14.08.2005 · Das gegenseitige Abtasten ist Vertrautheit gewichen, Fremde sind zu Freunden geworden. In den „Tagen der Begegnung“ hat sich das Bild von Bayern für viele Besucher verändert. Melanie Mühl schreibt das Weltjugend-Tagebuch.
Von Melanie MühlAm vergangenen Donnerstag reisten Jugendliche aus der französischen Stadt Evry nach Rechtmehring. Es sind die „Tage der Begegnung“, die sie in Oberbayern bei Gastfamilien verbringen, bevor sie am Dienstag zum Weltjugendtag nach Köln pilgern. Das schüchterne Abtasten der ersten Stunden ist längst einem nahen Beisammensein gewichen.
Eben ist er einem „echten Bayern“ begegnet. Einem, der in Lederhosen steckt und über stämmigen Waden Wollstrümpfe trägt. Selbst einer der Hüte, wie er sie noch aus Schulbüchern kennt, sitzt auf dem Kopf des Bayern. Nicola scheint beruhigt, seine dunklen Augen blicken zufrieden. Die Gedanken des Franzosen über jene, einst ferne Menschen, haben plötzlich Gestalt angenommen und hasten nun mit Instrumenten bepackt in die Rechtmehringer Pfarrei.
Dort sitzen junge Frauen in Dirndln, die Haare zu kunstvollen Frisuren aufgetürmt, Augen und Lippen geschminkt, und zupfen ihre Ausschnitte zurecht. Ein kühler Wind weht durch die Fenster in erhitzte Gesichter. Im Zeichen des kulturellen Austausches steht dieser Freitag Abend, denn schließlich, sagt ein berocktes Mädchen, sollen die Jugendlichen aus Evry Bayern erleben. Und Bayern, das bedeute natürlich auch Tradition.
„Gäste sind ein Segen“
„Volkstanz mit Bierfuizl aus Maitenbeth“ kündigt der Programmzettel an. Langsam füllt sich der Saal in der oberen Etage mit lachenden Gesichtern und Schuhen, die klappernd über den Boden eilen. „Gäste sind ein Segen“, steht in bunter Schrift auf einem Plakat. Eine Französin aber scheint all dies recht wenig zu berühren, denn ihr modischer Auftritt läßt sie grimmig gucken. Sie trägt Turnschuhe und über die Jeans legt sich ein lilafarbenes Dirndl. Die Tochter ihrer Gastmutter habe sie überredet, ja beinahe gezwungen, dieses „Ding“, wie sie es nennt, anzuziehen und nun, da sie keine edlen Schuhe habe, fühle sie sich ganz scheußlich. „Nein, hübsch siehst du aus“, versichern all die anderen und streicheln ihre blasse Wange.
Es beginnt mit einfachen Tanzschritten. Die skeptischen Züge um die französischen Münder verschwinden mit den Drehungen. Konzentrierte Augen blicken zu Füßen, die stets Neues lernen und von Blasmusik dirigiert werden. Später, in der Nacht, erfüllen moderne Lieder den Festsaal, wo die Luft stickig und schwer ist und manch einer kapituliert. Sein Bild von Bayern, sagt ein Franzose, sei ein ganz anders gewesen. Beherrscht von Oliver Kahn und dessen Mannschaft, die er aus dem Fernsehen kennt. Großartig findet er den Torhüter und auch das Stadion in München, „ein architektonisches Ereignis“, mag er sehr.
Kaum sind die Worte verklungen, greift ein Mädchen in hübscher Tracht nach seinem Arm und zieht ihn mehr auf die Tanzfläche, als daß sie ihn bittet. „Goethe, Nietzsche, Schlösser und Berge“ sagt eine Französin, dies falle ihr bei Bayern ein. Sie zählt zu den Stillen der Gruppe. Im vergangenen Jahr pilgerte sie zum Weltjugendtag nach Toronto, um Gott ein wenig näher zu sein.
Lebendiger Glaube in München
Die Stunden des Feierns haben auf französischen und deutschen Gesichtern ihre Spuren hinterlassen. Müde Augen blicken am Samstag morgen aus den Fenstern der S-Bahn, die sie von Ebersberg nach München bringt. Die Stadt hat sie eingeladen, die Jugendlichen aus aller Welt, um mit ihnen zu beten und Gott zu feiern. Hält die Bahn, steigen stets neue Pilger hinzu. Sie kommen aus Ecuador, Polen, Frankreich, Kanada, Amerika und Brasilien und grüßen einander so überschwenglich, als seien sie seit Jahren miteinander befreundet. Jede Gruppe trägt die Fahne ihres Landes bei sich und läßt sie über den Menschen tanzen.
Auf dem Münchner Marienplatz stehen drei Männer aus Lesotho, in Wolldecken gehüllt. Auf ihren Köpfen sitzen spitze Strohhüte. Der Glaube hat sie auf diese weite Reise geschickt. Nun lauschen sie dem Gospelkonzert der Gruppe „Helena Gospel Spirit.“ Junge Italiener singen ihre Lieder und wandern Richtung Stachus.
Wahrscheinlich muß man diese musikalische Friedlichkeit einmal erleben, muß sehen, wie Tausende Jugendliche durch Straßen ziehen, wie sie Halleluja singen und sich dabei festhalten, wie sie lachen und beten, um zu spüren, was die Wendung „lebendiger Glaube“ bedeutet. „Kirche“, sagt ein Mädchen aus Evry, heißt auch „Freude.“ Der Weltjugendtag sei eine Plattform religiöser Fröhlichkeit.
Eine Fröhlichkeit, die auch den Odeonsplatz regiert. Erzbischof Friedrich Kardinal Wetter feiert mit den Pilgern, die eng beisammen stehen, die Eucharistie. Der Himmel trägt dunkle Wolken. Es ist ein schöner Gottesdienst, der die Jugendlichen bewegt. Das Liebespaar aus Evry küßt sich flüchtig. Großleinwände übertragen das Geschehen auf der Bühne. In der ersten Reihe sitzt Edmund Stoiber.