03.10.2002 · Der grausame Tod von Jakob von Metzler hat nicht nur Entsetzen, sondern auch Ratlosigkeit ausgelöst.
Der grausame Tod von Jakob von Metzler hat nicht nur Entsetzen, sondern auch Ratlosigkeit
ausgelöst. Warum musste der Elfjährige sterben?
Wer verlangt eine Million Lösegeld für einen Bankierssohn und tötet ihn vor der Geldübergabe? Was für ein Motiv könnte der 27-jährige Student gehabt haben, der als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft sitzt?
Nicht das übliche Täterprofil
Zunächst konnte darüber nur spekuliert werden - noch gab es keine plausiblen Antworten auf Fragen, die letztlich wohl auch niemand endgültig beantworten kann. Kriminalpsychologen zweifeln allerdings bereits erheblich daran, dass es sich um eine übliche Entführung gehandelt hat.
Die Lösegeldforderung von einer Million Euro sei „vergleichsweise bescheiden“, betont etwa der Leiter der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, Rudolf Egg. Auch der Tatverdächtige Magnus G. passe nicht in das übliche Täterprofil bei Entführungen. Dabei handele es sich eigentlich eher um Menschen mit einer „kriminellen Biographie“ von 15 bis 20 Jahren, die skrupellos seien und als „Höhe- und Schlusspunkt“ ihrer „Karriere“ eine größere Summe erlangen wollten. Zudem kenne ein Kidnapper sein Opfer normalerweise nicht.
Ungereimtheiten: Eine andere Spur?
Im Fall Jakob von Metzler geht die Polizei aber davon aus, dass der verdächtige Jura-Student, der offenbar keine finanziellen Probleme gehabt hatte, der Familie bekannt war. Er soll sogar versucht haben, Freundschaft mit Jakob zu schließen. Und auch wenn Magnus G. vorher schon einmal polizeilich in Erscheinung getreten sein soll, muss er wohl eher als unbeschriebenes Blatt gelten.
Kriminalpsychologen rätseln daher, ob die Entführung vielleicht nur eine Täuschung war und den wahren Grund für die Tat verdecken sollte. „Steckt nicht etwas Entscheidenderes dahinter“, fragt sich Egg. Vielleicht sei die Entführung nur draufgesetzt worden, um eine andere Spur zu verwischen. Auch der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz von der Polizeihochschule Villingen-Schwenningen sieht zu viele „Ungereimtheiten“, um an einen klassischen Entführungsfall zu glauben.
Keine Anhaltspunkte für Sexualdelikt
Egg spekuliert, dass es sich möglicherweise um eine Form von Beziehungstat handele. Vielleicht habe es einen Konflikt zwischen der Familie und dem Täter oder gar zwischen diesem und dem Jungen gegeben. Gallwitz hält aber auch einen sexuelles Motiv für denkbar.
Warum solle sich ein Jura-Student freiwillig mit einem Elfjährigen abgeben, fragt der Psychologe. „Da klingelt einfach etwas.“ Sein Kollege Egg meint zumindest, dass ein solches Motiv nicht ganz von der Hand zu weisen sei. Die Staatsanwaltschaft teilte allerdings auf Grundlage des Obduktionsergebnisses mit, dass es keine Anhaltspunkte für ein Sexualdelikt gebe.
Der Tatverdächtige schweigt
Der Tatverdächtige schweigt derzeit; erst am Freitag soll er wieder vernommen werden. Derweil suchte die Polizei am Fundort der Leiche in einem See östlich von Frankfurt weiter nach Spuren. Auch die Gerichtsmediziner nahmen weitere Untersuchungen vor. Ihr vorläufiges Obduktionsergebnis ergab, dass Jakob vermutlich erstickt ist. Möglicherweise werden die Ermittlungen bald neue Erkenntnisse ans Licht bringen - derzeit steht für Egg nur fest, dass es noch zu viele offene Fragen gebe. Zumindest ist sich der Kriminalpsychologe aber sicher, dass es am Ende keine simple Antwort darauf geben wird: „Dass jemand von Dr. Jekyll zu Mr. Hyde wird, gibt es in Filmen und Romanen. In der Wirklichkeit ist das sicher nicht so.“