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Westfalen? Gibt’s nicht!

 ·  Westfalen kommt in vielen Schulbüchern kaum vor – und wenn, dann nur als Zerrbild. Das beste Beispiel ist Bielefeld: Die Stadt, die es tatsächlich (fast) gar nicht gibt.

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© Archiv Bielefeld: Gibt’s das wirklich?

Die Behauptung, es gebe Bielefeld gar nicht, ist ein aus einer Partylaune entstandener Gag, der sich seit Jahren im Internet hält. 2010 drehten Bielefelder Studenten sogar einen Film mit dem Titel „Die Bielefeld-Verschwörung“ über ihre angebliche Phantomstadt. Doch nun ist der wissenschaftliche Nachweis gelungen, dass es Bielefeld tatsächlich - fast - gar nicht gibt.

In den Erdkunde-Büchern, die an den Gymnasien in Nordrhein-Westfalen verwendet werden, kommt Bielefeld nämlich nur einmal vor - beim Thema Pendlerwesen. Aber nicht nur Bielefeld wird in den Lehrwerken stiefmütterlich behandelt, sondern gleich zwei stolze nordrhein-westfälische Landesteile. Westfalen und Lippe sind im Vergleich zum Rheinland in den Erdkundebüchern für alle weiterführenden Schulen quantitativ unterrepräsentiert. Am eklatantesten ist der Unterschied in den Büchern für die Gymnasiasten: Von 105 Beiträgen zu Nordrhein-Westfalen behandeln 76 das Rheinland und nur 29 Westfalen-Lippe.

Keine Industrie vorhanden

Hinzu kommt: Wenn es um Westfalen und Lippe geht, geschieht das unter Überschriften wie „Leben in Dorf oder Kleinstadt“. Themen wie „Stadt“ oder „Industrie“ finden dagegen weit überwiegend im Rheinland statt. „Schüler müssen - jedenfalls aus ihren Schulbüchern - den Eindruck gewinnen: Rheinländer leben in der Stadt, Westfalen auf dem Land“, sagt Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), der die Untersuchung in Auftrag gegeben hat. „Es wird so getan, als ob es bei uns keine Industrie gäbe und wir alle noch mit der Kiepe auf dem Rücken herumlaufen.“ In Westfalen, wo heute rund 46 Prozent der Bewohner des Bundeslandes leben, gibt es traditionell Befürchtungen, im Vergleich mit dem Rheinland benachteiligt zu werden. Legendär ist der Satz, den der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Fritz Steinhoff (SPD) seinem Stellvertreter und Finanzminister Willi Weyer (FDP) beim Amtsantritt gesagt haben soll: „Wir Westfalen müssen das halten, was die Rheinländer versprechen.“

Heute ist der aus Hessen stammende Wolfgang Kirsch der eifrigste Mahner. Sein LWL ist nicht nur ein Kommunalverband mit Tausenden Beschäftigten in Förderschulen, Krankenhäusern und Museen. Er wirkt auch als Klammer für Westfalen und Lippe, die drei Regierungsbezirke Münster, Arnsberg und Detmold sowie so unterschiedliche Städte wie Gelsenkirchen, Coesfeld, Bochum, Detmold und auch Bielefeld.

270.000 Kinder auf dem Gymnasium

Durch die nun vorgelegte Schulbuchstudie sieht Kirsch seinen Eindruck bestätigt, dass Westfalen-Lippe als vorindustrielles Agrarland und allenfalls als beschauliche Freizeit- und Tourismusregion wahrgenommen wird. Dabei sprechen die Fakten eine andere Sprache. In Westfalen-Lippe gibt es laut Statistischem Jahrbuch NRW 2011 nicht nur mehr Betriebe, sondern auch mehr Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe als im Rheinland. Auch stammen aus Westfalen und Lippe rund 45 Prozent der in Nordrhein-Westfalen hergestellten elektrischen Energie. Für die Schüler des bevölkerungsreichsten Bundeslandes findet Energieerzeugung im Erdkundeunterricht dennoch zu 100 Prozent im Rheinland statt.

Studien-Autor Peter Wittkampf, der bis vor kurzem Erdkunde-Fachberater bei der Bezirksregierung Münster war, warnt vor verhängnisvollen Folgen. Eine große Zahl von Schülern in Westfalen-Lippe - mehr als 270.000 Kinder und Jugendliche gehen derzeit in den beiden Landesteilen aufs Gymnasium - erfahre so gut wie nichts über ihre Heimatregion. Über die Ursachen des akuten Westfalen-Lippe-Mangels kann der ehemalige Studiendirektor Wittkampf nur spekulieren. Schulbuchverlage und -autoren arbeiteten offenbar mit Bausteinen, die auch in neu konzipierten Lehrwerken verwendet würden.

Gebührender Platz

LWL-Direktor Kirsch will das nun ändern. Er hat Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) einen dicken Band mit 350 Änderungsvorschlägen zukommen lassen. „Wir müssen alles dafür tun, dass Westfalen zutreffend dargestellt wird und auch unserem Landesteil der ihm gebührende Platz in den Schulbüchern eingeräumt wird.“ Erste Lichtblicke gibt es für Westfalen-Lippe schon. Ausgerechnet in den Erdkunde-Büchern für die so häufig geschmähte Hauptschule ist das Rheinland-Westfalen-Verhältnis ausgeglichen.

Und auch in den Lehrwerken für die anderen weiterführenden Schulen werden die Landesteile wenigstens bei einigen Unterthemen gleichgewichtig behandelt. Beispiele sind die Methodenübungen „Vom Luftbild zur Karte“ und „Karten lesen“. Damit ist immerhin sichergestellt, dass auch Gymnasiasten in Nordrhein-Westfalen eine Chance bekommen, Bielefeld wenigstens verorten zu können.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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