02.12.2002 · Nikita Chruschtschow hatte John F. Kennedy während ihrer ersten und einzigen Begegnung im Juni 1961 in Wien gewogen und für zu leicht befunden.
Nikita Chruschtschow hatte John F. Kennedy während ihrer ersten und einzigen Begegnung im Juni 1961 in Wien gewogen und für zu leicht befunden. Hatte dieser Jungspund doch tatsächlich einen von den Russen vorgeschlagenen beiderseitigen Verzicht auf Atomwaffen ausgeschlagen. Er könne keine Konzessionen machen, müsse eine mögliche Wiederwahl im Auge behalten. Er kam zu Verhandlungen und konnte nicht verhandeln. Ein starkes Stück.
Diese Begegnung war dann auch so etwas wie der Anfang der Spirale von Täuschungen und Theorien, Aktionen und Gegenmaßnahmen, die die Welt beinahe in ihren Untergang rutschen ließ. Nun glaubte Chruschtschow nämlich, seine seit 1958 ausgesprochene Drohung zur Änderung des Status quo von West-Berlin wahrmachen zu können. Er zweifelte daran, daß dieser, seiner Meinung nach viel zu junge amerikanische Präsident wegen der westlichen Zugangsrechte in Berlin den Atomkrieg mit der Sowjetunion riskieren werde. Der Mauerbau vom August 1961 war da nur ein Zwischenschritt.
Schließlich sah sich Chruschtschow ringsum von Nato-Stützpunkten umzingelt, von denen aus die Atommacht Amerika mit Mittelstreckenraketen sein Land in Schach hielt. Eine unerträgliche Situation. Wenn man sich diesem Druck schon nicht entziehen konnte, so mußte wenigstens der Gegendruck erhöht werden. Am besten vor der Haustür der Amerikaner, in Kuba.
Die tödliche Bedrohung von der Zuckerinsel
Schließlich gab es dort Fidel Castro, der dringend politische und militärische Unterstützung gegen die amerikanische Bedrohung suchte. Sollte er bekommen. Zunächst beschränkte sich die sowjetische Unterstützung allerdings auf die Entsendung von Beratern, die Lieferung von Panzern und Artillerie. Dann aber, Mitte 1962, faßte die Sowjetführung den Beschluß, auch Mittelstreckenraketen mit nuklearen Sprengköpfen - unter eigenem Kommando - auf Kuba zu stationieren.
Die »Operation Anadyr« sah u.a. die Stationierung von rund 40 Mittelstreckenraketen, von Cruise Missiles und Nuklearköpfen vor. Offiziell diente das natürlich ausschließlich der Stärkung der Verteidigungskraft Kubas. Doch am 14. Oktober gelangen den amerikanischen Höhenaufklärern erste Bilder, aus denen hervorging, daß dort keine Defensivwaffen, sondern vielmehr Rampen für Mittel- und Kurzstreckenraketen gebaut wurden, die zudem bereits vor Ort in Hangars lagerten.
Eine Seeblockade um Kuba
Zwei Tage später, am Morgen des 16. Oktobers, rief Kennedy eine geheime Arbeitsgruppe ein, die ihm sogleich dringend riet, nach dem Mauerbau keine Schwäche zu zeigen. Da die Ratgeber einen Angriff auf West-Berlin oder eine neue Blockade der Stadt durch die Sowjets befürchtete, trat sie zunächst sehr entschieden für einen militärischen Erstschlag gegen Kuba ein. Glücklicherweise widerstand Kennedy diesem Vorschlag. Statt dessen ordnete er eine Seeblok-kade um Kuba an. Amerikanische Kriegsschiffe sollten die Lieferung weiterer sowjetischer Waffen verhindern. Den meisten seiner Berater war das zu wenig. Etwas mehr Säbelrasseln durfte schon sein. Am 22. Oktober erfolgte deshalb noch eine Zugabe: Kennedy verkündete, daß jeder Schlag sowjetischer Raketen von Kuba aus gegen die Vereinigten Staaten oder deren lateinamerikanische Partner atomare Vergeltung gegen die Sowjetunion zur Folge haben werde. Gut so, das wollten die amerikanischen Bürger hören. Und siehe da: Am 24. Oktober drehten die sowjetischen Schiffe mit Mittelstreckenraketen an Bord vor der amerikanischen Blockade ab oder blieben vor Anker.
Der kubanisch-türkische Kuhhandel
Am 28. Oktober war der sowjetische Parteichef bereit, seine Raketen von Kuba gegen das amerikanische Versprechen abzuziehen, die Insel nicht anzugreifen. Zusätzlich sollten die Amerikaner zu einem späteren Zeitpunkt ihre in der Türkei stationierten Mittelstreckenraketen entfernen. Diese aber standen unter dem Oberbefehl der Nato und konnten somit nicht als alleinige Verfügungsmasse der amerikanischen Regierung angesehen werden. Und wie sollte Kennedy der Nato erklären, daß er für nationale Interessen die Sicherheit der Alliierten aufs Spiel setzt? Die Lösung, die er fand, wird heute noch bewundert. Öffentlich versicherte er Chruschtschow, bei Abzug der russischen Raketen auf eine Invasion Kubas zu verzichten. In einer privaten Botschaft deutete er an, daß Verhandlungen über eine Rückführung seiner Raketen in der Türkei bald beginnen könnten.
Die Krise spitzt sich zu
Die Seeblockade wurde aufgehoben, aber es kam zu weiteren Störungen, die das ohnehin zerbrechliche Abkommen in Frage stellten: der Abschuß eines US-Aufklärungsflugzeuges über Kuba; das Zögern der Sowjetunion, auch die IL-28-Bomber aus Kuba abzuziehen, und schließlich Querschüsse Castros, der sich von seinen sowjetischen Partnern überrumpelt fühlte und zumindest die taktischen Nuklearwaffen behalten wollte. Auch am »Checkpoint Charlie« in Berlin lag damals Krieg in der Luft. Russische und amerikanische Panzer standen einander an der weißen Grenzlinie gefechtsbereit gegenüber. Beide Seiten hatten angeblich Befehl, den ersten Schuß des Gegners sofort zu erwidern. Es dauerte viele Stunden, bis der Kommandant des russischen Führungspanzers plötzlich mit aufheulendem Motor ein paar Meter zurücksetzte.
Eine Frage des Windes
Die dramatische Konfrontation der beiden Supermächte ist auf ihrem Höhepunkt. Man mußte jederzeit mit einem Überraschungsangriff der Sowjets auf Mitteleuropa rechnen. Den Kernwaffenexperten auf beiden Seiten ist vollkommen klar, daß ein derartiger Atomschlag mit dem kollektiven Selbstmord Rußlands einhergehen würde. Auch wegen der zu erwartenden Vergeltungsschläge, aber vor allem wegen der allgemeinen Wetterlage. Wir erinnern uns an die Coriolis-Kraft: Die West-Ost-Bewegung der Erdoberfläche, die die vom Äquator nach Norden strömende Luft nach Westen ablenkt und auf der Nordhalbkugel der Erde vorwiegend für Westwind sorgt. Genau hier lag das Problem: Der Westwind hätte beispielsweise bewirkt, daß sich die radioaktive Wolke einer Atombombe über Frankreichs Kernwaffenarsenalen in der Provence sehr schnell bis nach Kiew ausgebreitet hätte.
Ohne den Westwind, hätte aus dem kalten Krieg sehr schnell ein heißer Krieg werden können.