Home
http://www.faz.net/-gum-3xi9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wetter macht Geschichte Klima macht Geschichte

02.12.2002 ·  Der Fachjournalist David Keys hat die Theorie einer weltweiten Klimakatastrophe, die das Ende der antiken Welt brachte, in seinem 1999 veröffentlichten Buch »Catastrophe« eindrucksvoll beschrieben.

Artikel Lesermeinungen (0)

Der Fachjournalist David Keys hat die Theorie einer weltweiten Klimakatastrophe, die das Ende der antiken Welt brachte und die geopolitischen Fundamente unserer modernen Welt legte, in seinem 1999 veröffentlichten Buch »Catastrophe« eindrucksvoll beschrieben. Eine Untersuchung, die allerdings recht deterministisch daher- kommt. Wissenschaftler stuften einzelne Aussagen und Schlußfolgerungen dieses Werks als nicht ausreichend belegt ein. Keine Renaissance, aber doch eine Art Wiederauferstehung des beerdigten Konzepts des Determinismus in der Klimafolgenforschung.

Was ist eine Naturkatastrophe?

Keys Untersuchungen legen den Schluß nahe, daß die Veränderungen der damaligen Zeit nahezu ausschließlich von Naturkatastrophen verursacht wurden - wobei man sich freilich auch zu fragen hat, was eine »Naturkatastrophe« eigentlich ist. Historiker, Geographen, Geologen und Archäologen tun sich bei einer einheitlichen Definition interessanterweise recht schwer. Sie sind bemüht, eine Katastrophen-Theorie zu formulieren, die die zahlreichen Faktoren solcher Ereignisse sinnvoll und nachvollziehbar zusammenfaßt.

Der Althistoriker Gerhard Waldherr schlägt folgende Kriterien vor, nachzulesen im Sammelband »Naturkatastrophen in der antiken Welt« (Geographica Histiorica 10) von 1998:
1. Naturfaktoren, die für den Menschen in ihrer augenblicklichen Form nicht zu beherrschen sind,
2. ein abruptes Hereinbrechen dieser Naturphänomene über menschliche Systeme und
3. eine dadurch entstehende existenzielle Bedrohung dieser Systeme sowie
4. das Einsetzen eines Wirkungsmechanismus zwischen Naturfaktoren und menschlichen Systemen.«

Für den wetter- und klimainteressierten Leser sind sowohl Keys als auch Waldherrs Überlegungen gleichermaßen aufschlußreich, so daß wir geneigt sind, beide Gedankenstränge in den weiteren Verlauf des Buches einzubeziehen, ohne uns auf eine Theorie festzulegen. Der Leser soll gleichwohl einen Eindruck davon bekommen, was Klima- und Wetteränderungen aus der geschichtlichen Perspektive bedeuten können und wie die »menschlichen Systeme« ihnen - bisweilen mit weltgeschichtlichen Folgen - unterworfen sind.

Globale Klimaveränderungen

Um 535/536 nach Christi Geburt kam es zu einer der größten Naturkatastrophen aller Zeiten. Wahrscheinlich durch einen Vulkanausbruch, möglicherweise sogar einen Asteroideneinschlag, waren Sonnenlicht und Sonnenwärme achtzehn Monate lang wie ausgelöscht. Das sorgte auf allen Kontinenten für dramatische Klimaschwankungen, führte zu Hungersnöten, Völkerwanderungen, Kriegen und zog vermutlich bedeutende gesellschaftlich-soziale Veränderungen nach sich. Historiker und Geographen halten sich bekanntlich mit vorschnellen und ungeprüften Äußerungen zurück, doch ist kaum anzunehmen, daß die Ausmaße der Naturkatastrophe von 535 nur geringe Folgen für Mensch und Natur hatte.

Die Sonne leuchtete wie ein schwacher Schatten

Der oströmische Historiker Prokop beschrieb das Erscheinungsbild der Sonne um genau diese Zeit: »Die Sonne spendete das ganze Jahr hindurch ihr Licht, ohne zu leuchten, wie der Mond, und es ward immer mehr wie eine Sonnenfinsternis, denn ihre Strahlen waren nicht hell und nicht so wie jene, die sie sonst aussandte.« Johannes von Ephesos, ein Geschichtsschreiber und Bischof aus dem 6. Jahrhundert, sprach gar von einer 18 Monde währenden Verdunklung der Sonne: »Einen jeglichen Tag schien sie während vierer Stunden, und doch war ihr Licht nichts als ein fahler Schatten.« David Keys hat dazu in seinem Buch sorgfältig recherchiert und noch einige andere übereinstimmende Quellen zusammengetragen, die allesamt das Phänomen der »Dunklen Sonne« über einen längeren Zeitraum beschreiben. Mal leuchtete die Sonne wie ein schwacher Schatten, mal war sie trübe und dunkel, mal matt wie der Mond. Nicht nur das Sonnenlicht schien schwächer geworden zu sein, sondern auch die Sonnenwärme.

Britannien erlebte in der Zeit von 535 bis 555 das schlimmste Wetter des Jahrhunderts. In Mesopotamien gab es heftige Schneefälle. In Arabien brach eine Hungersnot aus, darauf folgte eine Überschwemmung. In China kam es 536 zu einer Dürre und darauf folgend auch zu einer Hungersnot. Für Korea waren die Jahre 535 und 536 gar die schlimmsten des Jahrhunderts. Das Land erlebte nach gewaltigen Unwettern und Überschwemmungen eine katastrophale Zeit der Trockenheit. Auf dem amerikanischen Kontinent spielte sich Ähnliches ab. Die Analyse von Baumringen hat unlängst ergeben, daß dort manche Bäume in den Jahren 536 und 542-543 praktisch aufhörten zu wachsen. Baumringuntersuchungen in Skandinavien und Westeuropa zeigen das gleiche Bild.

Was war geschehen?

Die Verdunkelung der Sonne wurde wohl durch eine Verschmutzung der Atmosphäre verursacht. Die weltweit nahezu gleichzeitig aufgetretenen Klimaveränderungen lassen auf ein globales Ereignis schließen. Es handelte sich wohl um eine gigantische Explosion oder Eruption, bei der Millionen Tonnen Staub in die Atmosphäre geschleudert wurden: Der Einschlag eines großen Himmelskörpers oder ein Vulkanausbruch. Keys hält einen Vulkanausbruch für plausibler und untermauert seine These mit einer Erkenntnis, die nachvollziehbar erscheint. Dabei können wir erstmals unser soeben erworbenes Wetterwissen einsetzen. Sie erinnern sich an meine Erklärungen zu der Entstehung von Hoch- und Tiefdruckzonen auf unserem Erdball und dem »Höhentief« am Äquator sowie dem »Hoch« an den beiden Polen? Davon soll nun wieder die Rede sein.

Schwefelsäure im Eis

Knapp 500 Meter tief unter grönländischem und ant-arktischem Eis begraben befindet sich eine Schicht Schwefelsäure vulkanischen Ursprungs, die wahrscheinlich mit den Ereignissen der Jahre 535 und 536 zu tun hat. Herausgefunden haben das Forscher aus Dänemark, Schweden und den Vereinigten Staaten, die mit Hilfe eines gigantischen Bohrers rund 2,5 Kilometer tiefe Eiskernproben entnehmen konnten. Nicht an einem Stück. Nein, diese Proben sind unterteilt in Stücke von rund zwei Metern und geben einen recht guten Einblick über die Niederschlagsmengen (die Schneeschichten) der Vergangenheit. Das Eiskernmaterial ließ in unserem Fall erkennen, daß mindestens vier Jahre lang säurehaltiger Schnee auf die Antarktis niedergegangen war. Eiskernproben aus dieser Tiefe sind zwar nicht ganz exakt datierbar. Man kann lediglich feststellen, daß diese vierjährige Phase zwischen 490 und 540 anzusetzen ist. Die nächstliegenden Säureschichten sind aber so weit entfernt (231-281 und 614-664), daß der von David Keys gesuchte Vulkanausbruch zweifelsfrei stattgefunden haben dürfte.

Ein Vulkan in den Tropen war schuld

Mit Hilfe unserer spärlichen meteorologischen Kenntnisse sind wir jetzt sogar in der Lage, den Ausbruch zu lokalisieren. Wenigstens grob. Die Tatsache, daß der Vulkanausbruch seinen Niederschlag an beiden Polen gefunden hat, deutet darauf hin, daß das Ereignis in den Tropen stattgefunden haben kann. Der schwefelsäurehaltige Schnee muß von zwei unabhängigen Windsystemen an die entgegengesetzten Enden der Welt transportiert worden sein. Zwei Windsysteme, die zudem in großer Höhe der beiden Hemisphären wirken.

Der Einfluß auf die Weltgeschichte

Ich habe es weiter oben schon erwähnt: Die ausgelösten klimatischen Veränderungen haben die Bedingungen für den Verlauf einiger Etappen der Weltgeschichte in den darauf folgenden 100 Jahren maßgeblich beeinflußt. Ob sie allerdings für alle in diesen Zeitraum fallenden geschichtlichen Ereignisse verantwortlich sind, mag man bezweifeln. Auch David Keys gelingt es nur für einige der Entwicklungen, die nach dieser »Naturkatastrophe« stattfanden, schlüssige Belege zu liefern.

So zeigt er in seiner Untersuchung beispielsweise auf, wie die Klimakatastrophe durch Dürren, Hungersnöte und ihre epidemiologischen Nachwirkungen das Oströmische Reich zur Hälfte zerstörte, indem sie Horden von zentralasiatischen Barbaren veranlaßte, gegen seine nördlichen Grenzen zu ziehen und die Araber zwang, Druck auf die Südflanke des Imperiums auszuüben. Ob aber die Katastrophe auch für die Ausdehnungswellen des Islam nach Europa mitverantwortlich war, kann auch er nicht schlüssig belegen.

In der Neuen Welt wiederum, und das ist gesichert, verursachte die Klimakatastrophe einen vom Hunger getriebenen Volksaufstand, der die größte aller alten amerikanischen Kulturen zerstörte: das mexikanische Reich von Teotihuacan.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen