14.08.2005 · Rund eine Million jugendliche Pilger aus der ganzen Welt werden zum Weltjugendtag in Köln erwartet. Jeder von ihnen hat unterschiedliche Gründe, für eine Woche in die Stadt am Rhein zu fahren.
Von Florentine FritzenAls Kind mußte Robert Gärtner regelmäßig in den Gottesdienst. „Ich habe es gehaßt.“ Ein paar Jahre später war er kurz davor, aus der katholischen Kirche auszutreten. „Aber dann hat mir die KJG dazwischengefunkt“, erzählt der Fernmeldetechniker. Das „K“ im Namen der „Katholischen Jungen Gemeinde“ war für den heute Siebenundzwanzigjährigen zunächst nicht so wichtig, er fühlte sich einfach wohl in seiner Jugendgruppe. Weil deren Gottesdienste in den Zeltlagern aber „richtig gut“ waren, fing er an, in der Bibel zu lesen und sich mit Religion und Kirche zu beschäftigen.
Seine Freundin Lena Altherr, die noch zur Schule geht, aber zugleich schon an der Universität Mainz Mathematik studiert, hat Robert über die KJG kennengelernt. Die beiden erleben in ihrem Jugendverband eine Form von Kirche, wie sie ihrer Ansicht nach in vielen Pfarrgemeinden fehlt. Anfang der Woche reisen sie in verschiedenen Bussen zum Weltjugendtag nach Köln: Robert mit Jugendlichen aus seiner Pfarrgemeinde in Hanau bei Frankfurt und Gästen aus Nigeria und der Ukraine, Lena mit ihrer Mainzer KJG-Gruppe. Warum sie nach Köln wollen? „Wegen der Gemeinschaft“, lautet die Antwort, die viele Jugendliche geben, bevor sie noch andere, sperrigere Antworten finden. Lena sagt es erst mal so: „Ich finde es cool, daß sich da sauviele Jugendliche auf einmal treffen werden.“
„Ich will den Papst sehen“
Auch Stephanie Langer fährt nach Köln, mit der „Katholischen Jugendzentrale Mainz“. Ihr zweites Motiv nach „Gemeinschaft“ heißt: „Ich will den Papst sehen.“ Er sei eben das Oberhaupt, sagt die Koblenzer Lehramtsstudentin, „und es ist wichtig für die Kirche, ein solches Oberhaupt zu haben“. Ihr Interesse gelte aber mehr der Institution Papst als der Person Benedikts XVI. Mit dessen Ansichten stimme sie nicht immer überein: Sie würde sich zum Beispiel freuen, wenn Zölibat und Verbot des Frauenpriestertums bald fielen. „Was die im Vatikan beschließen, ist nicht immer meine Meinung“, erzählt auch Lena Altherr. „Ich bin zwar nicht zwingend dafür, daß Frauen Priester werden müssen. Aber ich möchte Antworten darauf haben, warum sie nicht Priester werden sollen.“
Benedikt XVI. hat Lenas Ansicht nach bei der katholischen Jugend einen schweren Stand. „Er war eben schon als Vorsitzender der römischen Glaubenskongregation bekannt dafür, daß es seine Aufgabe ist, konservative Ansichten zu vertreten.“ Obwohl auch Johannes Paul II. moraltheologisch konservativ war, sei er bei der Jugend beliebt gewesen - auch, weil er die Weltjugendtage erfunden habe. „Der Ratzinger ist jetzt halt noch ganz neu.“ Lena hat sein Buch „Salz der Erde“ gelesen und hält ihn für „verdammt intelligent“.
Barrieren überwinden
Es sei aber auch nicht Aufgabe des Weltjugendtags, Papstkritik zu üben, sagt der 23 Jahre alte Pfadfinder Marcus Ohl. Die Diskussionen über Zölibat, Frauenpriestertum und nichteheliche Lebensgemeinschaften spielten in der Weltkirche eine viel geringere Rolle als in Deutschland. „Der Papst ist ein Symbol für die große Gemeinde der Katholiken“, sagt der Mannheimer Politikstudent. „Es ist gut, daß er mit seinem Kommen ein Zeichen setzt und zeigt, daß ihm die Jugend wichtig ist.“ Marcus Ohl freut sich aber nicht nur auf den Papst, sondern auch auf „das Internationale“ des Weltjugendtages: „Da werden Barrieren überwunden: Reisebarrieren und Sprachbarrieren.“
Anders als Robert, Lena, Stephanie und Marcus engagiert sich die 17 Jahre alte Marie-Luise Kochsiek aus Frankfurt nicht in einer kirchlichen Gruppe. Den Weltjugendtag, zu dem sie mit einer Freundin fährt, nennt sie „ein Projekt für mich selber“. Sie wolle sich darauf einlassen, „daß ich da so viel bete wie sonst im ganzen Jahr nicht“. Vergangenes Jahr ging Marie-Luise zur Firmung, dadurch sei sie zur Zeit „etwas näher an der Kirche dran“ - auch wenn sie selten in den Gottestdienst gehe. Sie sei aber „veranlagt zur Religiosität“: Marie-Luise liest Bücher über den Buddhismus, diskutiert mit einer muslimischen und einer atheistischen Freundin über Religion, verzichtet in der Fastenzeit aufs Musikhören.
Viele Ideen für tolle Jugendgottesdienste
Auch für Marcus Ohl sind die christlichen Werte wichtiger als „konservative Formen“. Glaube bedeute für ihn, „mich jemandem anvertrauen zu können, immer und immer wieder - egal, was passiert“. Marie-Luise, die den Vatikan als „zu pompös“ empfindet, nennt den Limburger Bischof Franz Kamphaus ein Vorbild: „Den habe ich zweimal gehört und war hin und weg.“ Wegen Menschen wie Kamphaus könne sie sich „zu der sonst doch etwas angestaubten Kirche“ bekennen.
Der Staub in ihrer Kirche stört auch Lena Altherr und Robert Gärtner, die sich im Freundeskreis oft gegen Ansichten über den Katholizismus verteidigen müssen, von denen sie manche - wenn auch differenzierter - doch selbst teilen. Weil in den Gemeinden zu wenig für die Jugend getan werde, seien in den „traditionellen Sonntagshochämtern“ außer den Meßdienern kaum Jugendliche. Lena wünscht sich „eine Liedauswahl, die moderner ist als immer nur ,Lobe den Herren'“. Die Pfarrer, ergänzt Robert, müßten doch nur mal ins Internet gehen, da gebe es viele Ideen für tolle Jugendgottesdienste.
Zugleich solle sich die Institution aber nicht krampfhaft modernisieren. „Ich finde es richtig, daß die Kirche alte Werte hochhält“, sagt Lena. „Aber es ist auch falsch zu glauben, alles wie vor tausend Jahren machen zu können.“ Robert faßt es so zusammen: „Die Grunddinge in der Kirche sind total super, aber sie werden leider oft eher bescheiden vermittelt.“
Florentine Fritzen Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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