Auf der Welt gibt es 191 Millionen Migranten, fast doppelt so viele wie vor fünfzig Jahren. Lebten sie alle in einem Land, es wäre das bevölkerungsreichste nach China, Indien, den Vereinigten Staaten und Indonesien. Fast die Hälfte der Migranten sind Frauen, insgesamt 95 Millionen. Mit der Lage, den Leistungen und den Leiden dieser Frauen befaßt sich der Weltbevölkerungsbericht 2006 des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA). Er konstatiert eine „Feminisierung der Migration“ und fordert einen besseren Schutz der Migrantinnen. Millionen von ihnen würden Opfer von Menschenhandel, Ausbeutung und Mißhandlung.
Die deutsche Ausgabe des Berichts wurde am Mittwoch von Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bettina Maas vom UNFPA und Renate Bähr von der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW) in Berlin vorgestellt. Fachleute der DSW erwarten, daß bis zum Jahr 2025 die Bevölkerung Europas um 21 Millionen Menschen schrumpft, in Nordafrika aber um 35 Millionen und im Nahen Osten um fast ein Drittel auf 247 Millionen wächst. Das werde zusätzlichen Migrationsdruck schaffen. Der Weltbevölkerungsbericht erscheint vor dem ersten Migrationsgipfeltreffen der Vereinten Nationen, das am 14. und 15. September in New York stattfinden soll.
Mehr als die gesamte Entwicklungshilfe
Nach Schätzungen der Weltbank haben die Migranten von ihrem Verdienst in der Fremde im Jahr 2005 insgesamt 232 Milliarden Dollar zur Unterstützung Angehöriger in ihre Heimatländer überwiesen; 167 Milliarden Dollar flossen in Entwicklungsländer. Der Betrag ist merklich größer als die gesamte Entwicklungshilfe (106,5 Milliarden Dollar, davon 75 Milliarden staatlich) und spielt nach Auffassung des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen eine wichtige Rolle bei der Armutsbekämpfung und der Verbesserung der Lebensverhältnisse in den Herkunftsländern.
Bettina Maas hob hervor, daß Frauen einen weit höheren Anteil ihres Einkommens nach Hause schickten als Männer. Migrantinnen aus Bangladesch etwa, die im Nahen Osten arbeiteten, überwiesen nach einer Studie 72 Prozent ihres Einkommens an die Familien in der Heimat. Der größte Teil dieser Beträge sei für Gesundheitsversorgung und Bildung der Kinder bestimmt. Fachleute nehmen an, daß der Gesamtbetrag der Überweisungen in die Heimatländer doppelt so hoch ist, weil viele Migranten das Geld bar schickten, um Bankgebühren zu sparen.
Rita Süssmuth, Bundestagspräsidentin a.D. und Mitglied der Globalen Kommission für Migration, wies darauf hin, daß in den Ländern in Afrika südlich der Sahara nur ein geringer Teil aller Rücküberweisungen ankomme. Die Bewohner dieser Länder seien zu arm, um auszuwandern. Deshalb fließe auch kaum Geld dorthin zurück.
„Medizinischen Versorgungskrise ohne Beispiel“
Daß Migration schlimme Folgen für die Herkunftsländer haben kann, zeigt der Weltbevölkerungsbericht am Beispiel der Abwanderung ausgebildeter Krankenschwestern, Hebammen und Ärzte aus den maroden Gesundheitssystemen ihrer Länder. Zwar nutzten diese qualifizierten Frauen und Männer die Migration in reiche Länder als Mittel, ihr eigenes Leben und das ihrer Familien zu verbessern, aber ihre Herkunftsländer stünden deswegen „vor einer medizinischen Versorgungskrise, die in der modernen Welt ohne Beispiel ist“.
Aus Ghana etwa seien im Jahr 2000 doppelt so viele Krankenschwestern ausgewandert wie dort ihren Abschluß gemacht hätten. In der britischen Stadt Manchester arbeiteten mehr malawische Ärzte als in ganz Malawi, einem südostafrikanischen Land mit dreizehn Millionen Einwohnern. Renate Bähr sagte: „Wenn weiter jährlich 20.000 medizinische Fachkräfte aus Afrika auswandern, werden die Entwicklungsziele zu HIV/Aids, Säuglings- und Müttersterblichkeit unerreichbar bleiben.“
„Riesigen Nachfrage“ nach Krankenschwestern
Das Problem wird sich nach Ansicht des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen auch wegen der „riesigen Nachfrage“ nach Krankenschwestern in den alternden Gesellschaften der entwickelten Länder noch verschärfen. So schätze die Weltgesundheitsorganisation, daß Großbritannien in zwei Jahren 25.000 Ärzte und 250.000 Krankenschwestern mehr brauchen werde als 1997. Und die amerikanische Regierung rechne damit, daß bis zum Jahr 2020 mehr als eine Million freie Stellen für Krankenschwestern besetzt werden müssen.
In den Großstädten der Vereinigten Staaten seien schon jetzt mehr als ein Viertel aller Krankenschwestern ausländischer Herkunft, in Neuseeland sei ein Viertel der Krankenschwestern im Ausland geboren, in Singapur schon fast ein Drittel. Auf den Philippinen verdient eine Krankenschwester umgerechnet 146 Dollar, in den Golfstaaten 500 Dollar, in den Vereinigten Staaten im Schnitt 3000 Dollar. Auch das erklärt, warum 85 Prozent aller philippinischen Krankenschwestern im Ausland arbeiten (Zahlen von 2003).
Bundesentwicklungsministerin Wieczorek-Zeul sagte, die Industrieländer müßten sich freiwillig dazu verpflichten, die Abwerbung von Fachkräften aus armen Ländern zu unterlassen. Sie wolle in der Europäischen Union zu einem solchen „Verhaltenskodex“ kommen. Im Weltbevölkerungsbericht heißt es jedoch, es sei unwahrscheinlich, daß auf dem Gesundheitssektor die Nachfrage in den entwickelten Ländern gedrosselt werden könne.
Achtzig Prozent Frauen verschleppt
Die Hälfte der 12,7 Millionen Flüchtlinge des Jahres 2005 waren Frauen. Im Weltbevölkerungsbericht heißt es, die Frauen und Mädchen auf der Flucht seien vielfältigen Gefahren ausgesetzt, etwa sexueller Gewalt. Von den 600.000 bis 800.000 Personen, die jedes Jahr von Menschenhändlern über Staatsgrenzen verschleppt und verkauft würden, seien achtzig Prozent Frauen. Vor allem Frauen würden in ungeregelte Beschäftigungen abgedrängt, wo sie leicht Opfer vom Ausbeutung und Mißhandlung würden. Das gelte vor allem für Migrantinnen, die im Ausland in Privathaushalten arbeiteten. Es mangele an länderübergreifender Zusammenarbeit zum Schutz dieser Frauen und an politischem Einsatz für den Schutz ihrer Rechte.
Im Bericht heißt es dazu: „Selbst wenn ihre Menschenrechte massiv verletzt werden, bleiben die meisten Hausangestellten bei ihrem Arbeitgeber, weil sie eine Abschiebung oder den Verlust ihres Aufenthaltsrechts fürchten und Angst um den Job haben, mit dem sie ihre Familien zu Hause unterstützen.“ Renate Bähr sagte, Millionen Menschen seien aus Not zur Migration gezwungen. Wenn man die Armut in ihren Herkunftsländern nicht bekämpfe, steige der Migrationsdruck weiter.
Den Reformdruck auf Staatsdienstleister erhöhen !
Thomas Ludwig (tomasl)
- 07.09.2006, 15:43 Uhr