12.01.2003 · Derzeit können Abenteuerlustige von Finnland nach Russland laufen, denn der schmale Zipfel der Ostsee liegt unter einer dicken Eisschicht.
Für abenteuerlustige Wanderer am Finnischen Meerbusen sind die Zeiten günstig: Es ist mehr eine Frage der Ausdauer als des Muts, um die etwa hundert Kilometer schnurstracks von Finnland nach Russland zu laufen oder gleich nach Estland - mal eben übers Wasser, denn der schmale Zipfel der Ostsee liegt unter einer dicken Eisschicht. Nur die Eisbrecher schlagen hier und da eine Rinne. Allerdings stehen die Chancen, dass sie schnell wieder zufrieren, derzeit gut. Bis zu minus 30 Grad Celsius sind in der Region dieser Tage keine Seltenheit.
Rolf Lindertz kann der Frost nichts anhaben: Seine freien Stunden verbringt der Unternehmensberater beim Eissegeln mit Freunden. Kilometerweit rasen die Eissegler über das zugefrorene Meer, die Hände fassen fest den Dreiecksgriff des Segels - ähnlich wie beim Surfen. Mit Skiern oder Schlittschuhen an den Füßen jagen sie mit bis zu einhundert Stundenkilometern über das Eis. Erst nach sechs bis sieben Kilometern wird die wilde Horde von der Fahrrinne eines Eisbrechers gestoppt.
So gute Wetterbedingungen wie seit Jahren nicht
"Draußen auf dem Eis der offenen See wird es wirklich abenteuerlich“, schwärmt Lindertz. Dort sei der Untergrund nämlich alles andere als glatt wie ein Hausflur. Das Eis ändere immer wieder seine Beschaffenheit, mal sei seine Oberfläche von Strömungsmustern geprägt, dann habe der Wind die Schichten aufgeworfen. Falls einer von ihnen wider Erwarten einbrechen sollte, und damit keiner in der weißen Wüste die Orientierung verliert, fahren sie paarweise.
"Seit Jahren sind die Wetterbedingungen nicht mehr so gut gewesen“, sagt Lindertz. In der Vergangenheit sei vor Ende Januar an derartige Vergnügungen nicht zu denken gewesen. Die kälteerfahrenen Finnen erledigen bei diesen Temperaturen einfach ihre Arbeit etwas schneller als sonst. Während in Russland - bei allerdings teilweise noch weitaus eisigerer Kälte - Erfrorene betrauert werden, fällt in Finnland schlimmstenfalls mal ein Regionalzug aus. Jedenfalls gab es für die finnischen Medien in diesem Winter bislang kein ernsteres Kälteereignis.
Mit dem Auto auf Eis
Auf der finnischen Insel Lappo am Eingang zum Bottnischen Meerbusen kümmert die Bewohner ein ausgefallener Zug schon gar nicht. Hier fahren die Menschen üblicherweise mit der Fähre, wenn sie zum rund 40 Kilometer entfernten Festland wollen. Mit dem Auto geht es jetzt allerdings noch schneller - vorausgesetzt der Fahrer bewältigt den Slalom zwischen den dutzenden Nachbarinsel schnell und sicher. Das Eis ist rund 25 Zentimeter dick, dick genug, um Autos zu tragen.
Warum solle sein 13-jähriger Sohn mit der Fähre zur Schule schippern, wenn das Schiff für die sonst 20-minütige Schulpassage zurzeit eine Stunde benötige, fragt Dab-Ole Aakerberg. Mit seinem Auto dauere es nur etwa zehn Minuten. 1979 sei das Eis zum letzten Mal so dick gewesen, dass die Menschen mit ihren Autos drüberfahren konnten.
Eisbrecher-Rinnen verhindern Autofahrt von Schweden nach Finnland
Inzwischen wurden gleich mehrere Eis-Straßen eröffnet. Wer in den sechziger Jahren in der Region schon im Besitz eines Führerscheins war, erinnert sich noch an die erste Ostsee-Straßenverbindung zwischen Finnland und Schweden - rund 160 Kilometer übers Eis. Heute sei das wegen der Eisbrecher-Rinnen nicht mehr möglich, sagt Patrick Eriksson vom finnischen Meeresforschungsinstitut. Der Grund ist: Acht der neun finnischen Stahlkolosse pflügen derzeit durch die Ostsee. Abenteurern stehe der Fußweg nach Estland offen, sagt Eriksson lachend, „aber empfehlenswert ist das nicht .“