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Weltjugend-Tagebuch (5) Wir sind Papst! Wer ist mehr?

18.08.2005 ·  Bonn ist aufgeregt: Hunderttausende Jugendliche drängen sich singend durch die Straßen. Sie können es kaum erwarten den Papst zu sehen. Ein weiterer Tagebucheintrag über den Weltjugendtag von Melanie Mühl.

Von Melanie Mühl
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Was bisher geschah: Aus Evry fuhren französische Jugendliche nach Rechtmehring und von dort nach Swisttal-Odendorf bei Bonn. Jetzt geht der Weltjugendtag los.

Bonn ist aufgeregt. Jugendliche drängen sich singend durch die Straßen. Die Fahnen ihrer Länder halten sie in den Wind. Man berührt sich, flüchtig oder vertraut. Die Hofgartenwiese ist in Pilgerfelder eingeteilt, bei der Feier der heiligen Kommunion will man ein Chaos verhindern. Priester schreiten durch die Reihen und segnen Menschen, über ihnen gelbe Schirme. Auf der gigantischen Leinwand spricht ein Mädchen über Gott. Auf jedem Fleckchen Erde scheint jemand zu sitzen oder zu stehen.

Die Gruppe aus Evry steht am Rande der Wiese, in die Mitte schafft sie es gar nicht. Polnische Jugendliche knien auf dem von der Nässe der vergangenen Tage aufgeweichten Boden. Keiner von ihnen stört sich an dem Schmutz, der sich an den Hosen festsetzt. Sie beten das Vaterunser mit geschlossenen Augen, während 300 Meter entfernt ein Krankenwagen vorbeirast. Religiöse Selbstinszenierung. Ein Mädchen aus Kanada verschickt eine SMS in die Heimat. Ältere Menschen staunen. „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“: Das Motto des Jugendtags erfährt viele Interpretationen.

Der Trubel gleicht einem ausverkauften Konzert

Die Frömmigkeit geht ihre eigenen Wege. Wie ein kräftiger Sturm regieren die Gläubigen die Region. 500.000 Pilgerrucksäcke wurden verteilt. Eine Art Erste-Hilfe-Ausrüstung, mit Wasserflasche, Stadtplan, Regenschutz, Fahrkarte, Liederbüchlein und Sonnencreme. Falls es doch noch warm wird und die Sonne während der vielen Messen im Freien auf die Köpfe brennt. Rote „Bild“-Anstecker zeigen Benedikt XVI.: „Wir sind Papst.“ Auch Benedikt-Bilder werden verkauft - für einen Euro.

Die Jugendlichen aus Evry tragen ihre Strohhüte. Um dieses Erkennungszeichen beneiden sie an diesem Dienstag wohl viele. Wer nicht dicht bei seiner Gruppe bleibt, wer sich zum Eisstand verirrt oder Minuten auf eine Portion Pommes frites mit Mayo warten muß, verliert seine Pilgerfreunde. Manchmal könnte man meinen, dies sei ein ausverkauftes Konzert. Nur wer die besten Karten hat, hört das Besondere. Rechtmehring, wo sich Franzosen und Deutsche vorsichtig begegneten und das Unbekannte eroberten, ist Teil einer anderen Welt, die hier keinen Raum findet.

Einige Jugendliche wissen nicht warum sie hier sind

Was muß die Kirche Jugendlichen im Zeitalter flüchtiger Kommunikation bieten, um sie für sich zu gewinnen? Ist es wirklich der Glaube oder die pure Lust an Großereignissen, die viele hierher treibt? Philemon, ein Priester aus Evry, der in Kongo geboren wurde, sagt: „Das Gespräch mit Gott findet im Stillen statt.“ Eine Stille, die es hier aber nicht gebe, weil über allem der Lärm liege. Und dennoch schreibe Gott auch auf schiefen Linien gerade. „Er spricht mit den Menschen, wann er es für richtig hält.“

Seine versöhnlichen Worte täuschen nicht darüber hinweg, daß ihn diese Art des spirituellen Beisammenseins nachdenklich stimmt. Er sagt, daß einige Jugendliche gewiß nicht recht wüßten, warum sie eigentlich hier seien. Die Franzosen aus Evry antworten auf diese Frage meist mit ähnlich klingenden Antworten, die vom gemeinsamen Glauben und dem Kontakt zu Menschen fremder Kulturkreise erzählen.

Trauer wegen Ermordung des Taizé-Gründers

Das schöne an diesen Phrasen ist, daß es wohl keine sind. Viele trennen ihren Glauben von der katholischen Kirche und deren Lehre. Man feiert und betet vereint. Immer wieder suchen Menschen im Gespräch nach Neuem. In der mit Jugendlichen überfüllten S-Bahn, die aus der Stadt nach Swisttal-Odendorf hinaus führt, fragen junge Erwachsene nach dem Leben ihrer Nachbarn. „Gott“, sagt ein Mädchen aus Frankreich, „freut sich an diesen Tagen besonders mit uns.“

Die Sonne verleiht dem Mittwochmorgen ein seltsames Gesicht. Frère Roger, der Gründer der Gemeinschaft Taizé, ist tot. Er wurde am Dienstag ermordet. Schon vor dem Gottesdienst in Swisttal-Odendorf stehen die Jugendlichen aus Frankreich dicht zusammen. Der Priester verkündet, was alle wissen. Die Stille des Gebets berührt. Trauer legt sich über den Weltjugendtag.

Quelle: F.A.Z., 18.08.2005, Nr. 191 / Seite 7
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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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