30.06.2010 · Tariro Masayiti ist in Südafrika zu einem der besten Weinmacher des Landes aufgestiegen. Einige seiner Weine sind so ausgezeichnet, dass der Weltfußballverband den Zimbabwer beauftragt hat, zwei WM-Weine zu kreieren.
Von Peter-Philipp SchmittDas kleine Herrenhaus, vom deutschen Auswanderer Philippus Bernardus Wolvaart Ende des 18. Jahrhunderts im kapholländischen Stil errichtet, wirkt heimelig. Die Räume mitsamt ihrer Einrichtung sind original erhalten. Im Musikzimmer finden regelmäßig Konzerte statt, im Esszimmer haben gerade einige Besucher aus China Platz genommen. Nach dem Lunch geht es weiter in den Weinkeller, der, nur wenige Schritte entfernt, so gar nichts von einem Weinkeller hat. In der gigantischen Industriehalle stehen Hunderte Stahltanks, in manche könnte das einstige Wolvaartsche Häuschen wohl ganz hineinpassen.
10.000, 15.000, 42.000, ja sogar 75.000 Liter Rebensaft gären hier nach der Lese in nur einem Tank vor sich hin. Jahr für Jahr produziert Nederburg zwölf Millionen Liter Wein. In fast jedem Supermarkt Deutschlands sind die Flaschen des vermutlich größten südafrikanischen Weinguts zu finden, und doch wird hier bei Paarl in der Provinz Westkap nicht nur Massenware hergestellt. Einige der Weine sind so ausgezeichnet, dass der Weltfußballverband die Nederburg-Winzer ausersehen hat, den offiziellen WM-Wein anzubauen.
Der dunkelhäutige Masayiti heißt „White Winemaker“
Für zwei der drei Fifa-Weine zeichnet Tariro Masayiti verantwortlich. Der dunkelhäutige Masayiti trägt auf Nederburg den Titel „White Winemaker“. Noch immer reizt ihn das Wortspiel zum Lachen. Dass ein Schwarzer das Sagen auf einem Weingut am Kap hat, ist auch fünfzehn Jahre nach dem Ende der Apartheid noch eine Seltenheit. Masayiti teilt sich allerdings die Zuständigkeiten: Kellermeister ist der Rumäne Razvan Macici, um die Rotweine kümmert sich der Südafrikaner Wilhelm Pienaar, und der Zimbabwer Masayiti ist Nederburgs Weißweinmacher - einer der besten der Welt.
In wenigen Jahren hat sich der Siebenunddreißigjährige an die Spitze seiner Zunft gearbeitet. Ihm hat Nederburg derzeit den einzigen Wein zu verdanken, der im „Platter's“ mit fünf Sternen dekoriert wurde. Nur 40 weitere südafrikanische Weine haben für das Jahr 2010 die Höchstnote in dem wichtigsten Weinführer des Landes erhalten, der nach dem Weinkritiker John Platter benannt ist.
Zehn Jahre lässt sich eine Flasche „Ingenuity“ im Keller aufbewahren
„Ingenuity“ (Einfallsreichtum) heißt die weiße Cuvée von Masayiti. Acht Rebsorten hat er miteinander verschnitten. Schon 2005, als er auf Nederburg anfing, hatte er die Idee, aus möglichst vielen verschiedenen Reben des Weinguts den möglichst besten Wein zu machen. „Ich wollte etwas Neues, Aufregendes kreieren“, sagt Masayiti. „Viele Südafrikaner sind ja mit Nederburg-Weinen aufgewachsen. Und genau denen wollte ich einen Wein bieten, wie sie ihn von unseren Lagen noch nie zuvor getrunken haben.“ Jahr für Jahr experimentiert er nun mit der Vielfalt, die sich ihm auf Nederburg bietet. Zehn Sorten stehen ihm zur Verfügung, und ursprünglich wollte er auch alle zehn in einem Wein vereinigen. Doch weniger als fünf Prozent Anteil einer Traube kann selbst der größte Weinkenner kaum noch herausschmecken. „Damit würde die Rebsorte bedeutungslos.“
Masayiti baut bei seinem „Ingenuity“ vor allem auf Sauvignon Blanc (25 bis 30 Prozent), Chardonnay (15 bis 25 Prozent) und Sémillon (15 bis 20 Prozent). Dazu gibt er je nach Lese Chenin Blanc und Weißen Riesling, Muscadelle und Viognier, Gewürztraminer, Nouvelle oder Verdelho. Unverkennbar hat er einen Teil der Weine in Eichenfässern heranreifen lassen. Zehn Jahre lässt sich eine Flasche „Ingenuity“ im Keller aufbewahren. So steht es auf dem Etikett. Hundertprozentig sicher ist sich der Winzer aber nicht: „2017 werde ich einen ,Ingenuity' von 2007 öffnen, und dann erst weiß ich es ganz genau.“
Keinen Tropfen Alkohol bis zum Ferienjob
Masayiti war der erste Schwarze, der an der Universiteit Stellenbosch Rebbau und Önologie studierte. Aufgewachsen in einem kleinen Dorf in Zimbabwe mit fünf Geschwistern, war es nicht selbstverständlich, dass ihm seine Eltern (sein Vater arbeitete auf dem Bau) eine gute Ausbildung ermöglichten. Masayiti konnte sogar Chemie studieren. Als er in den Semesterferien nach einem Job suchte, landete er zufällig auf einem Weingut. „Es war wahrscheinlich das einzige halbwegs gute Weingut in ganz Zimbabwe“, erzählt Masayiti lachend. Seine sehr katholische Familie sei von dem Ferienjob nicht gerade begeistert gewesen: „Ich hatte bis dahin noch nicht einen Tropfen Alkohol getrunken - nicht einmal ein Bier.“
Auf dem Weingut Mukuyu (“Feigenbaum“) in Marondera, das etwa 70 Kilometer südlich von der zimbabwischen Hauptstadt Harare liegt, lernte er damals den „Flying Winemaker“ Brent King aus Neuseeland kennen, der die Welt bereist, um auf Gütern bei der Weinherstellung auszuhelfen. „Das hat mich total fasziniert“, sagt Masayiti. Er absolvierte daraufhin eine zweijährige Lehre auf Mukuyu, bevor er sich an der Universität in Stellenbosch bewarb.
Für 25 verschiedene Weißweine verantwortlich
Die erste Zeit in Südafrika war schwierig für ihn. Er beherrschte kein Afrikaans, zudem konnte ihn seine Familie kaum finanziell unterstützen. Masayiti aber war trotzdem der Jahrgangsbeste, noch während des Studiums bekam er Stellenangebote. „Ich konnte wählen und ging als Assistent des Kellermeisters zunächst nach Fleur du Cap.“ So blieb er in Stellenbosch auf einem kleinen, aber herausragenden Weingut: Auch die Weine von Fleur du Cap werden regelmäßig mit viereinhalb und sogar fünf Sternen im „Platter's“ ausgezeichnet. Trotzdem bewarb er sich schon nach kurzer Zeit auf die ausgeschriebene Stelle in Nederburg.
„Meine Verantwortung hier ist sehr viel größer.“ Für 25 verschiedene Weißweine ist Masayiti verantwortlich. Und obwohl die Herstellung nach Massenproduktion aussieht, garantiert sie zugleich eine gleichbleibend hohe Qualität. „Die südafrikanischen Weine sind gesegnet“, sagt Masayiti. Die Böden, das Klima, die Erfahrung. Im Grunde könne man hier nur gute Weine an- und ausbauen. Vielleicht rümpfen aber gerade deshalb auch viele die Nase über südafrikanische Weine. Masayiti glaubt, dass das nicht allzu gute Image schuld daran ist, dass er seine Weine unter Wert verkaufen muss. „Die gleiche Qualität aus Deutschland oder Frankreich wäre sofort ein paar Euro teurer.“
Masayiti ist inzwischen international gefragt
Das Gut Nederburg, im eher heißen Landesinneren gelegen, bezieht Trauben von Weinbergen in der ganzen Kap-Provinz. Das muss auch so sein, denn ein südafrikanischer Sauvignon Blanc braucht eine kühle Meeresbrise. So sind Masayitis Weißweine allesamt verschnitten, denn die Trauben stammen nie nur von einer Lage. Großes Potential sieht er in seinen Rieslingen, die ganz besonders Teil der deutschen Geschichte Nederburgs sind. Denn nicht nur der erste Eigentümer Wolvaart, der sein Gut nach Sebastiaan Cornelis Nederburgh nannte, welcher ihm im Auftrag der „Dutch East India Company“ 1791 das Land übertrug, war Deutscher. Johann Georg Graue, zuvor Direktor und Miteigentümer von der Haake-Beck-Brauerei in Bremen, übernahm 1937 die Geschicke und setzte als einer der ersten Winzer in Südafrika fortan auf Qualität - und auf die Rebsorte Riesling. Sein späterer Kellermeister, der Deutsche Günter Brözel, schaffte es dann als erster „Südafrikaner“ überhaupt, 1985 die Robert-Mondavi-Trophäe zu gewinnen - als „International Winemaker of the Year“.
Auch Masayiti ist inzwischen international gefragt. Er sitzt unter anderem als Juror bei Verkostungen. Was für den Mann mit dem zimbabwischen Pass nicht immer einfach ist - auch deutsche Behörden haben ihm schon ein Visum verweigert. „Sie dachten wohl, ich käme mit dem Ziel, in Deutschland bleiben zu wollen“, sagt er und lacht. Doch das will er nicht. Dazu hat er viel zu große Sehnsucht nach seiner Familie. Für sie würde er sogar in seine Heimat zurückkehren, um dabei zu helfen, die Qualität der Weine in Zimbabwe zu verbessern.
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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