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Wetter macht Geschichte Irische »Potato Blight« 1846: »Missernte und Massenflucht«

02.12.2002 ·  Die englische Herrschaft etablierte in Irland die Anglikanische Kirche. Katholiken wurden unterdrückt, die keltisch-irische Kultur in die Opposition gezwungen.

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Die englische Herrschaft etablierte in Irland die Anglikanische Kirche, deren Wurzeln älter als die Reformation sind. Katholiken wurden unterdrückt, die keltisch-irische Kultur und Sprache in die Opposition gezwungen. Die Engländer enteigneten die irisch-katholischen Landbesitzer und siedelten Mitte des 19. Jahrhunderts Tausende von Menschen aus dem fruchtbaren Osten der Insel in den kargen Westen um. Vor allem Soldaten verließen in der Folge das Land, um bei fremden katholischen Armeen Lohn und Brot zu finden.

Wer zurückblieb, bestellte meist eine winzige Parzelle Land, die ihren Pächter und dessen Familie kaum ernähren konnte. Zum Verkaufen oder für den Eigenbedarf blieb wenig übrig, weil die Abgaben an die neuen englischen Landeigner horrend waren. Zum Gefühl der Unfreiheit kam die existentielle und materielle Not. Um die Pacht für ihre Parzelle bezahlen zu können, überließen viele Männer die kleinen Felder ihren Frauen und Kindern und arbeiteten in Schottland und Ostengland als Erntehelfer. Wer die Pacht trotzdem nicht entrichten konnte, mußte die überlassene Parzelle verlassen.

Als säumiger Zahler bekam er bei den englischen Grundbesitzern in der Regel dann auch keine zweite Chance. Der einzige Ausweg lag dann wieder im Auswandern. Und Auswandern kostet Geld. Ein ernied-
rigender Kreislauf, der die Menschen immer tiefer ins Elend trieb.

Nebel im Hochsommer

Der Hochsommer des Jahres 1845 ist heiß und trok-ken. Ideale Voraussetzungen für eine ertragreiche Kartoffelernte. Die aus Amerika stammende stärkehaltige Knolle kam einst über Spanien nach Europa. In Irland ist sie seit dem 17. Jahrhundert das Grundnahrungsmittel der Unterschichten.

In jenem Sommer 1845 also änderte sich von einem Tag auf den anderen das Wetter! Die Temperaturen sinken, und Nebel zieht auf. Dann setzt Dauerregen ein. Es regnet drei Wochen lang. Die Felder werden überflutet, die Hütten stehen unter Wasser und das Vieh ertrinkt. Doch mehr noch als die Bevölkerung leiden zunächst die Kartoffelpflanzen unter der Witterung. Sie werden schwarz und faulig.

Erste Untersuchungen führen zu der Einsicht, die Kartoffeln hätten sich durch den andauernden Regen derart mit Wasser vollgesogen, daß nun die Fäulnis einsetze. Weit gefehlt: Der Übeltäter ist in Wirklichkeit eine von einem Überseeschiff stammende kleine, auf Feuchtigkeit angewiesene Spore mit großer Zerstörungskraft. Die Phytophthora infestans - die Kartoffelpest - vermehrt sich so rasend schnell, daß eine einzige infizierte Kartoffel innerhalb kürzester Zeit Tausende weitere Pflanzen anstecken kann. Vor allem dann, wenn es naß und neblig ist.

Es regnet, regnet und regnet

Die Kartoffel ist lebenswichtig für Irland. Und die Landbevölkerung weiß sehr schnell, daß ihr harte Zeiten bevorsteht. Kurzentschlossen muß man die ungeliebten Engländer um Hilfe bitten. Die stellen dann auch zunächst einmal 100.000 Pfund zur Verfügung, so daß in den USA Mais gekauft werden kann. Ein wichtiger Schritt, der zumindest den Ausbruch der Hungersnot mildert.

Doch mit dem Winter kommt die Not, und das darauffolgende Jahr 1846 sollte noch viel schlimmer werden. Nach einem milden Frühjahr setzt erneut ein Dauerregen ein. Diesmal noch früher, heftiger und länger als im Vorjahr. Die Seuche breitet sich rasend schnell aus. Im August sieht man auf der ganzen Insel bereits nur noch schwarze Kartoffelfelder. Spätestens jetzt ist klar, daß die Menschen ohne weitere und schnelle Hilfsmaßnahmen aus England nicht überleben werden. Aber die Hilfe kommt nicht ein zweites Mal. Statt dessen das todbringende Jahr 1847: Typhus und Fleckfieber breiten sich aus, raffen die geschwächten Überlebenden der Hungerkatastrophe hinweg.

Die Iren verlassen ihre Insel

Nun ist ganz Irland auf der Flucht. Die Menschen lassen alles zurück, um dem Elend und der Anstekkungsgefahr zu entkommen. Die massenhafte Emigration der Iren nach Amerika ist rückblickend die wohl weitreichendste Folge der Hungerkatastrophe dieser Jahre. Allein in den zehn Jahren von 1841 bis 1852 sinkt die Bevölkerung durch Hungertod und Auswanderung von 8,2 auf 6,5 Millionen. Zwischen 1845 und 1855 wandern mehr als zwei Millionen Menschen aus, die meisten besteigen ein Schiff nach Amerika. Noch heute leben ca. dreimal so viele Iren in den Vereinigten Staaten wie in Irland selbst.

Und nicht zu vergessen: Es waren die irischen Emigranten, die den St. Patrick's Day zu einem Massenspektakel mit Paraden, immer wachsender Teilnehmerzahl, kommerziellen Begleitveranstaltungen bis hin zum Tourismusgeschäft ausweiteten.

Und da grün die irische Nationalfarbe ist, wird noch heute alles an diesen Tagen grün eingefärbt: Schals, Pullover, Hosen, Hüte … und auch das Bier, was den Tag im Volksmund zum »Green Beer Day« stempelte.

Der Regen kehrt zurück

Wenden wir uns wieder der Mißernte zu, die damals ganz Europa heimsuchte. Auch 1848 kommt der Regen zurück und mit ihm die schon überwunden geglaubte Kartoffelpest. Als nun auch noch - von einem Seemann eingeschleppt - die asiatische Cholera ausbricht und sich in Windeseile auf der gesamten Insel ausbreitet, wird ganz Irland unter Quarantäne gestellt. Die Cholera-Epidemie forderte Hunderttausende von Todesopfern. Im Herbst 1848 ist die Kartoffelpest endlich überstanden.

Verhängnis oder Vorsatz?

Eine Million Menschen sind ums Leben gekommen. Nicht durch einen Krieg, sondern durch die gewaltigen und unkontrollierbaren Kräfte der Natur. Katastrophale Wetterbedingungen und ein bis dahin unbekannter Pilz haben ein ganzes Land fast zugrunde gerichtet. Ein natürliches Verhängnis, für das die Briten allerdings eine große Mitschuld tragen. Die Kartoffelmißernte mag noch ein Naturereignis gewesen sein, aber die britischen Hilfsaktionen waren gewiß keines. Denn die britische Regierung gab für die Hilfe insgesamt nicht mehr als zehn Millionen Pfund aus, während sie siebzig Millionen Pfund in den Krimkrieg steckte. Einige behaupten, Königin Victoria habe dem Hilfsfonds kümmerliche fünf Pfund gestiftet, andere weisen darauf hin, daß sie in Wirklichkeit fünftausend Pfund gespendet habe. Die Regierung erklärte zudem viel zu früh die Hungersnot als überwunden. Rücksichtslos vertrieben manche Grundbesitzer die irischen Pächter von ihrem Land. Viele Iren erinnern sich noch heute der Schiffe, die während der Hungersnot die Häfen in Richtung Großbritannien verließen, schwer beladen mit Korn und Vieh.

Vom Wetter aber spricht heute niemand mehr.

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