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Weltjugend-Tagebuch (1) Junge Christen aus Frankreich zu versteigern

13.08.2005 ·  Schon vor dem Weltjugendtag ist Weltjugendtag. Vielleicht sind die „Tage der Begegnung“ für viele Pilger sogar schöner, wichtiger als das offizielle Ereignis selbst. Melanie Mühl schreibt das Weltjugend-Tagebuch.

Von Melanie Mühl
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Sie warten auf den Bus aus Evry. Ihre Augen blicken fröhlich, aber die eiligen Schritte, die sie stets ins Pfarrheim und wieder hinaus tragen, verraten die innere Ungeduld. Aufgeregt sind sie, die Jugendlichen und Erwachsenen von Rechtmehring, einem postkartenidyllischen Ort inmitten oberbayerischer Hügel, Wiesen und Felder. Die Fahne des Weltjugendtages flattert unter einem blauen Himmel im Wind. Seit Stunden steht der Grill bereit, im Kühlschrank reihen sich Kartoffel-, Gurken- und Blattsalate. Das Bier schmeckt angenehm kalt.

Es sind die „Tage der Begegnung“ vor dem großen Zusammensein in Köln, wo Papst Benedikt XVI. die Jugend erwartet, um mit ihr zu beten und Gott zu spüren. „Wann kommen die Franzosen endlich?“ fragt ein bezopftes Mädchen seinen Vater, der mit den Schultern zuckt und das Ende der Straße nicht aus den Augen verliert. „Hoffentlich“, sagt Martha Wimmer, „fühlen sich unsere Gäste hier wohl.“ 23 Jahre ist sie alt, trägt Jeans und blondes Haar, und für die Zeit des Weltjugendtags ist sie die Pfarreiverantwortliche. „Nett“ sollen die Jugendlichen der Diözese Evry unweit von Paris natürlich auch sein, sagt sie, und „fröhlich“.

Blicke und schnelle Fragen

Als der Bus gegen halb acht um die Ecke biegt, ist alles gut. Neunzehn Franzosen und Einwanderer aus Schwarzafrika taumeln die Stufen hinunter, bleiben stehen, blicken um sich, lachen, plaudern und verharren ein wenig verloren im Schatten des Busses. Sie tragen Strohhüte mit grünen Bändern, die aufgeregt wippen - ihr Erkennungszeichen für den Weltjugendtag in Köln. Wie eine Wand steht die Rechtmehringer Delegation in einiger Entfernung und beobachtet das Treiben. Mädchen in Turnschuhen kichern und flüstern ihren Freundinnen ins Ohr. Die ersten Berührungen sind schüchtern, beinahe zart. Sie tasten sich ab, mit Blicken und schnellen Fragen. Wie die Reise denn gewesen sei und wie es um die Müdigkeit stehe, möchte man wissen. Und der Hunger, der müsse doch groß sein.

Französische, deutsche und englische Sätze fliegen durch die Luft. Ein Stimmengewirr, das rasch zu einem Stimmengewitter wird. Zu den Wörtern gesellen sich Hände. Die unsichtbare Mauer der ersten Minuten ist gefallen, das Schweigen besiegt. Nur ein Pärchen scheint dem munteren Annähern nicht recht zu trauen und hält Händchen - das sollen auch die nächsten Stunden in der Ferne nicht ändern.

„Die nehmen wir“

Mittlerweile hat sich ein Halbkreis vor der Pfarrei gebildet. Über dem Land liegt die Dämmerung. Die Frage, wer die Nächte wo verbringt, mündet in eine Art Versteigerung der französischen Gäste. Es hat etwas Nettes. „Diese beiden“ - sie stehen wunderbar sichtbar in der Mitte des Platzes und sehen schüchtern zu Boden - „sprechen Englisch und verstehen ein wenig Deutsch“, sagt Marianne Kaltner, deren Französisch an diesem Abend begehrt ist. Die Frau mit den wilden Locken ist Pastoralreferentin und lebt in Evry. „Die nehmen wir“, ruft ein älteres Ehepaar und freut sich über seine Schnelligkeit im Kampf um die Franzosen.

Irgendwann rückt der neugegründete Chor an, spielt Querflöte, Posaune und Gitarre und singt mit schönen Stimmen vom „Fest des Lebens“. Die Menschen klatschen im Takt, manch einer bewegt leicht seinen Körper. Mütter und Väter tragen stolze Gesichter. Der Gemeindepfarrer spricht ein Gebet, und man hält sich an den Händen.

Die Dunkelheit verhüllt Rechtmehring. Was sie hierher treibt, nach Deutschland, zum Weltjugendtag? Es sei die Nähe zu anderen Menschen und das warme Gefühl, den Glauben zu teilen und gemeinsam ein Stück auf dem Weg Jesu zu gehen, sagt eine Französin. Sie lächelt und blickt zu den Sternen. Werte seien bedeutsam in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist. Ein hochgewachsener Blonder sagt: „Ich will meinen Glauben leben.“ Später, am Lagerfeuer, das seine Flammen in den Himmel wirft, drängen sich zwei Mädchen dicht an ihn. Er ist einer jener jungen Männer, die mit Sprüchen und innigen Blicken Herzen erobern. „I am sailing“ singen die Jugendlichen, und wenn sie lachend Berührung suchen, dann stimmen sie das Lied „Hau dem Nachbarn auf die Knie“ an. In den Häusern sind die Lichter längst erloschen. Das Feuer wärmt bis tief in die Nacht.

Quelle: F.A.Z., 13.08.2005, Nr. 187 / Seite 7
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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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