Wie die Rosenmontagszüge den Terror thematisieren
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Rosenmontagszüge : Der Terror fährt mit

  • Aktualisiert am

Der Überraschungswagen zu „Charlie Hebdo“ in Düsseldorf. Bild: dpa

Die Narren lassen sich nicht von der Angst besiegen: In Köln gibt es doch Rosenmontagswagen zu Meinungsfreiheit und Terror, und auch in Düsseldorf fährt eine Überraschung vor. Die Zuschauer kommen zahlreich. Manche allerdings mit mulmigem Gefühl.

          Ein mutiger Clown war das zentrale Motiv des eigentlich geplanten Kölner Rosenmontagswagens zum Terror von Paris. Dieser Wagen wurde wegen der Angst vieler Jecken gestoppt – aber der Bleistift-Clown fährt jetzt doch bei der Parade mit, die seit 10.11 Uhr durch Köln zieht: Er lässt einen neuen Buntstift als Symbol für die Narrenfreiheit aus einem gerodeten Stiftewald wachsen. Und der Terrorist, dessen Gewehr der Clown auf dem ursprünglichen Motiv verstopfen sollte, liegt unfertig auf dem Boden.

          Das Festkomitee Kölner Karneval hatte das ursprüngliche Motiv in Facebook von den Karnevalfans auswählen lassen. Dann aber gab es Berichte über angebliche Sicherheitsvorkehrungen, die wegen dieses Wagens nötig würden. Die Behörden bestätigten das zwar nicht, das Komitee bekam aber so viele Zuschriften besorgter Jecken, dass es den Wagen zurückzog – und dafür massive Kritik erntete.

          Karnevalsgesellschaft schickt grauen Wagen

          Die Kölnische Karnevalsgesellschaft KKG, die auf dem zunächst geplanten „Charlie-Hebdo“-Wagen fahren wollte, schickt nun einen komplett grauen Wagen auf den Weg. Man habe nicht mit einem neuen „Spaß-Festwagen“ über die ernsthafte gesellschaftliche Debatte hinweggehen wollen, teilte KKG-Präsident Johannes Kaußen mit. Auf dem Wagen steht: „Dat is, wat bliev! Dat freudeversprühende Grau!“

          Die Kölner Antwort auf den Terror vor Paris: Ein Narr hegt und pflegt einen Bleistift. Bilderstrecke

          Kaußen begründet das vor allem mit Kritik an Medien, die Berichte über Sicherheitsbedenken verbreitet hatten: „Es stimmt uns nachdenklich, wenn wir im Rosenmontagszug mit Bleistiften am Revers oder am Hut unter anderem für Pressefreiheit eintreten und dann erleben müssen, dass einige, für die wir uns stark machen, wider besseres Wissen Ängste und Reaktionen heraufbeschwören, die dem Ansehen des Kölner Karnevals schaden.“

          Auch im Düsseldorfer Zug, wo es um 12.30 Uhr losging, greifen mehrere Motivwagen das Thema Terror auf. „Terror hat nichts mit Religion zu tun“ stand auf einem der bis dahin geheimen Wagen, die am Montagmorgen aus einer Halle gezogen wurden. Ein anderer Wagen zeigte Skelette, auf denen Karnevalisten die Namen der Terrororganisationen „Al-Qaida“ und „IS“ geschrieben haben. Einen Wagen ließen die Macher zunächst verhüllt. Die Gerüchten, dass er sich mit „Charlie Hebdo“ beschäftigen soll, bestätigten sich. Entworfen von Zugbauer Jacques Tilly zeigt der Wagen einen kopflosen Mann auf der Flucht vor einem Maskierten, der ein bluttropfendes Schwert schwingt. Aus dem offenen Hals des Flüchtenden mit dem „Charlie Hebdo“-Magazin in den Händen kommt die Spruchblase „Satire kann man nicht töten“.

          Wiesbaden thematisierte ebenfalls den Terror

          Ein gespitzter Bleistift auf einer Kanonenlafette war die Antwort der Wiesbadener Fastnacht auf die islamistische Bedrohung der Pressefreiheit. Im Zug am Sonntag führten die Karnevalisten einen Motivwagen mit, der Artikel 5 des Grundgesetzes gewidmet war. „Starker als alle eure Waffen“, stand in roter Schrift auf einer gelben Tafel. Ein zweites Schild habe man allerdings kurzfristig abgenommen, berichtete Simon Rottloff, der Vorsitzende der Dachorganisation für den Wiesbadener Karneval. „Je suis satire“, hatte darauf gestanden. Angesichts der Attentate von Kopenhagen und der Rolle des schwedischen Karikaturisten Lars Vils habe man den unmittelbaren aktuellen Bezug vermeiden wollen, um Provokationen auf zu vermeiden.

          Die Behörden sehen trotz der Anschläge von Kopenhagen und der Terrordrohung, die am Sonntag zur Absage des Karnevalsumzugs in Braunschweig führte, keine besondere Gefahr für die Umzüge. Und auch der Zustrom an Zuschauern bleibt davon ersten Eindrücken nach unbelastet. In Köln, Düsseldorf und Mainz werden Hunderttausende Jecken erwartet, die am Straßenrand jubeln.

          Sie lasse sich die Freude am Straßenkarneval durch Angst vor islamistischem Terror nicht nehmen, sagte eine als Clown verkleidete Frau in Köln. „Aber ich bin schon froh, wenn meine Kinder und ich heute Abend wieder gut zu Hause sind.“ Eine Managerin war unterwegs zu ihrem Büro mit direktem Blick auf den Zug. „Wir laden immer Geschäftspartner ein, bei uns die Logenplätze zu genießen“, sagte sie. Das sei auch in diesem Jahr nicht anders. „Dass der Karneval Attentäter anlocken könnte, ist uns bewusst, aber wir sind nicht wirklich besorgt“, sagte sie.

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