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Wetter macht Geschichte Teutoburger Wald 9 n.Chr.: »Römer im Regen«

02.12.2002 ·  Das Ende der Welt lag in der Zeit um Christi Geburt in Germanien, weil der »Furor Teutonicus« als das Dunkelste und Geheimnisvollste in den Köpfen der Römer spukte.

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Das Ende der Welt lag in der Zeit um Christi Geburt in Germanien, weil der »Furor Teutonicus« - hier wies das römische Germanenbild sicherlich auch propagandistische Züge auf - als das Dunkelste und Geheimnisvollste in den Köpfen der Römer spukte. Der Grund hierfür war einfach: Der große Gegensatz zwischen der hochzivilisierten antiken Welt und den prähistorischen Zuständen der freien Germanen rief auf römischer Seite so manche mythenbehaftete Vermutung hervor. Nach der Einrichtung der Provinz Gallien und der sich daraus ergebenden Grenznachbarschaft waren die Römer schließlich gezwungen, sich näher mit ihnen zu beschäftigen.

Publius Cornelius Tacitus beschrieb die Germanen in »De origine et situ germanorum«, entstanden um 98 n.Chr. Dabei darf nicht vergessen werden, daß Tacitus für römische Leser schrieb, den gefährlichen Nachbar im Norden also sicher auch mit mancher Übertreibung und propagandistischer Spitze ins Licht setzte und nicht wenige Fehleinschätzungen hervorbrachte.

So lebten dort, im Bewußtsein vieler Römer, schreck-liche Riesen mit Weibern und Kindern, Büffelhörner oder halbe Auerochsschädel über den Kopf gestülpt, Keulen von urzeitlichem Ausmaß und Speere wie Bäume in den Händen, im Kampf brüllend wie Stiere, angefeuert von ihren Frauen, die ihnen bei Gefahr bis in die vordersten Linien folgten.

Und der Norden und Westen Germaniens waren im ersten Jahrzehnt nach Christi Geburt die »blutigen Gründe«, da die Germanen dort noch Züge des indogermanischen Urvolks aufwiesen. Im Süden sah es hingegen ganz anders aus. Im heutigen Bayern und Schwaben siedelten römische Kaufleute. Sie hatten dort Handelsniederlassungen gegründet und langsam römische Kultur einsickern lassen.

Echte Kerle

Das Leben im Norden war rauher, entbehrungsreicher und noch nicht von der römischen Kultur beeinflußt. Man aß immer noch aus Steingutschüsseln und von Holzbrettern und wohnte in Dörfern inmitten riesiger Wälder.

Unsere Vorfahren waren Faulenzer von Format, wenn wir denjenigen Geschichtsschreibern Glauben schenken wollen - unter ihnen Tacitus -, die uns von den Sitten und Gewohnheiten der Germanen berichten: Wenn sie nicht Krieg führten, standen sie erst am späten Vormittag auf.

Dann wurde gebadet. Sie badeten oft und im Winter warm - wie die Römer! Schwimmen gehörte zur Grundausbildung, die sowohl in sportlichen Wettkämpfen wie auch bei kriegerischen Auseinandersetzungen zum Einsatz kam. Nach einer ausgiebigen Brotzeit beschäftigten sie sich mit ihren Waffen. Am Nachmittag war es Zeit für einen Dämmerschoppen. Oder wie Tacitus schrieb: »Dem Durst gegenüber beachten sie nicht die sonstige Mäßigkeit«.

Die Trunksucht und die Spielsucht waren damals wie heute dunkle Kapitel, Rom sollte diese bittere Erfahrung in seiner dekadenten Spätzeit leidvoll erfahren. Badekultur - Waffenkunst - Trinkkultur: Die Eckpfeiler antiker römischer Kultur, nämlich Lebensart und Kriegsgeschick, wurden im Falle der Barbaren einfach ins Gegenteil verkehrt.

Thor macht Gewitter

Die Religion hatte sowohl bei den Römern als auch bei den Germanen eine große Bedeutung. Über die römische Religion wissen wir ungleich mehr, z.B. über den Kaiserkult, und schon zuvor, in der römischen Republik, über den Privatkult des Bürgers, der sich auf die zahlreichen Gottheiten für den »täglichen Gebrauch« stützte.

Bei den Germanen begegnet uns die enge Verbundenheit von Königtum, Gottheit und Heldentum, wobei sich Sippen bunt gemischt aus Kriegsgöttern und Königshelden zusammensetzen. Das kennen wir aus den Götter- und Heldenliedern der altisländischen »Edda«, die über germanische Dichtung und Mythologie Auskunft gibt und auch einen kleinen Einblick über germanisches Wetterverständnis erlaubt: So war Walhall die Totenhalle des Zeus der Germanen: Hier wohnte Wotan (auch Odin genannt). Ein hünenhafter Kerl mit schwarzer Binde über einem Auge und zwei Raben auf der Schulter. Trinkend, singend und essend saß er mit den toten germanischen Helden in Walhall, wohin er die gefallenen Krieger berief. Es muß ihm herrlich geschmeckt haben, denn die Germanen sagten, er säße beim »nie endenden Schweinebraten«. Wotans Gemahlin war Frigga, die ihm den Sohn Thor gebar. Thor, der gewaltige Donnerer. Er war Herr über Blitz und Donner. Mit seinem mächtigen Hammer Möllnar schleuderte er Blitze gegen seine Feinde. Das kennen wir aus Richard Wagners »Der Ring des Nibelungen«. Im »Rheingold« läßt Wagner, der aus Edda und Nibelungenlied schöpfte, den Gott Donner heftig Wetter machen:

Donner

(auf den Hintergrund deutend, der noch in Nebel gehüllt ist) Schwüles Gedünst schwebt in der Luft;
lästig ist mir der trübe Druck! Das bleiche Gewölk samml' ich zu blitzendem Wetter, das fegt den Himmel mir hell. (Er besteigt einen hohen Felsstein am Talabhange und schwingt dort seinen Hammer; Nebel ziehen sich um ihn zusammen.)

Auch der Kriegsgott Ziu war ein Sohn Wotans. Allerdings hatte der mit dem Wetter weniger zu tun. Ein Mann, der ohne Ressentiment die Feinde tötete, sozusagen sportlich. Wenn er nicht gerade beruflich unterwegs war, lag er auf der Bärenhaut und schlief. Das waren Männer!

Arminius der Patriot

Anders als die Römer wußten die führenden Köpfe aus Germanien genau, wer und was Rom war. Denn es gab viele, die dort jahrelang als Geiseln gelebt oder in der römischen Legion gedient hatten. Sie kamen, wenn sie in Rom ausgedient und sich in Gallien, in Afrika oder auch in Kleinasien herumgeschlagen hatten, hochdekoriert und mit reichlicher römischer Bordellerfahrung nach Hause in ihre Siedlungen an der Weser, der Lahn oder der Ruhr. Unter ihnen der Jüngling, der fast Roms Schicksal geworden wäre. Ein Sohn aus vornehmem Hause: Der Cheruskerfürst Arminius (19 v. Chr.-19 n. Chr.), römischer Leutnant. Viel ist nicht von ihm bekannt. Als hochrangiger Aristokrat hatte er einige Jahre lang römische Tribune begleitet und bei mehreren römischen Feldzügen seinen soldatischen Wert und seine Intelligenz unter Beweis gestellt, so daß er mit römischem Bürgerrecht und Ritterwürde für seine Leistungen ausgezeichnet und zum römischen Präfekten ernannt wurde und zu Pferde reiten durfte.

In seinem Herzen aber war Arminius ein Patriot geblieben, der zudem ein gefährliches Doppelspiel betrieb. Scheinbar bewunderte er alles Römische, insgeheim aber plante er die Einigung der germanischen Stämme im Haß gegen Rom. Zu lange hatte er mit ansehen müssen, welches Elend die Römer seinem Volk über die Jahre zugefügt hatten. Er war Mitte zwanzig, als er heimkehrte und das Werk begann, von dem die Römer nichts ahnten.

Varus die Hofschranze

Eine einzige Fehlentscheidung des römischen Senats, die falsche Besetzung des Statthalterpostens am Rhein mit einem Höfling namens Publius Quintilius Varus, beschleunigte die von Arminius angestrebte Entwicklung.

Varus, ein Enkel des Mark Anton, war Prokonsul in Afrika und Legat in Syrien gewesen und hatte seine Kenntnisse auf dem Gebiet der Militärstrategie bei seinen Untergebenen aufgeschnappt. Er war jedoch mehr an müßiges Lagerleben gewöhnt als an den Felddienst und ein schlechtes Vorbild für seine Soldaten. Nicht eine der von ihm geführten Legionen machte regelmäßige militärische Übungen. Statt dessen stahlen sie Vieh von den Weiden, entführten germanische Frauen und trieben Geld bei den unterworfenen germanischen Stämme der Umgegend ein.

Im Herbst des Jahres 9 n. Chr., als es für die römischen Legionen an der Zeit war, aus ihrem Sommerlager an der Weser in ihr Winterlager an der Lippe zurückzukehren, war es soweit. Arminius, der einen cheruskischen Hilfstrupp befehligte, führte die 20.000 schwer bewaffneten Männer des Varus samt Wagentroß in einen Hinterhalt.

Römer im Regen

Inzwischen hatte es heftig zu regnen und zu stürmen begonnen - irgendwo am Kalkrieser Berg zwischen Bramsche und Ostercappeln. Dort wurden jedenfalls römische Militaria und Alltagsgegenstände archäologisch gesichert. Die mächtige römische Kolonne zog sich immer weiter auseinander. Der Erdboden im dichtbewachsenen Teutoburger Wald mit seinen Baumwurzeln und umgestürzten Baumstämmen war rutschig und glatt geworden.

Das Vorwärtskommen wurde zunehmend schwieriger. Baumkronen brachen unter der Last des Wassers und drohten herabzustürzen. Ein Hagelschauer brach los. Die lederbespannten Schilde der Legionäre sogen sich voll Wasser und wurden bald so naß und schwer, daß die Soldaten sie entkräftet sinken ließen. Pferde gerieten in Panik und warfen ihre Reiter ab. Ein allgemeines Durcheinander entstand in den römischen Reihen.

Während die Römer das Unwetter als Drohung ihrer Götter verstanden, stellte sich die Situation für die vereint im Hinterhalt der Dören-Schlucht liegenden Germanen ganz anders dar. Für sie verhieß der Donner Thors göttliche Unterstützung. Er war zugleich das Angriffssignal für die zahlenmäßig unterlegenen Barbaren.

Die über den Waldpfad verstreuten Römer konnten nicht ihre gewohnten Kampfformationen einnehmen. Da sie für die offene Feldschlacht ausgebildet waren, trugen sie schwere Speere und das kurze spanische Schwert, mit dem sie ihre Feinde niederzumetzeln pflegten. Aber im deutschen Wald verfingen sie sich im Gewirr der Äste und Wurzeln. Die Sehnen ihrer Bogen waren naß, die vollgesogenen Schilde unbrauchbar. Der glitschige Schlamm des Waldbodens ließ nur den Nahkampf zu, in dem die Streitäxte der Barbaren die Oberhand behielten.

Die Schlacht war vollkommen außer Kontrolle geraten. Sie geriet zum Massaker. Varus' Männer wurden zu Tausenden erschlagen. Ihre Köpfe ließ Arminius an die Bäume nageln. Eine wirkungsvolle Botschaft, die ihren Eindruck auf Rom nicht verfehlte. Varus beging Selbstmord. Es war die größte Niederlage der Römer seit hundert Jahren.

Wenn es nicht geregnet hätte

Das große germanische Reich kam nie zustande. Dennoch wurde die Schlacht im Teutoburger Wald ein weltgeschichtliches Ereignis: Das römische Imperium bestand noch 500 Jahre, doch nie wieder stießen Römer auf germanisches Gebiet vor. Mitteleuropa entging so der Romanisierung.

Ohne den Regen hätte die europäische Geschichte sich vermutlich anders entwickelt. Das Römische Reich wäre vielleicht vor dem Untergang bewahrt worden? Die Ausbreitung des Christentums hätte
womöglich eine völlig andere Entwicklung genommen? Christus wäre vielleicht ohne bleibendes Vermächtnis an einem in Vergessenheit geratenen Kreuz gestorben? Die englische Sprache vermutlich nicht entstanden? Die Reformation weder notwendig noch möglich gewesen? Die Ausbreitung der romanischen Sprachen hätte sicherlich die tatsächliche Sprachentwicklung durchkreuzt, Deutschland hieße Alamannia und Frankreich Gallia? Brittania wäre niemals England geworden? Und die Pilgerväter hätten eine südländische Kultur in die Neue Welt getragen? Soviel zur »ungeschehenen« oder »virtuellen« Geschichte. Nicht unumstritten, aber durchaus bedenkenswert. Dem interessierten Leser seien an dieser Stelle die weiterführenden Werke »Ungeschehene Geschichte« von Alexander Demandt und »Was wäre gewesen, wenn« von Richard Cowley empfohlen.

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