02.12.2002 · Welchen Einfluß haben das Klima oder das Wetter auf unser Leben, auf unsere Psyche und unser physisches Wohlergehen?
Welchen Einfluß haben das Klima oder das Wetter auf unser Leben, auf unsere Psyche und unser physisches Wohlergehen? Eine sehr spannende und auch wichtige Frage. So spannend und wichtig, daß sich Menschen von der Antike bis in die Neuzeit auf die Suche nach Antworten gemacht haben. Am Anfang waren es die Philosophen, dann die Sozialwissenschaftler und schließlich die Naturwissenschaftler, die sich mit den Zusammenhängen kultureller und ethnischer Entwicklungen und den Besonderheiten des Klimas befaßten.
Neben der relativ überraschungsfreien Erkenntnis, daß Klima eine Schlüsselbedingung für die menschliche Existenz ist, kam man dabei schon sehr früh zu der Überzeugung, daß das Klima für besondere Entwicklungen, Leistungen oder auch Rückständigkeiten der Kulturen verantwortlich ist. Eine Überzeugung, die sehr schnell einen dogmatischen Charakter annahm und als sogenannter »Klimadeterminismus« Bestandteil wissenschaftlicher und populärer Erklärungsmodelle wurde. Heute sind wir auf sehr viel sichererem Boden, wenn wir behaupten, daß das Klima lediglich Rahmenbedingungen stellt.
Insgesamt lassen sich drei Phasen in der Diskussion der Klimafolgen beschreiben. Beginnen wir mit der ersten Phase, die die Vorstellungen griechischer und römischer Philosophen und die Beobachtungen im frühen Mittelalter umfaßt.
Die Auswirkungen des Klimas auf das körperliche und seelische Befinden und die Weltbilder des Menschen wurde erstmals von Hippokrates von Kos (460-377 v.Chr.) in seinem Werk »Luft, Wasser und Ort« ausführlicher erörtert. Eine seiner wichtigsten Hypothesen war, daß fruchtbare Landschaften »weiche Individuen« hervorbrächten und weniger fruchtbare Landstriche »heroische Individuen«. Wenig später machte Aristoteles (384-322 v.Chr.) das Klima als Ursache für die Überlegenheit der Griechen über die Barbaren aus.
Mehr gab diese erste Phase der Klimafolgenforschung nicht her. Wir können deshalb sehr schnell zur zweiten Phase übergehen, die mit dem Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert begann. Hier wurde die Auseinandersetzung mit der Klimaproblematik von Denkern wie Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Johann Gottfried Herder oder Charles de Montesquieu verfeinert. Für den Philosophen Hegel war es eine Selbstverständlichkeit, daß sich eine »Kultur« nur im Rahmen eines moderaten Klimas entwickeln kann. Die Beeinflussung der menschlichen Charaktereigenschaften durch das Klima wurde für den französischen Philosophen Montesquieu 1784 zur wichtigsten Erklärungsursache unterschiedlicher gesellschaftlicher und kultureller Phänomene. Für ihn waren Menschen in kalten Klimazonen kognitiv und physisch aktiver als Menschen in warmen Klimagebieten. Allein Herder setzte sich in seinem Hauptwerk »Ideen zur Philosophie und Geschichte der Menschheit« (1784-1791) etwas kritischer mit den bis dato vorherrschenden Sichtweisen auseinander. Er hielt es für sehr gewagt, Rückschlüsse aus per se unsicheren klimatischen Erkenntnissen zu ziehen und diese auf ganze Völker oder Lebensräume zu übertragen. Eine, wie wir später noch sehen werden, sehr kluge und weitreichende Kritik der aktuellen Diskussion seiner Zeit. Richtig wahrgenommen hat sie aber niemand. Sonst wäre es nicht zu einer dritten Phase der Auseinandersetzung mit der Klimaproblematik gekommen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann und bis in die späten dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts andauerte.
Wie zufällig ist der Zufall?
Nun waren aber wenigstens alle an der Diskussion beteiligt. International und interdisziplinär: Anthropologen, Historiker, Mediziner, Geographen und Soziologen. Sie ahnen es schon: Wenn Wissenschaftler aufeinandertreffen, wird so manche Theorie entworfen, andere werden verworfen. In den Naturwissenschaften hat die Lehre von der kausalen Vorbestimmtheit alles Geschehens, dem Determinismus, eine besondere Rolle gespielt. Vom Descartschen Determinismus (René Descartes, 1596-1650) war das naturwissenschaftliche Weltbild vieler Wissenschaftler lange Zeit unerschütterlich bestimmt. Und genau an dieser Stelle begab man sich in eine Sackgasse, was jedoch erst »Quantentheorie« und »Chaostheorie« zutage förderten. Doch bevor im 20. Jahrhundert diese neuen Denkmodelle entstanden, die die unterstellte Allgemeingültigkeit des Determinismus auf ein gesundes Maß reduzierten, wollten sich viele nicht daran gewöhnen, daß die Geschlossenheit ihres mechanistisch anmutenden Weltbildes auf tönernen Füßen stand. Das gilt erst recht für die Meteorologie. Objektiv und »wissenschaftlich« war schließlich alles, was in dieser Phase entstand. So zum Beispiel die Arbeiten des amerikanischen Geographen Ellsworth Huntington (1876-1947). Er vertrat die Meinung, optimale klimatische Bedingungen seien für die wirtschaftliche Leistung und die Gesundheit einer Gesellschaft verantwortlich. Zu erwähnen ist an dieser Stelle auch der Mediziner und Psychologe Willy Hellpach (1877-1955), der in »Die geophysischen Erscheinungen« von 1911 die nördliche und südliche Hemisphäre in Lebensräume herber, kühler und gelassener Menschen bzw. lebhafter, erregbarer und triebhafter Menschen unterschied.
Alle Ansätze aber einte eine Schwäche, und die lag in der schablonenhaften Sicht des Determinismus. Er blendete den selbstbestimmten menschlichen Handlungsspielraum oder die Geschichte als Ergebnis menschlicher Aktionen einfach aus. Der Mensch wird zum Spielball des Klimasystems. Er muß sich den Naturgesetzen unterwerfen.
Die Lehre vom Klimadeterminismus, in der nicht nach Wechselwirkungen zwischen sozialen, psychologischen und religiösen Einflüssen und dem Klima einer Region gefragt wurde, kam erst Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem jähen Ende. Dazu mag auch die Diskreditierung dieses ja nicht per se unanständigen Forschungszweiges im Nationalsozialismus beigetragen haben, der seine perversen Rassentheorien hier einfließen ließ. Von nun an wurde in den sozial-, geo- und religionswissenschaftlichen Fakultäten über Teilaspekte dieses einst so einflußreichen Paradigmas diskutiert.