17.08.2005 · In den vergangen vier Tagen sind Freundschaften entstanden. Schön sei es gewesen und innig. Man hat gestaunt und gelacht und im Fremden das Eigene entdeckt. Melanie Mühl schreibt das Weltjugend-Tagebuch.
Von Melanie MühlWas bisher geschah: Franzosen und Bayern haben sich getroffen, um nach Köln zu fahren. Jetzt heißt es: Abschied von Bayern und am besten frühmorgens den Bus nach Norden nehmen.
Die "Tage der Begegnung" sind vorüber. Rechtmehring verabschiedet seine französischen Gäste. In der Dunkelheit fließen Tränen. Die Minuten des Abschieds machen Rechtmehring still. Leise umarmen Gasteltern französische Jugendliche, und Handrücken streicheln Wangen. Am Straßenrand reihen sich ausgebeulte Pilgerrucksäcke. Man wartet auf den Bus nach Köln: Junge Frauen und Männer flüstern warme Worte in die Ohren ihrer Gäste, ungerührt vom Nieselregen, der an Herbst denken läßt und nicht an ein Sommertreffen. Die Szenen wiederholen sich. Es ist halb fünf, als die winkenden Hände in der Ferne verschwinden und der Kirchturm langsam kleiner wird.
Schön, innig und unbeschreibbare Seelenzustände
In den vergangen vier Tagen sind Freundschaften entstanden. Man hat gestaunt und gelacht und im Fremden das Eigene entdeckt. Die Erinnerungen an den in französischer und deutscher Sprache gefeierten Gottesdienst in der Wallfahrtskirche Maria Hochhaus sind nah. Schön sei es gewesen und innig, sagt eine Französin, über deren Jeans ein enger Pullover sitzt. Doch es gebe Seelenzustände, die ließen sich einfach nicht in Sätze fassen. Einen Stein haben die Jugendlichen aus Rechtmehring ihren Gästen mit auf den Weg gegeben. Das ist ein Geschenk, wie es all die Pilger in deutschen Gemeinden bekommen haben. In Köln soll aus diesen Steinen ein großes Labyrinth entstehen.
Bis in die Nacht saß man am letzten gemeinsamen Abend im Pfarrheim und erzählte von den erlebten Tagen. Es habe ihn erstaunt, sagte ein Gastvater, wie rasch man sich einander näherte und wie bedeutungslos die sprachlichen Grenzen dabei blieben. Ein anderer dankte für den Hauch der weiten Welt, mit dem die Franzosen Rechtmehring erfüllt hätten. Wie in einem Fünf-Sterne-Hotel sei es gewesen, sagte ein junger Mann, der stets einen lockeren Spruch auf den Lippen trägt. Nur gefüttert habe ihn seine Gastfamilie nicht. Eine Liste hält Namen,Telefonnummern und E-Mail-Adressen fest. Sie möchten sich wiedersehen, die Jugendlichen aus Rechtmehring und Evry. Bevor sie sich in Köln aus den Augen verlieren, halten sie lieber alles fest.
Unmißverständliche Euphorie
Gegen halb zehn erwachen die Reisenden aus ihrer Schläfrigkeit. Die Autobahn nach Köln liegt im warmen Licht. Immer wieder begegnen einem Busse, in denen Jugendliche aus den hintersten Winkeln der Welt sitzen. Der Busfahrer hupt, alle winken und lachen in fremde Gesichter. Eine solche Reise bedarf keiner Worte. "Wir alle sind aus einem Grund hier: Es ist unser Glaube", sagt eine Französin mit Pferdeschwanz in unmißverständlicher Euphorie.
Im Bus werden Lunchpakete aufgerissen und Schinkenbrote verspeist. Draußen fliegt die Landschaft vorbei, kleine Dörfer, große Städte, Wälder und Wiesen. In den Gesichtern der Franzosen liest man Freude und Spannung. Sie stehen im Gang, plaudern, singen und lehnen ihre Körper aneinander. Digitalkameras speichern schöne Momente. Swisttal-Odendorf, ein Ort in der Nähe von Bonn, wo sie während des Weltjugendtags wohnen sollen, ist noch 300 Kilometer entfernt.
Der Glaube in einer anderen Dimension
In Köln, sagt Arnaud, freue er sich auf die schier unvorstellbare Zahl an Jugendlichen, die alle mit einer Stimme zu Gott singen. Er ist 18 Jahre alt und studiert Biologie. Die Hände versteckt er stets in den Taschen seines Kapuzenpullis. 400000 Menschen erwartet die Stadt. "Ich möchte meine Spiritualität intensiv leben", sagt Clarisse, eine Französin mit kurzen braunen Haaren. In den vergangenen Tagen habe sie das ein wenig vermißt. Jetzt, sagt sie, gewinne der Glaube noch einmal eine andere Dimension. Von Papst Benedikt XVI. spricht niemand.
Zweihundert Kilometer vor Köln verdunkelt sich die Miene des Busfahrers. Er weigert sich, die Gruppe aus Evry nach Swisttal-Odendorf zu fahren. Köln, sagt er, heiße sein Auftrag. Von einem anderen Ort habe niemand gesprochen. Außerdem sei das ein Umweg von 15 Minuten, und er werde nicht bezahlt. Nur viele freundliche und flehende Worte können ihn umstimmen. Fluchend fährt er von Ort zu Ort und ärgert sich über sein weiches Herz.