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Wetter macht Geschichte Spanisch-englischer Seekrieg 1588: »Das Stürmische Ende der Armada«

02.12.2002 ·  Philipp II. war als König von Spanien und Portugal der mächtigste Herrscher in Europa - der letzte Repräsentant spanischer Weltmachtstellung.

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Philipp II. (1527-1598), der Sohn Karls V., war als König von Spanien und Portugal der mächtigste Herrscher in Europa - der letzte Repräsentant spanischer Weltmachtstellung. Seit 1561 regierte er von Madrid aus sein Reich: Spanien, die spanischen Niederlande, Burgund, Mailand und Neapel; seit 1580 die erzwungene Personalunion von Spanien und Portugal.

Die Mutter Philipps II., Elisabeth von Portugal, stirbt, als der Prinz 12 Jahre alt ist. Ausgebildet und erzogen wird er von Lehrern, die sein Vater ausgewählt hat, und nicht zuletzt von den berühmten »Instrucciones«, den dickleibigen, mehrmals aktualisierten Handbüchern, mit denen Karl V. seinen Sohn in der Kunst des Regierens unterweist. Die »Instrucciones« enthalten den Kern des Regierungsprogramms, dem der gehorsame Sohn ein Leben lang folgt: Berater auszuwählen, aber niemandem ganz zu vertrauen; Meinung und Gegenmeinung abzuwägen, doch nach gewissenhafter Prüfung allein zu entscheiden. Wie andere Machthaber auch hat Philipp das Bedürfnis, Politik und Krieg nicht nur im großen, sondern bis ins kleinste Detail persönlich zu kontrollieren. Statt Entscheidungen zu delegieren und seinen Kommandeuren so die Möglichkeit einzuräumen, flexibel auf die bekanntlich stets unvorhersehbare Entwicklung vor Ort zu reagieren, unterwirft Philipp sie am Schreibtisch ausgearbeiteten, starren Operationsplänen und versucht, sie am kurzen Zügel zu führen.

England muß befreit werden

Der König regiert die dreißig Millionen Quadratkilometer seines Reiches zweiundvierzig Jahre lang, von 1556 bis zu seinem Tod. In dieser Zeit gibt es nur anfangs längere Phasen ohne Krieg. Erst seit 1566, dem Beginn des Aufstands in den spanischen Niederlanden, gibt es für Philipp kaum noch Verschnaufpausen. Mit englischer Unterstützung bieten ihm dort die Provinzen Holland und Zeeland die Stirn. Als nun auch noch englische Schiffe unter dem Kommando von Francis Drake in die spanisch dominierte Karibik eindringen und den Spaniern dort durch Piraterie empfindliche Einbußen zufügen, faßt Philipp den Plan zur Eroberung Englands.

Im März 1586 gewinnt der »Armada-Gedanke« erste Gestalt: Mindestens 150 Kampfgaleeren, 55.000 Mann Infanterie und 4.000 Artilleristen müssen her, um gegen die Engländer gerüstet zu sein. Ein kostspieliges Vorhaben in geschätzter Höhe von 4 Millionen Dukaten, das von Spanien, Portugal, Mailand, Neapel und Sizilien mitzutragen ist.

Sir Francis Drake schlägt zu

Wälder werden alsbald hektarweise gerodet, Metalle zentnerweise eingeschmolzen und gegossen. Ein nicht gerade unauffälliges Verhalten der Spanier, das aber von nahezu jedermann für die Vorbereitung eines Großunternehmens gegen die bereits erwähnten aufständischen Niederlande gehalten wird. Doch die Engländer sind skeptisch und schicken den altbewährten Sir Francis Drake im Frühjahr 1587 auf Erkundungsfahrt gen Spanien.

Einmal Pirat, immer Pirat: Aus der geplanten Erkundungsreise wird ein Raubzug großen Stils. Drake dringt in den Hafen von Cadiz ein, versenkt achtzehn der dort verankerten Schiffe und nimmt weitere sechs, die schon fahrbereit mit Geschützen und Munition beladen sind, als willkommene Beute mit. Anschließend zieht er plündernd die Algarvenküste entlang, fängt spanische Nachrichtenboote ab, wirft deren Besatzung einfach ins Meer, kapert schließlich den größten Ostindienfahrer von Portugal mit einer Warenladung von mehr als 250.000 Dukaten und erreicht mit seiner gesamten Beute unversehrt die heimatliche Küste. Ein echter Teufelskerl! Denn Drake hatte gleich zwei Fliegen mit einer Klappe erledigt. Philipp war erneut geschwächt worden, und nach dieser Expedition weiß Königin Elisabeth II. genau, gegen wen sich der vorbereitete Stoß richten wird: gegen die Engländer!

Der König trifft eine folgenschwere Entscheidung

Dennoch: Im Frühjahr 1588 liegt die spanische Armada endlich fahrbereit im Hafen von Lissabon. Und jetzt trifft sie schon das erste gewaltige Mißgeschick: Der Tod rafft ihren Admiral hinweg. Spätestens jetzt rächt sich Philipps Regierungssystem. Weit und breit ist kein brauchbarer Heer- oder Flottenführer in Sicht, der dieses so wichtige Vorhaben erfolgreich führen könnte. Die wenigen brauchbaren Recken hat er immer auf weit entfernten Posten kaltgestellt oder mit huldreichen Worten auf ihre Güter abgeschoben, damit ihm keiner zu nahe kommen konnte oder gar über seinen Kopf wuchs. So fällt dann die Wahl des Königs notgedrungen auf einen Mann, der nichts vorzuweisen hat außer einem klangvollen Namen: Alonso Perez de Guzman, Herzog von Medina Sidonia.

Die Nachricht, ihm sei die Leitung des Unternehmens gegen die Engländer zugedacht, ist der größte Schrecken seines Lebens, denn er hat von den grundlegenden Dingen nicht den Schatten einer Ahnung. Während der wenigen Schiffsreisen, die er unternommen hat, ist er immer nur seekrank geworden. Das ist seine einzige Beziehung zum Meer. Er versäumt dann auch nicht, dem König in aller Deutlichkeit darzulegen, wie wenig er für dieses Vorhaben geeignet ist. Aber der König verbirgt seine Ratlosigkeit hinter kühlem Starrsinn und erstickt alle Einwände mit einem königlichen Machtwort.

Zwei Flottenzeitalter begegnen sich

Am 14. Mai 1588 setzen sich schließlich 130 Schiffe von Lissabon aus in Bewegung. Sidonia soll die große Flotte nach Südirland führen. Ein Ablenkungsmanöver: Während die englischen Schiffe sich dorthin orientierten, sollte der Herzog von Parma mit einer Invasionsstreitmacht aus den spanischen Niederlanden über den Kanal segeln, um Kent einzunehmen. Ein einfacher Plan.

Doch zunächst galt es, die Engländer im Ärmelkanal zu stellen. Und dies klingt einfacher, als es war. Denn nicht nur zwei Flotten, sondern zwei Flottenzeitalter ziehen jetzt gegeneinander zur See. Die Spanier verkörpern die alte schwerfällige Enterflotte, die den Seekampf auf den Wellen selbst zu einem Landkampf umzugestalten vermag und die ihre Stoßkraft aus schwerbestückten, aber weniger wendigen Großkampfschiffen bezieht. Ihre Schiffe sind höher als die der Engländer, tragen an Bug und Heck mächtige Aufbauten und machen einen imposanten Eindruck. Stolze Schiffe eben. Für das Entern ist diese Konstruktion vorteilhaft, für das Segeln weniger.

Die Engländer aber sind bereits die Vertreter des Artilleriekampfes zur See, den sie auf flinken Seglern dem Feind nach Belieben aufzwingen können. Ihre Schiffe sind schneller, liegen höher am Wind, treiben nicht so stark ab und manövrieren gefügiger. Im Nahkampf sind sie allerdings verloren, weil ihnen die Erfahrung der Entertechnik und die geschulte Schiffsinfanterie fehlen. Dagegen sind sie unerreichbar gut im Fernangriff und im Ausweichen, in der lockeren Beweglichkeit der Schlachtlinie und in der Ausnutzung des Windes.
Die Schlacht beginnt mit Hindernissen

Aber bevor es zu einem Zusammentreffen der beiden Flotten im Ärmelkanal kommt, geraten die Spanier gleich wieder in Kalamitäten. Diesmal sind die Nahrungsmittel halb verfault und das Wasser brackig. Die Mannschaften erkranken schwer an Brechdurchfall. Es bleibt nichts anderes übrig, als in La Coruña an Land zu gehen, neue Verpflegung einzuholen und die Schwerkranken auszusetzen. Endlich, am Freitag, dem 22. Juli, ist die neu hergerichtete Armada wieder startbereit. Mit starkem Südwestwind erreicht man nach drei Tagen den Ärmelkanal. Dort kommt es auch gleich zu ersten Gefechten mit den Engländern, die aber zu keiner echten Entscheidung führen. Medina Sidonia beschließt deshalb, so schnell wie möglich nach Osten zu segeln, um eine rasche Vereinigung mit den Streitkräften des Herzogs von Parma in Dünkirchen herbeizuführen.

Winde kommen auf

Dummerweise zwingen die ungünstigen Windverhältnisse in der Gegend von Dünkirchen die Armada, bereits vor Calais vor Anker zu gehen. Dort liegt man nun und wartet auf ein Signal des Herzogs von Parma. Eine gute Gelegenheit für die Engländer. Der umtriebige Francis Drake erkennt in der Nacht vom 7. zum 8. August 1588 die außerordentlich günstige Windrichtung. Er macht den Wind zu seinem Verbündeten. Drake setzt acht oder zehn »hell burners« in Brand. Das sind kleinere Schiffe, die über und über mit leicht brennbarem Zeug vollgestopft werden und die im Inneren zudem geschickt verteilte Pulverpakete bergen.

Kurz nach Mitternacht treibt der Wind diese brennenden Höllenfackeln zwischen die Reihen der schlafenden Armada. Die Wachposten blasen Alarm, schlaftrunkene Besatzungsmitglieder stürzen an Deck, sehen die nahende Gefahr und rennen in kopfloser Verwirrung schreiend und gestikulierend auf und ab. Die bedrohten Spanier gleichen wilden Tieren bei einem nahenden Steppenbrand. Nur die blinde Flucht auf die offene See hinaus kann Rettung bringen. Die Ankertaue werden gekappt, und mit der strömenden Flut treiben die hilflosen Fahrzeuge, sich gegenseitig stoßend und beschädigend, gegen die Sandbänke und Riffe von Dünkirchen zu.

Orkanartige Wind- und Regenböen

Als der Morgen graut, beeilen sich die Engländer, den fliehenden Feind einzuholen. Den Nahkampf meidend, nähern sie sich immer nur auf Schußweite und jagen ihre Kanonenkugeln in die Wasserlinie der spanischen Schiffe. Orkanartige Wind- und Regenböen machen am Spätnachmittag jede Kampfhandlung unmöglich und treiben die feindlichen Parteien meilenweit voneinander ab. Am Morgen des folgenden Tages rettet nur ein plötzlich einsetzender Windwechsel die verscheuchte Armada vor der Gefahr, in den Untiefen der flandrischen Küste zu stranden. Ein von Medina Sidonia einberufener Kriegsrat kommt nach langem Hin und Her zu dem Ergebnis, zu retten, was zu retten ist, und in nordwestlicher Richtung um Schottland und Irland herum davonzusegeln.

Sturmböen über dem Atlantik

Und damit beginnt der Schlußakt der Armada. Nicht nur die Munition, sondern auch die Vorräte an Trinkwasser und Nahrungsmitteln gehen bedrohlich zur Neige. Bis zur Höhe der Orkney-Inseln vermag sich die arg dezimierte Armada beisammenzuhalten.

Aber auf dem Weg nach Südwesten durch den offenen Ozean bleibt ein Schiff nach dem anderen zurück. Was durch die Beschießung der Engländer Schaden genommen hat, vermag den Sturmböen des Atlantiks nicht mehr standzuhalten. Die einen werden leck und versinken mit Mann und Maus, die anderen werden vom Sturm abgetrieben und gegen die Steilhänge und Klippen der britischen Westküsten geworfen. Wer dem Wellentod entgeht, wird ausgeplündert und ermordet. Für lebende Spanier hat der Engländer keine Verwendung.

Das Ende der Armada

Am 22. September landet Medina Sidonia mit ganzen elf Schiffen im Hafen von Santander in Spanien. Weitere 55 kommen im Laufe der nächsten Wochen nach. Alles übrige ist und bleibt verschollen. Von den 30.000 Mann Besatzung sieht kaum ein Drittel die heimatlichen Küsten wieder.

Abermals hat das Wetter die Geschicke der Menschen entschieden. Der Wind war im Spiel gewesen. Wenngleich die über alle Zweifel erhabene Unfähigkeit des spanischen Oberbefehlshabers zur See bei dieser Beurteilung allerdings nicht in Vergessenheit geraten soll.

Wenn das Wetter mitgespielt hätte

Nicht auszudenken aber, was passiert wäre, wenn der Wind in diesen Tagen und Nächten auf Spaniens Seite gestanden hätte. Wahrscheinlich hätte man die zahlenmäßig unterlegenen Engländer geschlagen oder so lange beschäftigt, bis der Herzog von Parma mit seinen Soldaten den Kanal überquert hätte. Parmas erfahrene Soldaten wären auf London marschiert, wo sie auf schlecht ausgebildete und zwangsrekrutierte Soldaten und Milizen gestoßen wären. Eine lösbare Aufgabe. Nach der Sicherung der Autorität der katholischen Kirche hätte man England in den Dienst der Päpste gestellt und die Protestanten in den Niederlanden besiegt. Die Amerikaner würden heute wohl Spanisch sprechen, und der 8. August wäre womöglich auf der ganzen Welt Nationalfeiertag.

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