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Samstag, 11. Februar 2012
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Wiedervereinigung „Ich habe Schabowski nervös gemacht“

09.11.2004 ·  Mit seiner Frage, ab wann die neuen Ausreiseregeln für Ostdeutschland gelten, gab er den Startschuß zur Wiedervereinigung: Der italienische Journalist Riccardo Ehrman erinnert sich an Schabowskis Pressekonferenz.

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Der italienische Journalist Ricardo Ehrman brachte vor fünfzehn Jahren mit seiner Frage an Günter Schabowski nach dem Reisegesetz buchstäblich den Stein ins Rollen. Noch in der Nacht wurden die Grenzen zwischen Ost- und West-Deutschland geöffnet; konnten Ostdeutsche in den Westen ausreisen.

Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erklärt Ehrman, was damals geschah.

Vor 15 Jahren haben Sie mit einer Frage bei einer Pressekonferenz im Internationalen Pressezentrum von Ost-Berlin das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski zu der Aussage gebracht, die DDR-Bürger könnten sofort ausreisen, woraufhin Tausende an die Grenze fuhren und die Mauer geöffnet wurde. Damit haben Sie der Geschichte einen Impuls gegeben!

Nein, nein! Ich habe nur meine Arbeit gemacht.

Und wie sah die aus?

Es war eine normale DDR-Pressekonferenz. Ich wollte einfach nur eine Frage stellen. Erst hat Schabowski das abgelehnt. Als er die Frage doch zuließ, habe ich ihn vielleicht ein bißchen aggressiv gefragt, ob man nicht einen großen Fehler mit dem früheren Entwurf eines Reisegesetzes gemacht hatte.

Warum dachten Sie, daß der Entwurf ein Fehler war?

Es war voller bürokratischer Schwierigkeiten. Ich wußte, daß die Ostdeutschen die Nase voll hatten von der DDR, daß die DDR am Ende war. Kurz zuvor hatte ich mit Bundeskanzler Kohl ein Interview in Dresden geführt. Für mich war klar, daß es bald zur Wiedervereinigung kommen würde.

Wie reagierte Schabowski auf Ihre Frage?

Er sagte, das sei kein Fehler gewesen. Bis dahin waren Politbüro-Mitglieder ja übermächtig. Daß ihn jemand so direkt fragte, hat ihn mindestens nervös gemacht.

Und diese Nervosität hat geholfen?

Vielleicht hat er daher den Zettel aus einer Tasche hervorgeholt und aus dem Beschluß des Ministerrats vorgelesen.

In dem stand, Privatreisen ins Ausland könnten beantragt werden. Die Genehmigungen würden "kurzfristig erteilt". Man könne über alle Grenzübergangsstellen ausreisen . . .

. . . und ich fragte ,Ab wann?', woraufhin er sagte ,Nach meiner Kenntnis sofort, unverzüglich.' Eigentlich wollte man das erst einen Tag später bekanntgeben.

Sie haben also die Geschichte ein wenig beschleunigt?

Ich hoffe es.

Haben Sie gemerkt, was Schabowskis Antwort bedeutete?

Sofort! Keiner hat es wohl außer mir gleich verstanden. Nur einer ist mit mir sofort aus dem Saal gegangen, der Sprecher der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin, Eberhard Grashoff. Ich habe in Rom angerufen und den Kollegen gesagt: ,Die Mauer ist weg!'

Haben die das geglaubt?

Die Kollegen haben noch ein bißchen gewartet. Ich mußte noch ein paar Mal anrufen und den Text per Telex schicken. Dann wurde die Meldung herausgegeben - während andere Kollegen von ,Reiseerleichterungen' schrieben.

Sie sind also mit italienischem Temperament vorgestürmt?

Für mich war klar, daß es die Öffnung war. Schabowski hat es nur sehr umständlich ausgedrückt. Ich kannte das System gut. Schon von 1976 bis 1982 hatte ich aus Ost-Berlin berichtet, und nach dreieinhalb Jahren in Neu-Delhi, wo es mir nicht so gut gefiel, bin ich 1985 wieder nach Ost-Berlin zurückgekehrt, um über Ost- und West-Berlin zu berichten.

Daher kannten Sie die typische Sprache?

Die DDR-Kommunisten beherrschten das ,double-speak' perfekt. Man mußte immer auf zwei Ebenen denken.

Sie haben schon damals sehr gut Deutsch gesprochen?

Ich hatte eine deutsche Lehrerin. Daher bin ich in den Siebzigern von Ottawa nach Ost-Berlin geschickt worden. Ich war aber für beide Teile der Stadt zuständig. Als akkreditierter Korrespondent mußte ich im Osten leben, aber bin von dort fast jeden Tag in den Westteil der Stadt gefahren.

Was haben Sie nach der Pressekonferenz gemacht?

Ich bin zum Bahnhof Friedrichstraße gegangen. Dort hat mich jemand erkannt - denn die Pressekonferenz war live übertragen worden. Er rief: ,Das ist er!' Man hat mich auf die Schulter genommen, herumgetragen und gefeiert.

Aber da wurden die Leute noch nicht durchgelassen?

Nein. Aber ein Oberst, der mich vom Checkpoint Charlie kannte, fragte mich: ,Ist es wirklich wahr?' Als ich das bestätigte, gab er seinen Leuten ein Zeichen. Dann ließen sie die Menschen durch, und die sind per S-Bahn hinübergefahren.

Hat sich Ihre Agentur bedankt?

Ja, sie hat mich befördert. 1991 wurde ich Chef vom Dienst in Rom, und schon nach wenigen Wochen wurde ich Korrespondent in Madrid. Das paßt sehr gut: Ich bin mit einer Spanierin verheiratet.

Fahren Sie noch öfters nach Berlin?

Ja, eine wunderbare Stadt! Mindestens einmal im Jahr fahre ich noch hin.

Am Dienstag aber nicht?

Nein, ich werde mir die Gedenkfeiern am Fernseher anschauen.

Die Fragen stellte Alfons Kaiser.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2004, Nr. 262 / Seite 9
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