22.08.2005 · Die Pilger haben Köln den Rücken gekehrt - das nächste internationale Treffen der katholischen Jugend soll 2008 in Sydney stattfinden. Ein Rückblick auf den Weltjugendtag in Deutschland und die Abschlußmesse auf dem Marienfeld, wo fast eine Million Pilger mit dem Papst feierten.
Von Daniel Deckers, MarienfeldKöln leerte sich, Stunde um Stunde. Wie von einem verborgenen Magneten unwiderstehlich angezogen, hatten die Pilger seit Samstag früh die Stadt verlassen, die sie in den vergangenen Tagen auf Straßen und Plätzen, in Kirchen und Hallen mit Leben gefüllt hatten. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad, in Bussen, Straßenbahnen und Zügen ziehen sie auf das „Marienfeld“, das etwa 20 Kilometer vor der Stadt liegt. Der XX. Weltjugendtag der katholischen Kirche geht seinem Höhepunkt entgegen, dem Gebet am Abend, der Vigil, und der Heiligen Messe am Sonntag vormittag.
Als sich am späten Nachmittag die Pilgerströme um so mehr vereinen, je näher das Marienfeld rückt, mutet die Szenerie aus der Distanz an wie einst der Rückzug der Truppen Napoleons: Großes Marschgepäck hat den kleinen blauen Pilgerrucksack ersetzt, die Beine sind müde, eine Heerschar aus allen Ländern und in allen Sprachen der Welt. Doch wie Geschlagene sehen die Pilger nicht aus, auch Verwundete sind gottlob nicht zu beklagen.
Letzte Etappe der Pilgerschaft
Endlich, hinter einer Anhöhe - das Marienfeld, die letzte Etappe einer Pilgerschaft, die für die meisten vor Tagen, wenn nicht vor Wochen oder Jahren begonnen hat. Eine „Kathedrale für einen Tag“ hat das Kölner Weltjugendtagsbüro hier errichtet und das Areal auf dem Gelände eines rekultivierten Braunkohlentagebaus in eine Lagerstätte für Hunderttausende hergerichtet. Wege wurden befestigt, Strom- und Wasserleitungen verlegt, Sanitäreinrichtungen und Lautsprecheranlagen aufgebaut, dazu gut ein Dutzend mobile Bildschirme von den doppelten Ausmaßen eines mittelalterlichen Altar-Tryptichons herangefahren. Ohne mediale Vermittlung kann das heilige Spiel selbst auf dem Marienfeld nicht vonstatten gehen. Denn der von einem weißen Baldachin gekrönte Altarhügel, auf dem Papst Benedikt XVI. Vigil und Abschlußgottesdienst feiern soll, scheint von den äußeren Sektoren des 270 Hektar großen „Marienfelds“ aus betrachtet kaum größer als ein überdimensionierter Champignon zu sein.
Am Abend kommt noch einmal Wind auf. Ein frischer Wind, ein guter Wind. Zu den Klängen von Giora Feidmans Klarinette und eines „Ave Maria“ vertreibt er die letzten Wolken, die Stunden zuvor noch drohend über dem flachen Land zwischen der Kölner Bucht und der Voreifel gelegen hatten. Nun ist die Gewißheit da, daß in den kommenden Stunden keine Gefahr droht, abermals eine Nacht im Regen verbringen zu müssen. Für den Fall, daß es doch regnet, haben die meisten Pilger, die die Nacht unter freiem Himmel verbringen wollen, vorgesorgt. Auf blauen Plastikplanen haben sie dicht an dicht ihre Matten ausgebreitet und vorsorglich eine zweite Plane mitgebracht, die vor dem Regen schützen soll.
Noch eine Stunde, bis der Papst kommt
Es ist 18.30 Uhr, noch gut eine Stunde, bis der Papst eintreffen soll. Noch immer sind keine Gesänge oder Sprechchöre zu hören. Vom Altarhügel aus legt sich Musik wie ein weicher Teppich über das weite Gelände. Die jetzt wohl 700.000 Pilger zählende Schar soll nicht aufgeputscht werden wie vor einem Popkonzert oder einem Parteitag, sondern eingestimmt auf ein Gebet.
„The Holy Father is now on his way to the St. Marys Field“ - es ist 19.45 Uhr, als in englischer Sprache die Ansage erklingt, die die baldige Ankunft des „Heiligen Vaters“ ankündigt und das Finale des Weltjugendtags einleitet. Eine Viertelstunde später ein Aufschrei: Die Bildschirme zeigen das Papamobil, das sich im Licht der letzten Sonnenstrahlen einen Weg durch die Menge bahnt. Wo es sich genau befindet, ist nicht zu erkennen. Die Richtung, aus der jeweils der Jubel kommt, läßt erahnen, wo der Papst gerade ist. Vor dem Altarhügel, wo ausgewählte Pilgergruppen Stehplätze bezogen haben, ist kaum noch ein Durchkommen. Dann ist das Auto mit einem lachenden und winkenden Mann hinter Panzerglas, zu dessen Füßen zwei Kardinäle sitzen, verschwunden. Die jungen Erwachsenen, die mit ihren Fahnen den Rand des Altarhügels gesäumt hatten, müssen nun Bischöfen und Kardinälen weichen, die sich gemessenen Schrittes einen Platz suchen. Einige winken in die Menge, andere stehen steif wie Zinnsoldaten, ein Kardinal in Scharlachrot muß mitten auf der Bühne noch telefonieren. Im „Zentrum der Versöhnung“, so heißt es, wird man kaum noch derer Herr, die in diesen Stunden beichten wollen.
Deutscher „Sakro-Pop“
Am Anfang der Vigil steht die „Lichtfeier“. In der Dämmerung kommen die zahllosen Kerzen am Abhang des Hügels endlich zur Geltung. Während der Papst sich von hinten nähert, werden auf der den Gläubigen zugewandten Seite das Weltjugendtagskreuz und das Evangeliar hinaufgetragen. Als Benedikt XVI. das Plateau erreicht hat und seine Arme zum stummen Willkommensgruß ausbreitet, entlädt sich die Spannung. Ein Blitzlichtgewitter geht nieder, Beifall brandet auf, Sprechchöre (“Be-ne-det-to“) ertönen, Fahnen werden geschwenkt. Der Papst bleibt sich treu. Keine improvisierten Worte der Begrüßung, keine spontane Geste der Verständigung. Das wäre wäre Karol Wojtyla und Johannes Paul II. Nicht so Joseph Ratzinger, nun Benedikt XVI. Nicht die Person soll das Amt überformen, sondern das Amt die Person in Dienst nehmen.
So muß der Papst auch die vielen Gesänge erdulden, gegen die er als Präfekt der Glaubenskongregation noch angeschrieben hatte. Immer wieder spielen Chor und Orchester deutschen „Sakro-Pop“, gefühlige Musik, die weder zu Herzen geht noch die Menschen in Bewegung setzt. Ein Labsal sind dagegen die vielstimmigen und zudem mehrsprachigen Antiphonen aus Taizé. Schon vor langer Zeit waren sie für die Liturgie vorgesehen worden. An diesem Abend erinnern sie an Frère Roger, den Gründer jenen Ökumenischen Gemeinschaft in Burgund, der seit den Tagen des Zweiten Weltkriegs die evangelische und die katholische Welt bereichert. Am Dienstag abend war er im Alter von neunzig Jahren beim Abendgebet ermordet worden.
„Viva il Papa“
Der Papst weiht eine Glocke, die für die Kirche St. Aposteln in Köln bestimmt ist. Sie soll an den Weltjugendtag in Köln erinnern und trägt den Namen „Johannes Paul II.“. Ihr Klang ist warm und tief. Das ist nicht zu sehen, nur zu hören. Überhaupt verfremden die Bilder, die auf dem Marienfeld wie auf den Fernsehschirmen ausgestrahlt werden, die Wirklichkeit. Das Geschehen auf dem Altarhügel erscheint in fast taghellem Licht. Dabei senkt sich nun die Nacht auf die Erde, und vom Boden kriecht unerbittlich eine feuchte Kälte hinauf. Die Predigt des Papstes ist eine Auslegung des Evangeliums von den drei Königen, die angesichts des Kindes in der Krippe ihr Bild von Gott ändern mußten und damit auch ihr Bild von sich selbst. Wort für Wort hält sich der Papst an sein Manuskript, das in fünf Sprachen abgefaßt ist. Im Italienischen fühlt er sich am wohlsten, sein Französisch und sein Spanisch sind auf eine bayerisch-italienische Art melodisch. Das Englische liegt ihm am wenigsten.
Als Papst Benedikt seinen im April verstorbenen Vorgänger Johannes Paul II. erwähnt, kommt Bewegung in die Menge. Ebenso, als er auf die „veritable reformateurs“ der Kirche zu sprechen kommt: die Heiligen aller Jahrhunderte - auch die des jüngst verflossenen: Maximilian Kolbe, Mutter Teresa, Padre Pio, Edith Stein. Hunderttausende, eng aneinandergeschmiegt, viele um ein Kerze geschart, lassen sie sich in ihrer Andacht nicht stören von jenen, die umhergehen oder sich schon für die Nacht zurechtmachen. Auch der Papst läßt sich nicht stören. „Viva il Papa“, „Be-ne-det-to“ - die Liturgie geht nach der Predigt weiter.
„Bleibet hier, und wachet mit mir“
Es ist gegen 22 Uhr, als der Mond im Osten aufgeht und die Sterne über dem Marienfeld funkeln. Als ob die Natur an diesem Abend gemeinsam mit der katholischen Ikonographie Regie geführt hätte, wird nun das Lob der Gottesmutter Maria gesungen. Die Vigil geht nun über in die Anbetungsfeier. Eine Strahlenmonstranz, die an das Bild der Sonne erinnert, zeigt das eucharistische Brot, in dem Jesus Christus der Menschheit als das Brot des Lebens begegnen will. Auf die Fürbitten - sie wurden in den vergangenen Tagen in den Kirchen des „geistlichen Zentrums“ in Köln auf große Rollen geschrieben und steigen nun durch Weihrauch symbolisiert zu Gott in die Höhe - folgt das „Tantum ergo“. Der lateinische, aus dem Mittelalter stammender Hymnus leitet über zum Segen. Der Papst spendet ihn mit der Monstranz. Die Vigil geht zu Ende. Das eucharistische Brot wird den Hügel hinuntergetragen in das Anbetungszelt. Es steht die ganze Nacht zum Gebet offen. Auch das Licht auf dem Altarhügel wird die Nacht über nicht verlöschen. „Bleibet hier, und wachet mit mir“ - die Taize-Antiphon, die an die Worte Jesu in der Nacht vor seinem Tod erinnert, wird angestimmt. Der Papst verabschiedet sich so, wie er gekommen ist, mit stummen Gesten.
Nochmals wird es laut. Kerzen leuchten, die letzten Photos werden gemacht, mittendrin zucken die grellblauen Blitze der Rettungswagen. Die Sanitäter werden der Unterkühlten, Erschöpften und Ohnmächtigen kaum noch Herr. Das Marienfeld sortiert sich endgültig zur Nacht. Dann, eine gute Viertelstunde nach dem Ende der Vigil, vielleicht auch eine halbe: Die Turbinen eines Hubschraubers heulen auf. Ein roter Punkt steigt vom Boden auf und entschwindet in die Nacht. Ein letztes Mal: „Be-ne-det-to“. Der Papst hat die Rufe nicht mehr gehört.
Daniel Deckers Jahrgang 1960, in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.
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