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Was Viagra alles kann Zufallsfund im Höhenrausch

24.03.2008 ·  Vor zehn Jahren wurde Viagra zugelassen - als erste Pille gegen Impotenz. Inzwischen weiß man, dass ihr Wirkstoff noch viel mehr kann. Auch wenn dafür erst der Mount Everest bestiegen werden musste.

Von Sonja Kastilan
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Wenn das Jahr 1998 eine Farbe hätte, wäre es Blau. Und zwar in jener Nuance, die jenseits von politischer Farbenlehre und Kunstdoktrin unmissverständlich verspricht, männliche Sehnsüchte mit Chemie zu erfüllen. Nicht die nach romantischer Liebe: Viagra-Blau bedient den Wunsch nach Sex. Im hohen Alter, wenn der Körper nicht mehr das nötige Stehvermögen besitzt. Oder wenn Krankheiten wie Diabetes, Arteriosklerose und Hormonstörungen die Leidenschaft in den Lenden zügeln.

Nicht nur im Penis wirkt Viagra, wie es sich bereits mehr als 35 Millionen Anwender ersehnten: „Wir setzen den Wirkstoff bei Lungenhochdruck ein und retten damit Leben“, sagt Friedrich Grimminger. Profitieren können Patienten mit Lungenfibrose, COPD und vermutlich mit Schistosomiasis, einer Parasitenkrankheit. Das Potenzmittel Viagra ist für den Direktor des Zentrums für Innere Medizin der Universität Gießen lediglich ein Türöffner: „Ein Schlüssel zum System des körpereigenen Botenstoffs Stickstoffmonoxid“, sagt Grimminger, „und ein Prototyp einer ganzen Substanzfamilie, die uns das Therapiekonzept einer intelligenten Gefäßweitung ermöglicht.“ Kurzum: Blut soll fließen, nach Bedarf und nicht überall.

Der „kleine blaue Diamant“ ersetzt Pumpen und Spritzen

Mit der Zulassung von Viagra am 27. März 1998 in den Vereinigten Staaten beginnt ein globaler Siegeszug, der sechs Monate später auch Deutschland erfasst und in Spam-E-Mails seither das Internet zur virtuellen Apotheke erklärt. Es ist die erste Pille, die Männer von Erektionsstörungen befreit und so von ihrer Urangst Impotenz. Wo vorher Vakuumpumpen und Spritzen zum Einsatz kamen, kann fortan ein kleiner „blauer Diamant“ - auf Rezept - rund vier Stunden lang wirken und eine erektile Dysfunktion beheben.

Diese Aufgabe übernimmt ein Wirkstoff namens Sildenafil, dessen Entwicklungsgeschichte Mitte der achtziger Jahre beginnt und heute als klassisches Beispiel eines Zufallsfunds gilt, entdeckt an der südostenglischen Küste im Pfizer-Forschungszentrum Sandwich. Dort suchten Chemiker eine Substanz, die ein bestimmtes Enzym, die Phosphodiesterase 5 (PDE5), blockieren sollte, um so die Herzkranzgefäße zu erweitern. Das von ihnen als UK-92480 entwickelte Sildenafil wurde nach vielversprechenden Tierversuchen schließlich klinisch getestet, im Jahr 1991 noch mit dem ursprünglichen Ziel, Angina pectoris zu behandeln. Eine dabei beobachtete Nebenwirkung bestimmt jedoch drei Jahre später das Testregime: Die Folgestudien konzentrieren sich auf das Erektionsvermögen der Probanden.

Es wirkt wie ein Restlichtverstärker

Sildenafil weckt kein Begehren, das nicht vorhanden ist, sondern unterstützt den natürlichen Blutfluss. Die Substanz wirkt, weil sie in das komplexe Geschehen im Schwellkörper des Mannes eingreift und für die nötige Entspannung sorgt. Bei sexueller Erregung wird hier im Unterkörper Stickstoffmonoxid freigesetzt: Dieses NO vermittelt lustvolle Botschaften des Gehirns an die Muskelzellen, die sich daraufhin entspannen und so zugleich die Arterien weiten - Blut kann einfließen und den Schwellkörper härten. Wie gut das gelingt, hängt außerdem von einem weiteren Botenstoff ab, dem cGMP. Werden davon zu wenig Signalmoleküle gebildet und schon enzymatisch abgebaut, bevor ihr NO-Auftrag erfüllt ist, bleibt es beim Wunsch nach praller Form.

Fülle kann jedoch entstehen, wenn schon etwa 30 Minuten zuvor Viagra eingenommen wurde. Der Inhaltsstoff Sildenafil blockiert das Enzym Phosphodiesterase 5 (PDE5), um den cGMP-Abbau zu verhindern, und wirkt auf diese Weise ähnlich einem Restlichtverstärker. „Eine Erektionsstörung ist meist eine Art Indikator, dass etwas im Gefäßsystem nicht stimmt“, sagt Friedrich Grimminger. Kranke können profitieren, müssen aber das Medikament wie vorgeschrieben und nicht in Kombination mit Blutdrucksenkern und Nitraten einnehmen, da sie sonst Komplikationen oder wie in einigen Fällen Herzinfarkte riskieren. Die amerikanische Zulassungsbehörde warnt auch vor seltenen Sehstörungen.

Ein Tabu wird zum Thema - und zum Geschäft

Gesunde Männer merken praktisch kaum Unterschiede. Das macht Sildenafil auch für Grimminger zum sicheren Medikament mit geringen Nebenwirkungen, weil es die Blutgefäße nur weiten kann, wo sein Angriffsziel in der Muskulatur vorhanden ist - in den Alveolen der Lunge zum Beispiel.

Das Problem der Impotenz ist durch Viagra keineswegs verschwunden, nur vertuscht. Manche Sexualmediziner wie Hartmut Bosinski von der Universität Kiel sprechen durchaus von Symptomkosmetik, aber nicht ohne Viagra und entsprechende Konkurrenzprodukte als „wichtige und geniale Medikamente“ zu würdigen. Die Potenzmittel erlösen viele Männer von ihren Versagensängsten und lassen sie nicht erst lange Jahre warten, bevor der Leidensdruck sie zum Arzt zwingt. Ihr neu erwachtes Sexualleben stärkt laut Studien das Selbstbewusstein und rettet nicht selten eine im Schweigen erstarrte Partnerschaft. Nach Schätzungen sind 190 Millionen Männer betroffen. Viagra macht ein Tabu zum Thema - und zum Geschäft.

Für den vom Jetlag gestressten Hamster

Aber lange bevor Pfizer die ersten Dollar mit den rautenförmigen Tabletten verdiente, legten drei Forscher den Grundstein für diese neuartige Therapie. Die amerikanischen Wissenschaftler Robert F. Furchgott, Ferid Murad und Louis J. Ignarro entdeckten, welche Rolle das Stickstoffmonoxid im Körper besitzt. Sie enttarnten das als Luftschadstoff geächtete Molekül NO als wichtigen Neurotransmitter im Herz-Kreislauf-System und zeigten dessen entspannende Wirkung auf die Gefäßmuskulatur. Im Jahr 1998 wurden Furchgott, Murad und Ignarro mit dem Nobelpreis für Medizin geehrt.

Welches enorme Potential ihre Forschung besitzt, lässt bereits die Zulassung von Viagra ein halbes Jahr davor erahnen, das als Medikament in die von NO ausgelöste Signalkaskade eingreift. Gerade kuriose Untersuchungen zeigen, in welchem Ausmaß Sildenafil Einfluss nimmt: Bei Schnittblumen verlängert Viagra im Wasser die Haltbarkeit, und Hamster erholen sich schneller vom Jetlag. Letzteres veröffentlichte eine argentinische Forschungsgruppe 2007 in PNAS und erhielt dafür prompt den satirisch gemeinten Ig-Nobelpreis in der Kategorie Luftfahrt. Ein Spaß mit ernstem Kern, wenn Sildenafil, wie von den Forschern vermutet, die innere Uhr im Gehirn beeinflusst. Sicher ist, dass Viagra auch Hamstern zu Erektionen verhilft.

Ohne Not - aber mit roten Ohren

Von Anfang an hat das Medikament die Phantasie beflügelt. Auffallend koloriert und in Rautenform gepresst, gerät Viagra zum Inbegriff einer zweiten sexuellen Revolution. Gerüchte kursierten über wilde Orgien dank dieser modernen „Poppers“-Variante und einen neuen Leistungsdruck in der Pornoindustrie. Selbst in seriösen Studien finden sich Hinweise, dass der Wirkstoff den penilen Härtegrad erhöht, riskantes Sexualverhalten fördert, die Erholungsphase zwischen Erektionen verkürzt und dass zunehmend jüngere Männer zwischen 18 und 45 das Medikament schlucken. Ohne medizinische Not nehmen sie dabei Kopfschmerzen und rote Ohren als häufigste Nebenwirkung in Kauf.

Dass sich mit dieser Pille ein Milliardenmarkt erschließen lässt, erkannten nicht nur die Forscher und Produktmanager des Pharmaunternehmens Pfizer schnell. Neben Viagra konkurrieren heute vor allem die PDE5-hemmenden Pillen von Eli Lilly und Bayer um die Gunst der Patienten mit erektiler Dysfunktion, die nur in Ausnahmefällen finanzielle Beihilfen von den Krankenkassen erhalten. Je nach Dosis und Packungsgröße kostet sie das blaue Medikament durchschnittlich elf Euro - bei weltweitem Einsatz summierte sich das 2007 für Pfizer zum Jahresumsatz von 1,7 Milliarden Dollar. Cialis, das leuchtend orange Lilly-Präparat, erzielte im gleichen Jahr 346 Millionen Dollar und ist in Deutschland inzwischen gar Marktführer.

Zum Test auf den Mount Everest

Die Wirkung von „Le Weekender“, wie Cialis in den Vereinigten Staaten genannt wird, hält etwa 36 Stunden an. Wohl ein ebenso reizvoller wie beruhigender Gedanke, der den Wirkstoff Tadalafil in einer aktuellen Studie der Universität Cairo bei „Honeymoon“-Impotenz zur Anwendung bringt. Und das ist nur eines der zahlreichen Beispiele, in denen Männer von den bunten Potenzpillen profitieren. Die weibliche Lust scheint komplizierter, eine bessere Durchblutung der Genitalien genügt offenbar nicht. Pfizer hat nach einigen Studien entsprechende Tests abgebrochen.

Trotzdem schlucken Tausende Frauen regelmäßig den Wirkstoff Sildenafil. Dreimal täglich, jeden Tag. Am Lungenzentrum in Gießen werden auf diese Weise 2300 Patienten behandelt. „Die Therapie hält 420 von ihnen überhaupt am Leben“, sagt Direktor Friedrich Grimminger. Ihnen droht sonst Herzversagen. Statt Viagra schlucken sie meist runde Tabletten in unschuldigem Weiß: Revatio, für das Pfizer im Jahr 2005 die Zulassung erhalten hat. Im Eilverfahren, weil Sildenafil Leben rettete. Auch „blue babies“ mit angeborenem Herzfehler lassen sich damit stabilisieren bis zur nötigen Operation. Bevor das Unternehmen den Antrag für Revatio stellte, musste Grimminger allerdings erst den Mount Everest erklimmen.

„Bei einem längeren Aufenthalt in großen Höhen führt der Sauerstoffmangel bei Gesunden zum Lungenhochdruck wie sonst bei unseren Patienten mit chronisch verengten Lungengefäßen“, sagt Grimminger. Für die entsprechende Studie kletterten fünf Mediziner und neun Profibergsteiger im Himalaja, um bei den über 5000 Metern herrschenden Extremen zu erleben, wie Viagra im Selbstversuch die Leistung verbessert. „Eine große Chance für Patienten mit Lungenhochdruck und bei Rettungseinsätzen, aber kein Doping-Mittel für Bergsteiger“, warnt Grimminger. Der Lungenspezialist hofft, dass Sildenafil und neue Weiterentwicklungen auch HIV-Infizierten und den rund 300 Millionen Schistosomiasis-Patienten helfen können. Infektionen mit Schistosoma-Parasiten, den Pärchenegeln, hält Grimminger für die weltweite Hauptursache von Lungenhochdruck. Studien des internationalen Pulmonary Vascular Research Institute laufen bereits. Für viele Betroffene ist der Zufallsfund Sildenafil ein Lebensretter - und keine Lifestyle-Droge.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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