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Westjordanland : Heiligabend auf dem Hirtenfeld

Kurz vor Weihnachten: Ein Palästinenser schmückt Beit Sahour halbwegs festlich. Bild: IMAGO

Bei Bethlehem bieten Palästinenser Zimmer für Touristen an. So können christliche Pilger auch etwas über den Nahostkonflikt lernen.

          Weihnachten beginnt direkt vor der Haustür von Simon Awad. „Ich sehe mir das lieber im Fernsehen an. Das Gedränge draußen ist zu groß“, sagt der Palästinenser. Wenn in Beit Sahour zum ersten Mal die Lichter auf dem festlich geschmückten Christbaum vor dem Rathaus erstrahlen, ist auf der Treppe vor seiner Wohnung keine Stufe mehr frei. Die ganze Stadt ist dann auf den Beinen. Tausende drängen sich auf der Straße vor dem Haus von Familie Awad. Von ihrer Treppe lässt sich der Baum besonders gut sehen. Dabei ist  es nicht einmal eine Tanne, sondern eine immergrüne Arizona-Zypresse. Ein Metallkorsett hilft dem altersschwachen Baum, die Last der Lichterketten zu tragen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Auch in diesem Jahr werden es sich Simon Awad, seine Frau Hunaida und ihre 17 Jahre alte Tochter Jasmin wieder auf der Sitzgarnitur bequem machen und ansehen, was das palästinensische Fernsehen live überträgt. Ihr ältester Sohn wäre gerne dabei, aber er studiert in Kuba Medizin. Nur ihr 15 Jahre alter Sohn Amir wird unten auf der Straße sein. Er spielt Trompete in einer der vier christlichen Pfadfinderkapellen, die mit Trommeln, Blechbläsern und Dudelsäcken vor dem Baum musizieren. Sie machen dem Namen ihrer Heimatstadt alle Ehre: Beit Sahour heißt  auch „Hirtenfeld“. In den Weihnachtskrippen sorgen musizierende Hirten an Heiligabend bis heute für die Musik.

          Eine Herberge für die Reisenden

          Auch außerhalb der Weihnachtszeit geht es in dem Ort im Westjordanland alles andere als besinnlich zu. Oft beginnt der Stau schon vor dem eigentlichen Hirtenfeld. Dann haben sich wieder die Pilgerbusse auf der engen Straße ineinander verkeilt. Kaum sind sie ausgestiegen, mahnen ihre Reiseleiter zur Eile. „Gruppe elf schnell in Höhle zwei. Auf die Toilette können Sie später“, ruft ein gestresster Führer. In den niedrigen Höhlen auf dem umzäunten Gelände sollen die Hirten übernachtet haben, bevor ihnen der Engel erschien und sie nach Bethlehem rief. Nicht nur vor Weihnachten, sondern das ganze Jahr über ist Hochsaison auf dem Hirtenfeld: Priester und
          Pastoren feiern dort in den Höhlen und den kleinen Kapellen Gottesdienst im Stundentakt – in einem babylonisch wirkenden Sprachgemisch auf Portugiesisch, Rumänisch und Deutsch zur gleichen Zeit. Am Eingang warten schon ungeduldig die fliegenden Händler mit palästinensischen Holzschnitzereien auf die Pilger.

          Beit Sahour heißt auch „Hirtenfeld“. Bilderstrecke

          Die meisten Reisenden steigen aber gleich wieder in die Busse und brausen davon. Doch wer eine Bleibe sucht, der kann den Sternen und dicken Engeln folgen, die das ganze Jahr über an der katholischen Kirche hängen, die gegenüber dem Haus der Awads steht. Simon und Hunaida Awad bieten Reisenden eine Herberge im Zentrum von Beit Sahour – inklusive Rundumsorglos-Paket. Sie gehören zu den 90 Gastgebern in der Kleinstadt, die im vergangenen Jahr mehr als 1500 Gäste aufgenommen haben. Während an den Feiertagen die Betten in den Hotels knapp werden, ist bei den privaten Vermietern meistens noch ein Zimmer frei. Die Mitarbeiter der „Alternative Tourism Group“, die den Besuchern das wirkliche Palästina näher bringen wollen, vermitteln die Unterkünfte – und zeichnen eine Anfahrtsskizze mit dem Weihnachtsbaum als Orientierungspunkt. Das ist auch nötig, denn an der Tür der Wohnung der Familie Awad gibt es nur ein verblichenes Namensschild. Aber Klingeln ist überflüssig, denn sobald Simon Awad Schritte auf der Treppe hört, ist er schon draußen und hilft mit dem Gepäck.

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