10.12.2007 · Wachpersonal vor den Toren: In Berlin-Neukölln beginnt ein Experiment zum Schutz von Schülern vor Gewalt. Zwanzig private Wachleute sollen sicherstellen, dass nicht wie bisher einfach jeder das Schulgebäude betreten kann.
Von Mechthild KüpperDie Albert-Schweitzer-Schule liegt mitten in einem „sozialen Brennpunkt“ in Neukölln. In diesem Bezirk hat es nach Auskunft der Behörden in den vergangenen zwei Jahren 53 schwerwiegende Fälle von Gewalt gegeben. An der Albert-Schweitzer-Schule gab es bisher keinen einzigen, denn „Tatort“ ist sie nicht, wie ihr Direktor Georg Krapp hervorhebt. Von ihren 530 Schülern sind 85 Prozent „nicht-deutscher Herkunftssprache“, die Tendenz ist steigend, die Eltern stammen aus der Türkei, aus arabischen Ländern, aus Asien.
Von Montag an bis zu den großen Ferien im Juli 2008 werden zwei ältere Herren, Angestellte der Bielefelder Firma „Wachschutz Germania“, an den Toren der Schule stehen und darüber wachen, dass nicht wie bisher einfach jeder das Schulgebäude betreten kann. Die Wachmänner stellen die soziale Kontrolle wieder her, die Schulen in der Großstadt vielfach abhanden gekommen ist. Sie sind unbewaffnet und sie sollen keineswegs in Konflikte eingreifen, sondern allenfalls die Schulleitung und notfalls die Polizei über sie informieren. Im Februar soll eine Zwischenbilanz des umstrittenen Einsatzes gezogen werden; im kommenden Sommer wird entschieden, ob aus dem provozierenden Testfall ein Regelfall werden soll – und kann.
Feuer und Drogensüchtige auf der Toilette
Den Schutz von insgesamt 13 Schulen an zehn Standorten durch 20 professionelle Wachleute lässt sich der Arme-Leute-Bezirk Neukölln immerhin 200.000 Euro kosten. Die Investition ist, erläutert Krapp, im Grunde das Resultat eines Streits des Bezirks mit dem Finanzsenator um mehr Geld, das der Senator verweigerte. Die Schule brauche dringend eine zweite Hausmeisterstelle und außerdem eine moderne Schließanlage. Weil es das nicht gab, nimmt sie am Wachschutz-Programm teil.
Kürzlich habe jemand auf der Toilette Feuer gelegt, berichtet Krapp geduldig den vielen Reportern, die zum Wachschutz-Dienstantritt morgens um halb acht gekommen sind. Erst vor wenigen Tagen sei er von Mädchen zu Hilfe gerufen worden, die einen völlig berauschten Mann auf der Damentoilette angetroffen hatten. Die Männer von „Germania“ – es sollen immer dieselben zwei sein, in ein paar Tagen wird auf ihren Uniformen neben ihren Namen auch „Albert-Schweitzer-Schule“ stehen – sollen nicht etwa vor Schülern schützen, erläutert Krapp, sondern sie sollen die Schüler schützen, oder, wie es der Bürgermeister formuliert, den Anspruch der Eltern sichern, dass ihr Kind „gesund wieder die Schule verlässt“.
„Prophylaxe und Prävention“
„Wachschutz für Schulen“ – das klingt spektakulärer, als es der Absicht und der Praxis der Albert-Schweitzer-Schule entspricht. Die Teilnahme war freiwillig, die letzte Entscheidung traf die Schulkonferenz, in der Eltern, Lehrer und Schüler gleich stark vertreten sind. Ausführlich begründet Schulleiter Krapp auf der Homepage der Schule den Schritt: Er „dient der Prophylaxe“, der Prävention. Für die „innere Sicherheit“ sorge man erfolgreich selbst, durch Kooperation mit der Polizei und mit Konfliktmediation durch ausgebildete Schüler. Der Wachschutz diene allein der „äußeren Sicherheit“.
Die Männer sollen nicht wie „Rambos“ wirken, sondern zwischen 7.30 Uhr und 16.30 Uhr am Haupteingang den Zugang kontrollieren. Zum Teil sind sie türkischer oder arabischer Herkunft und beherrschen diese Sprachen, wovon man sich positive Wirkung im Konfliktfall verspricht. Gelegentliche Gänge durchs Haus und übers Gelände gehören zum Dienst. Die Schule leidet darunter, dass auch die Kirchengemeinde von St. Jacobi kein Geld hat, um ihren Friedhof, der auf der Rückseite der Schule liegt, mit einem Zaun zu versehen und so ungebetene Gäste vom Schulgelände fernzuhalten.
„Paramilitärischer“ Einsatz?
Die Albert-Schweitzer-Schule ist, ausdrücklich der besseren Integration wegen, eine Ganztagsschule. Eine privat betriebene Cafeteria sorgt für die Verpflegung der Schüler, bis die alte Turnhalle der 100 Jahre alten Schule zur Mensa ausgebaut ist. Rund eine Million Euro wurden bisher in die Sanierung der ehemaligen höheren Mädchenschule investiert.
Scharf wendet sich Krapp gegen den Verdacht von Innensenator Körting (SPD), Neuköllns Bürgermeister Buschkowsky (auch SPD) wolle Schulen „paramilitärisch“ schützen lassen. Die Entscheidung, Wachschutz für Schulen zu bestellten, wird kontrovers diskutiert. Das Unternehmen Dussmann, das die Ausschreibung gewonnen hatte, sagte im Oktober überraschend ab: Der Wachschutz genieße weder an den Schulen noch in der Politik ausreichend Akzeptanz.
Das wertete die CDU als „Klatsche“ für Buschkowsky und Ausweis der „unkoordinierten und populistischen Politik“ des Neuköllner Bezirksamts. Nach dem Hinweis Körtings und des Bildungssenators Zöllner (auch SPD), nur 70 von insgesamt 800 Berliner Schulen nutzten das Instrument einer offiziellen Partnerschaft mit der Polizei, werden allein in Neukölln noch in diesem Jahr 40 solcher Verträge abgeschlossen.