Das Aidsvirus wird bis zum Jahr 2010 etwa 25 Millionen Kinder zu Waisen machen. Das erwarten die Vereinten Nationen in ihrem neuen Bericht „Kinder am Abgrund“, der am Mittwoch auf der Welt-Aidskonferenz in Barcelona vorgestellt wurde.
Demnach haben bisher etwa 13,4 Millionen Kinder ihre Mutter, ihren Vater oder beide Elternteile verloren. Die Daten aus 88 Ländern Lateinamerikas, des südlichen Afrikas und Asiens zeigen, dass Afrika am stärksten betroffen ist. Bis 2010 werden allein dort 20 Millionen Kinder ihre Eltern durch die unheilbare Immunschwäche verlieren. In Afrika leben etwa drei Viertel aller mit HIV infizierten Menschen.
Selbst ein Wunder würde nicht helfen
„Dies ist einer der schockierendsten Berichte, den wir bislang vorgelegt haben“, sagte Peter Piot, Chef des UN-Aidsprogramms Unaids. Selbst wenn ein Wunder von heute auf morgen alle Neuinfektionen stoppte, würde es künftig mehr Aids-Waisen gaben. „Hinzu kommt das Stigma der Krankheit“, sagte Piot. Wenn ein afrikanischer Vater im Krieg sterbe, gelte er als Held. „Stirbt er an Aids, müssen seine Kinder mit Vorurteilen leben.“
Die zurückbleibenden Kinder müssten zudem oft die Rolle der Eltern übernehmen, sagte Piot. Für den Besuch einer Schule, eine Ausbildung oder Gesundheitsberatung bleibt dann vielfach keine Zeit - dies erhöht wiederum das Risiko für die Infektion. Der Unaids-Chef wies nachdrücklich darauf hin, dass die Welt erst am Anfang der Aids-Epidemie stehe. Carol Bellamy, Chefin des UN-Kinderhilfswerkes Unicef, verlangte von den betroffenen Staaten unter anderem eine bessere Schulbildung, um die Kinder zu schützen.
Prostitution und Kriminalität
In Asien lebten 2001 rund zwei Millionen Aids-Waisen, heißt es in dem Bericht. Diese Zahlen könnten aber sehr stark steigen, weil in der Region besonders viele Menschen lebten. Daher reiche dort schon eine relativ geringe Ausbreitung der Viren aus, um die Zahl der Aids-Waisen nach oben schnellen zu lassen und die derzeit am schlimmsten betroffenen afrikanischen Länder zu übertreffen.
Der Aids-Tod von immer mehr Eltern werde die ohnehin schon grausame Krise weiter verschlimmern, betonten Unicef und Unaids weiter. Unaids schätzt die Zahlen der Aids-Waisen in Lateinamerika auf 330.000, in der Karibik auf 250.000 und in Ostasien auf 85.000. Viele Waisenkinder stünden ohne Hilfe da und seien darauf angewiesen, sich zu Banden zusammenzuschließen oder sich zu prostituieren - mit dem großen Risiko, selbst infiziert zu werden.
Nur wer Hoffnung auf Heilung hat, lässt sich behandeln
„Behandelt die Mütter“, forderte der Arzt Eric Goemaere von der internationalen Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“. Nur wenn es eine Hoffnung auf Hilfe und Medikamente gebe, gingen die Menschen auch zu einem HIV-Test, sagte der in Südafrika arbeitende Belgier. „Das ist ganz einfache menschliche Psychologie: Wenn ich keine Hilfe bekomme, will ich auch nicht wissen, ob ich positiv bin.“ Viele unerkannt HIV-positive Mütter brächten so lange Kinder zur Welt, bis Aids bei ihnen voll ausbreche - und die Kinder damit zu Waisen würden. „Wenn die Mutter aber von der Krankheit weiß und behandelt wird, kann sie ihr erstes Kind schützen und erziehen.“