18.08.2005 · Heute ist es soweit: die Gruppe pilgert zum Dreikönigsschrein im Dom, vorbei an Papstsouvenirs und begleitet von Kirchenmusik. Desillusion ist das Stichwort des Tages. Ein neuer Eintrag im Weltjugend-Tagebuch von Melanie Mühl.
Von Melanie MühlWas bisher geschah: Die französischen Pilger aus Evry sind die ersten Weltjugendtagsschritte gegangen. Sie haben Katechesen besucht, gesungen und gebetet. Nun machen sie sich auf, den Dreikönigsschrein im Kölner Dom zu besuchen.
Die Kölner Wallfahrt beginnt am Ebertplatz und endet im Dom. Es ist ein Pilgerweg für wenige Tage, der seine Existenz einzig dem Weltjugendtag verdankt und ansonsten von Touristenströmen bevölkert wird. Jedenfalls an seinen hübschen Stellen. Heute sitzen rund 200 Pilger der Diözese Evry auf der Wiese unter Bäumen und lauschen einer schnellen Katechese, die sie auf die kommenden 90 Minuten einstimmen soll.
Verwandlung der aufblasbaren Sitzfinger
Über der Stadt kreisen Hubschrauber und stören die Andacht. Jede Gruppe des Weltjugendtags hat einen festen Termin, an dem sie den Dreikönigsschrein im Kölner Dom umpilgern darf. Wäre es anders, dieser Gang zu den Weisen aus dem Morgenland würde wohl Tage dauern. Bis zum Sonntag sollen jenen Weg rund 405.000 Menschen aus 197 Nationen gehen.
Die Mädchenwangen strahlen in den französischen Landesfarben. Auch Michel Dubost ist da, der Bischof von Evry. Ein netter älterer Herr mit grauem Haar und einem Zug um den Mund, der beinahe etwas Schelmisches hat. Und auch Dubost trägt natürlich einen blauen Pilgerrucksack, wie alle es tun, die hierhergekommen sind. Wie er sich allerdings auf den aufblasbaren Sitzfinger niederläßt, der in jedem Rucksack versteckt ist und nun die wunderlichsten Verwandlungen erfährt, kann man sich nur schwerlich vorstellen.
Kein austauschbarer Stadtspaziergang
Um 15:30 Uhr bewegt sich die französische Gruppe, unter ihnen auch 14 taubstumme Jugendliche der Ile de France, den Theodor-Heuss-Ring entlang. In der Nähe des Rheinufers wartet ein Stand, an dem hungrige Pilger Lammcurry, Dampfnudeln und anderes kaufen können. Später drücken einem gutgelaunte "Volunteers" kühle Dosen in die Hand und blicken so aufmunternd, als habe man noch eine Marathonstrecke vor sich.
Herve sagt, für ihn sei dieser Weg nicht nur irgendein austauschbarer Stadtspaziergang, sondern helfe bei der Besinnung. Er mag auch die französische Kirchenmusik, die aus den Lautsprechen über ihm fließt. Es sind Taize-Lieder, die an den ermordeten Frere Roger erinnern. Der Physikstudent ist nicht wegen des Papstes nach Köln gereist. Er sucht den Dialog mit anderen, und dieser, sagt er, müsse nicht nur religiös sein. Dann eilt er fort, zu einer seiner vielen Freundinnen. Schon in Rechtmehring versammelten sich die Mädchen oft in der Nähe des Dunkelblonden und buhlten geradezu um seine Blicke.
Die fahnenschwenkende Kolonne steigt langsam den Rheingarten hinauf, überquert den Heinrich-Böll-Platz und läßt tanzend die Philharmonie hinter sich. Das Antlitz von Papst Benedikt XVI. auf einem gelb-weißen Fähnchen kostet einen Euro und wird wie ein Souvenir feilgeboten. Der Glaube ist ein wunderbares Geschäft.
Im Dom beginnt das Geschiebe
Es gibt eine Papst Pappfigur, um die man für Geld den Arm legen darf und Benedikt-T-Shirts. Selbst auf umweltverträgliche Einkaufstaschen wurde das Gesicht des katholischen Kirchenoberhauptes gedruckt. Nathalie trägt einen blauen Pulli auf dessen Rückseite "Generation Benoit" steht. Je näher die Ankunft des Papstes rückt, desto irrer ist bei einigen die Euphorie.
Vor dem Kölner Dom warten Tausende Jugendliche auf Einlaß, während Fernsehkameras und Moderatoren im Scheinwerferlicht die Balkone des teuersten Hotels am Platz besetzen. Die Hitze scheint den Gläubigen die Stimme genommen zu haben, denn nur selten erklingen fröhliche Lieder, wie sie sonst stets die Luft erfüllen. "Benedetto, Benedetto" skandieren italienische Pilger, die sich gegenseitig Luft zufächeln und Wasserflaschen reichen.
Erst im Dom beginnt das wirkliche Schieben, Zerren und wilde Fotografieren. Es bleibt wenig Zeit, ein Gebet zu sprechen oder Ruhe zu finden, zu schnell dreht sich alles um einen herum. "Ich bin enttäuscht", sagt Herve. Es sei wie bei einer Touristenattraktion, die man hektisch fotografiere, um gleich zum nächsten Höhepunkt zu rennen. Den Schrein sieht er nur von weitem. Sich an den Frauen und Männern vorbeizuschieben, die sich vor ihm tummeln, dazu habe er eigentlich keine Lust. Seine Augen blicken desillusioniert, als er aus dem Dom wieder in die Sonne tritt.