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Wallfahrt nach Lourdes : Im Wunderland

Ein Ort des Glaubens: Viele Wallfahrer erhoffen sich von ihrem Besuch in Lourdes ein Wunder. Bild: Rainer Wohlfahrt

Jedes Jahr pilgern sechs Millionen Menschen nach Lourdes. Sie glauben an die heilende Kraft des Wassers aus der Grotte. Die Pilger wollen das Wunder – und fürchten es zugleich. Ein Besuch.

          GEGRÜSSET SEIST DU, MARIA, VOLL DER GNADE.

          Es hat geregnet über Nacht, die Straßen von Lourdes sind nass. Angela Röder steht vor der Rosenkranzbasilika. Ihre Lippen sind schmal, ihr Blick ist ernst. Gedanken arbeiten in ihr. Am Abend zuvor war sie noch an der Grotte. Es war schon dunkel und kalt. Sie hat sich die Mauer entlang gedrückt, vorbei an den Hähnen, aus denen das heilende Wasser fließt, sich durch den Bauzaun geschlängelt, um zu ihr zu kommen, zur Heiligen Muttergottes. In einem weißen Gewand, mit blauem Gürtel und Rosen auf den Füßen stand sie da. Niemand sonst war dort. Angela Röder kniete vor ihr nieder, die Hände gefaltet. Die Gottesmutter ganz groß, Angela Röder ganz klein. Sie betete. Dass die Arthrose in ihrer linken Hand bald wieder verschwinde und dass ihr Enkel doch noch getauft werde. Dann schlug sie das Kreuz. Die Heilige Muttergottes lächelte sie an, so wie sie jeden Pilger anlächelt, der zu ihr an die Grotte kommt. Angela Röder blieb noch einen Augenblick dort stehen. Würde sich ihr Wunsch erfüllen, ein Wunder geschehen?

          DER HERR IST MIT DIR.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Denn so war es ja schon einmal gewesen. Vor 15 Jahren sagte ihr Arzt, in sechs Jahren würden ihre Nieren versagen und sie müsse an die Dialyse. Das erste Jahr mit der Diagnose war schlimm, das zweite brutal, das sechste fast unerträglich. Dann fuhr sie mit einer Pilgergruppe nach Lourdes, einem kleinen Ort am Fuße der französischen Pyrenäen. Sie ging oft in die Heilige Messe, trank von dem heilenden Wasser und ging in die Bäder. Als sie aus dem Steintrog stieg, musste sie sich nicht abtrocknen, sagt sie. Und die Sonderbarkeiten gingen weiter. Zu Hause musste der Arzt seine Diagnose revidieren. Plötzlich funktionierten die Nieren wieder. „Der Glaube versetzt manchmal Berge“, sagte der Arzt. „Das war mein persönliches Wunder“, sagt Angela Röder.

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          Um es festzuhalten, dieses kostbare Geschenk, fährt sie seither, so oft es geht, mit den Maltesern, einer katholischen Hilfsorganisation, in den Wallfahrtsort. Angela Röder ist gebürtige Polin, sie ist schon an viele heilige Orte gereist, stand vor vielen Kreuzen. Aber Lourdes sei etwas Besonderes, sagt sie und blickt über die Esplanada, den großen Platz, der sich vor der Rosenkranzbasilika erstreckt. Noch sind hier nicht viele Pilger unterwegs, die Saison hat erst begonnen. Nur die Hälfte der Andenkenläden, aus denen die Innenstadt von Lourdes nahezu ausnahmslos besteht, hat schon geöffnet. Sie verkaufen zu jedem Souvenir, zu jedem Plastikkanister, Holzkreuz und Metallanhängerchen auch eine Hoffnung: Greif zu, packe dein Glück, vertraue auf Gott! So blinkt es von Leuchtreklamen, so säuseln die Lautsprecher. Die kleinen Kerzen, mit denen die Gläubigen das Licht in die Welt tragen können, kosten 50 Cent, die großen zwei Euro. In Lourdes geht es nicht nur um den Glauben, sondern auch immer um das Geschäft. Der Bischof der Diözese ist fast so etwas wie der Vorstandsvorsitzende eines Wirtschaftsunternehmens mit Milliardenumsatz.

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