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Wetter macht Geschichte Hiroshima 1945: »Wetterbesserung bringt den Tod«

02.12.2002 ·  Der 16. Juli 1945. Der amerikanische Präsident Harry S. Truman befand sich in Berlin.

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Der 16. Juli 1945. Der amerikanische Präsident Harry S. Truman befand sich in Berlin, wo er an diesem Tag durch die Trümmer der Hauptstadt des geschlagenen Reichs fuhr. In wenigen Tagen wird er auf Schloß Cecilienhof mit Josef Stalin und Winston Churchill zusammentreffen, die drei, die auf der Potsdamer Konferenz das Europa der Nachkriegszeit gestalten wollen. Es ist gerade drei Wochen her, daß Vertreter von fünfzig Staaten in San Francisco die Charta der Vereinten Nationen unterschrieben haben. Sie wurden dabei von der Hoffnung geleitet, diese Staatengemeinschaft möge das Ausbrechen künftiger Kriege vermeiden.

Und dabei tobte im Pazifik immer noch ein zermürbender Krieg. Die Schlachten von Guadalcanal, Midway und Iwoyima sind zwar geschlagen. Amerika hat die Japaner zurückgedrängt, aber vor einer Invasion der japanischen Inseln schrecken General McArthur, Admiral Nimitz und alle Offiziere der Verbündeten zurück. Sie würde viele hunderttausend alliierte Soldaten das Leben kosten, von den japanischen Verlusten ganz zu schweigen. Amerika, das gerade den Krieg in Europa gewonnen hat, will keine neuen blutigen Schlachten. Amerika will endlich wieder Frieden.

Das »Ding« aus der Wüste

Die Wüste östlich des Rio Grande und westlich der Sierra Oscura in New Mexico ist trostlos. Kein Wunder, daß die spanischen Eroberer diesen öden Landstrich vor vierhundert Jahren »Jornada del Muerto« (Reise der Toten) genannt haben. Das Gebiet gehörte in den Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges zum Raketenschießplatz »White Sands« des amerikanischen Heeres und war Sperrgebiet. Seit Wochen schon ging es dort außergewöhnlich geschäftig zu. Ingenieure hatten ein »Ding« zusammengesetzt. Der eiförmige Gegenstand hieß tatsächlich nur »Ding«, weil er in den letzten zwei Jahren in einem Projekt mit der allerhöchsten Geheimhaltungsstufe entstanden war und deshalb keinen spezifischen Namen haben durfte. Es handelte sich um das größte Geheimvorhaben der amerikanischen Geschichte, geleitet von Brigadegeneral Leslie R. Groves. Ihm unterstanden mehrere hunderttausend Arbeiter und eine Crew von ausgezeichneten Wissenschaftlern, das Beste, was das Land zu bieten hatte. Und er verfügte über einen Milliarden-Dollar-Etat.

Die erste Atombombe der Welt explodiert

Einer der Physiker, die für Groves arbeiteten, hieß Julius Robert Oppenheimer. Dieser junge Wissenschaftler leitete einen Stab von hervorragenden Forschern, die hier in New Mexiko, in Los Alamos, wie das streng geheime Laboratorium genannt wurde, die erste Atombombe der Welt bauen sollten. Aber weder Groves noch Oppenheimer und seine Crew wußten zu Beginn des Unternehmens, wie das zu machen war. Für ihn und seine Kollegen war der 16. Juli 1945 daher ein ganz besonderer Tag. In den frühen Morgenstunden war es ihnen endlich gelungen, die erste Atombombe der Welt, im sogenannten Trinity-Test in Alamogordo, zu einer kontrollierten Explosion zu bringen. Innerhalb weniger Wochen sollte dieser erfolgreiche Test den Präsidenten der Vereinigten Staaten allerdings vor die schwerste Entscheidung seines Lebens stellen.

Wohin mit der Bombe?

Ziel des amerikanischen Unternehmens, des Manhattan-Projekts, war es, noch vor den Deutschen und den Sowjets eine funktionsfähige Bombe in Händen zu halten. Durch die Kapitulation Hitlerdeutschlands am 8. Mai 1945 war ein Kontrahent aus dem Rennen. Doch wie weit waren die Forschungen der Wissenschaftler Stalins gediehen? Man wußte es nicht genau. So bot sich mit dem erfolgreichen Bombentest vom 16. Juli 1945 die ideale Gelegenheit, Stalin auf der Potsdamer Konferenz am 24. Juli davon in Kenntnis zu setzen und zu sehen, wie er reagierte. Truman ließ die Nachricht durchsickern.

Doch reichte die Mitteilung aus? Eine Machtdemonstration mußte her. Und das einzig brauchbare, verbliebene Ziel in diesem Krieg war Japan.

Die Atombombe für Japan

Viele der am Manhattan-Projekt beteiligten Wissenschaftler lehnten den Einsatz einer Atombombe in von Menschen besiedelten Gebieten ab. Als Kompromiß schlug man vor, japanische Generäle zu einem Atomtest auf einer einsamen Insel im Pazifik einzuladen, um ihnen die zerstörerische Macht des gespaltenen Atoms und eines möglichen Abwurfs dieser Bombe über Japan vorzuführen. Eine kluge Idee. Vielleicht hätten sie noch vor Ort kapituliert. Wer weiß? Aber weder das Pentagon noch das Weiße Haus hielten diesen Kompromiß für realistisch. Falls der Atomtest in Gegenwart der Japaner mißlungen wäre, hätte man sich womöglich der Lächerlichkeit preisgegeben. Und schließlich sollte gegenüber den Sowjets der Beweis über die Schlagkräftigkeit der Bombe unter Beweis gestellt werden. Deshalb traf Trumans Kabinett die Entscheidung, Anfang August 1945 zwei Atombomben über Japan abzuwerfen, ohne vorher vor der vernichtenden Kraft der Waffe zu warnen. Das würde Tokio zur Kapitulation zwingen und eine verlustreiche Eroberung des Inselreiches überflüssig machen.

Das Wetter entscheidet über das Ziel

Am 3. August soll die erste Atombombe dieser Art auf Japan fallen. Vier Städte kommen als Ziel in Frage: Hiroshima, Kokura, Nigata oder Nagasaki. Sie alle schützt an diesem Morgen ein wolkenverhangener Himmel. Schließlich kann die Bombe nur bei Sichtflugbedingungen eingesetzt werden. Um 7.10 Uhr meldet das amerikanische Wetterbeobachtungsflugzeug ein Aufreißen der Wolkendecke über Hiroshima. Damit ist das Ziel für Colonel Paul Tibbets gefunden. Um 7.40 Uhr startet die viermotorige »Enola Gay«. Sie steigt bis auf 10.000 Meter Höhe und nähert sich der japanischen Hauptinsel Shikoku. Um kurz nach acht Uhr morgens dreht ein Mechaniker die beiden daumengroßen Zündkappen der Atombombe, die nun einen Namen hat, »Little Boy«, eine Vierteldrehung gegen den Uhrzeigersinn. Dann zieht er die Kappen ab und macht dadurch die Zünder scharf. Die Luke öffnet sich, und von drei Fallschirmen getragen, schwebt das 4 Tonnen schwere Ungeheuer auf Hiroshima zu. Die Atombombe, die Amerika vielleicht auf Deutschland hätte werfen können, explodiert drei Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges in 580 Metern Höhe über der Stadt. Ein 5 Millionen Grad heißer Feuerball tötet 90.000 Menschen in Sekundenschnelle, Zehntausende sterben danach an Verbrennungen und Spätfolgen. Das Wetter hat über das Ende dieser Stadt entschieden.

Drei Tage später detoniert die zweite Atombombe, »Fat-Man«, über Nagasaki. Nachdem die Japaner die ungeheure Zerstörungskraft der Bombe erlebt haben, sind sie zur bedingungslosen Kapitulation bereit. Am 15. August 1945, einen Monat nach dem Trinity-Test in New Mexico, war damit der Krieg zu Ende. Die Amerikaner verlagern ihre Atomversuche in den Pazifik und nach Nevada. Der strategische Vorteil, die einzige Atommacht der Welt zu sein, hält nicht lange. Schon am 29. August 1949 testen auch die Sowjets ihre erste Atombombe erfolgreich. Sie hatten ihre Forschungsanstrengungen massiv intensiviert, als Truman die Nachricht von der amerikanischen Bombe an Stalin durchsickern ließ. Das atomare Patt zwischen den USA. und der Sowjetunion war erreicht.

Was danach folgte, war der teuerste und bedrohlichste Rüstungspoker der Weltgeschichte, der Kalte Krieg, der mit der nun folgenden Wettergeschichte seinen vorläufigen Höhepunkt fand.

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