls gar nicht auf den Gedanken kommen, dass der Rücktritt eines Einzelnen - und sei er auch Jurist - eine Staatskrise auslösen könnte. Gut, der Einmarsch der Gäste und Honoratioren ist eine Parade der Eitelkeiten, ein Kampf um jeden Meter. Und die "Debütanten" werden nicht unbedingt nach Schönheit, wohl aber nach vermeintlicher Wichtigkeit ihrer Eltern ausgewählt. Hier zählt Tradition noch so viel, dass die Form jede Krise überdauert - und Korruptionsanfälligkeit ist schließlich auch der österreichischen Politik nicht fremd.
Nach dem obligatorischen "Alles Walzer" demokratisiert sich alles. Orden sind (abgesehen von den Gästen aus Preußen) eher die Regel, fallen also nicht besonders auf. Schmisse sind kaum mehr zu sehen; dazu passt, dass der Korporationsball der studentischen Verbindungen nicht mehr in der Hofburg stattfinden darf - wegen der "politischen und medialen Dimension" des Balls.
Diese Begründung allein spräche freilich eher für die Hofburg. Man denke auch an die politische und mediale Dimension des Opernballs. Der Juristenball am Faschingssamstag wiederum zeigt, dass es auch ohne allzu viele Dimensionen geht: Es geht ohne Dschungelkönigin Brigitte Nielsen, ohne Boris Becker, ohne Ban Ki-moon, den UN-Generalsekretär. Sie alle waren auf dem Wiener Opernball zu Gast, der eine Art Staatsball im Beisein des (österreichischen) Bundespräsidenten ist.
Auf dem Juristenball fehlt auch ein Mörtel-Lugner, der den Sternchen Halt und Schmiere gibt. Dabei ist dieser angesehene, wenn auch als etwas steif geltende Ball, kurz nach dem Krieg "Paragraphenreiterei" genannt, nicht minder traditionsreich. Schon als in Wien der Kongress tanzte, tanzten die Juristen. Den "Kolonnen-Walzer" habe Johann Strauss, so die Organisatoren, vor 150 Jahren für den Juristenball geschaffen. Veranstaltet wird der Ball vom österreichischen Juristenverband. Seit 1959 findet er wieder in der Hofburg statt, Zentrum nicht nur des Habsburgerreiches.
Heute steht der Ball im Nationalen Verzeichnis des materiellen Kulturerbes der Österreichischen Unesco-Kommission. Etwa 3500 Gäste feierten, ob in Formation, mit nicht- oder doch vollendetem linksdrehendem Walzer, bei der tumultuarischen mitternächtlichen Quadrille, in der Disko oder beim Salsa über den Dächern Wiens. Wegen des Essens - im wesentlichen Würstchen - sollte niemand kommen; es geht schließlich um mehr: Eleganz und Tanz, Studieren und Flanieren.
Wen stört es da, dass fernsehbekannte Namen fehlen. Nicht verschwiegen werden sollen aber der Regierungschef Liechtensteins und EU-Kommissarin Viviane Reding, die neben Österreichs Justizministerin einmarschierte. Natürlich fanden sich auch deutsche und zahlreiche weitere ausländische Juristen (ein Schottenrock ergänzte die strenge Kleiderordnung) ein, um sich ein bisschen von den schnöden republikanischen Sorgen wegzuträumen. Das geht schlecht im großen, doch auch kleinen Deutschland, aber gut im kleinen, großen Österreich.
Reinhard Müller Jahrgang 1968, Redakteur in der Politik, zuständig für „Staat und Recht“.
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