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Vornamen Mandy, Peggy und Cindy

18.02.2004 ·  Die Übernahme angloamerikanischer Namen sieht eine neue Studie verbunden mit dem internationalen Marktvorteil amerikanischer Firmen. Das führe zu einem Export des "American way of life".

Von Claus Wolfschlag
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Die Rede von einer "Globalisierung der Alltagskultur" wird in der sozialwissenschaftlichen Diskussion oft bemüht, wenn es um die Untersuchung von Auswirkungen der global tätigen Unternehmenskomplexe geht. Der Modernisierungsprozeß habe zur Folge, daß nationale und regionale Kulturen zurückgedrängt und von einer transnationalen Zivilisation überlagert werden. Dieses Grundtheorem einer weltweiten Standardisierung von Alltagskultur wurde schon in "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer und Adorno vertreten.

Strittig allerdings ist der Grad der Beeinflussung, denn meinen die einen von einer strikten weltweiten Homogenisierung der Lebensstile sprechen zu können, sehen andere eher eine "Kreolisierung" ablaufen, also einen sanfteren Interaktionsprozeß, in dem internationale Einflüsse entsprechend der jeweiligen Empfängerkultur eingefärbt und anverwandelt werden. Jürgen Gerhards, der in Leipzig Kultursoziologie und Allgemeine Soziologie lehrt, ist dieser Frage nachgegangen, indem er die Veränderung der deutschen Vornamen untersuchte ("Globalisierung der Alltagskultur zwischen Verwestlichung und Kreolisierung: Das Beispiel Vornamen", in: Soziale Welt. Zeitschrift für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis, Jg. 54, Heft 2., Bonn 2003).

Export des „American Way of Life“

Die Übernahme angloamerikanischer Namen sieht er verbunden mit dem internationalen Marktvorteil amerikanischer Firmen in Konsumgüter-, Werbe- und Medienindustrie. Dieser Einfluß begünstige den Export des "American way of life". Als empirische Grundlage dienen seiner Analyse die Geburtsregister der Jahre 1894 bis 1994 von Standesämtern zweier repräsentativer deutscher Städte - eine davon auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Im gewählten Zeitraum kam es zu einer deutlichen Zunahme von Namen aus nichtchristlichen und nichtdeutschen Kulturkreisen. Entstammten 1894 nur etwa ein Viertel der Namen fremden Kulturkreisen, so waren es am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts knapp zwei Drittel. Der Anteil nichtdeutscher und nicht-christlicher Namen hatte sich seit dem siebzehnten Jahrhundert konstant niedrig gehalten. Das dramatische Wachstum der transkulturellen Namen ist erst für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Beginn der fünfziger Jahre zu belegen. Dabei ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem protestantischen, ab 1949 zur DDR gehörenden Testort und dem katholischen, ab 1949 zur Bundesrepublik gehörenden, nicht festzustellen.

Nun gewannen Namen Konjunktur, die vorher nie eine Rolle spielten: Maurice, Marco, René, Natalie, Denise oder aber Jennifer, Peggy, Sandy, Mike, Marvin und Steve. Gerhards erklärt den Rückgang christlicher und deutscher Namen nach dem Krieg einerseits mit dem Bedeutungsverlust des Christentums, zum anderen mit einer Delegitimierung deutscher Traditionsbestände nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus: "Die Auflösung beziehungsweise Beharrlichkeit von Traditionsbeständen ist aber kein universelles Phänomen, sondern hängt entscheidend von dem jeweiligen Pfad einer Gesellschaft ab. Das Niveau der Amerikanisierung der Vornamen wird in Frankreich mit einer relativ stabilen nationalen Identität sicherlich ganz anders aussehen als in Deutschland, einem Land mit einer beschädigten nationalen Identität."

Romanisch und angelsächsisch

Doch die Wahl von nichtdeutschen Namen erfolgt nicht ungerichtet, ist doch in erster Linie ein Anstieg von Namen aus dem romanischen und angelsächsischen Kulturkreis feststellbar. Der Transnationalisierungsprozeß erweist sich als Okzidentalisierungsprozeß. Diese Verwestlichung betraf die Bundesrepublik ebenso wie die untergegangene sozialistische DDR, bei der kein nennenswerter Anstieg slawischer Namen ausgemacht werden konnte. Weder Ivan noch Wladimir oder Nadia erreichten hohe Verbreitung. Die politische Einbindung des Landes spielte auf der kulturellen Ebene keine Rolle, die geistige Orientierung richtete sich ebenfalls gen Westen.

Gerhards deutet die Namenswahl als "Präferenzäußerung". Man greife auf Kulturkreise zurück, die aus Perspektive der Eltern mit einer hohen Reputation verbunden sind: auf solche also, die wirtschaftliche Stärke und hohes Prestige ausstrahlen. Empirische Untersuchungen haben nun gezeigt, daß Amerikaner und Westeuropäer das höchste, Bürger aus Ländern Osteuropas, der Türkei oder Afrikas hingegen ein viel niedrigeres Ansehen bei den Bürgern der Europäischen Union genießen. So war die Wahl vornehmlich angelsächsischer Vornamen plausibel: "Das spiegelt sich auch in der Tatsache wider, daß türkische Namen in der Bundesrepublik völlig folgenlos im Hinblick auf die Beeinflussung des Namenspools der von deutschen Eltern vergebenen Vornamen geblieben sind, obwohl die Türken die größte Einwanderungsgruppe in der Bundesrepublik darstellen. Mehmet oder Mohammed spielen für deutsche Eltern keine Rolle."

Einwanderung ist kein Grund

Die Übernahme vormals fremder Namen läßt sich also nicht auf die Einwanderung zurückführen. Der Einfluß der größten Einwanderergruppen, der Türken und Jugoslawen, auf die Vornamenswahl der Deutschen blieb marginal. Ebensowenig kann der wachsende Tourismus ursächlich sein, der sich in der DDR auf Osteuropa beschränkte, während in der Bundesrepublik der angelsächsische und frankophone Bereich weit hinter Österreich und den Mittelmeerstaaten zurückblieb.

Gerhards führt die Verwestlichung der Vornamen auf die Nutzung der Massenmedien zurück, auf den zunehmenden, in den Prozeß der Westbindung eingebetteten Einfluß von Fernsehen und Popmusik seit den fünfziger Jahren. Die Ausdehnung der Verfügung über einen Fernseher sei bei den Deutschen zeitlich parallel mit der Änderung der Vornamenswahl gelaufen. Zugleich sei der in der ARD ausgestrahlte Anteil ausländischer Filme von gut der Hälfte im Jahr 1955 auf mehr als neunzig Prozent im Jahr 1980 gestiegen. Dabei hatten Filme aus den Vereinigten Staaten und Großbritannien den Hauptanteil vor Werken aus Frankreich und Italien. Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich im Tonträgerbereich. Hier fiel zwischen 1960 und 2000 der Anteil deutscher Lieder in den Beliebtheitsskalen von neunundvierzig auf dreizehn Prozent zurück.

Die Namen der Stars

Vornamen wurden mehr und mehr nach idolisierten Stars aus dem Angebot der Populärkultur gewählt, seien es John (John Lennon), Steve (Steve McQueen), Ernie (nach der Sesamstraßen-Figur) oder Kevin (nach dem Film "Kevin allein zu Haus"), und zwar auch in der an das Westfernsehen angebundenen DDR. Daß bestimmte ausländische Namen das Rennen vor anderen machten, erklärt Gerhards mit dem "Ratchet effect". Erneuerung findet danach meist nicht im völligen Austausch alter Moden statt, sondern in dosierter Modifizierung, in gemäßigter Veränderung des Bestehenden: "Ist die Abweichung zwischen Altem und Neuem zu gering, fehlt der Stimulus zur Beseitigung des Ungleichgewichts, ist die Abweichung zu groß, fehlt die Fähigkeit zur Assimilation."

Dieser Prozeß der "Kreolisierung" erklärt, daß vor allem jene ausländischen Namen beliebt wurden, die an etablierte phonetische Gewohnheiten anschlußfähig waren. Auf Markus folgte Marc, dann Marco, schließlich Marcel. Ähnlich verhält es sich mit Andreas und André sowie mit Stefan, Steffen und Steve. Hat ein Namen den Einbruch geschafft, folgen ihm in Endung oder Vorsilbe ähnlich klingende. Mandy begünstigt Peggy oder Cindy, auf Jenny folgten Jessica und Jennifer. Die Kreolisierungstheorie glaubt, daß die über internationale Märkte verteilten Produkte nach den Relevanzkriterien der Empfängerkulturen uminterpretiert und mit eigenen Kulturelementen angereichert werden. Wie stark diese Uminterpretation ausfällt, hängt allerdings vom Selbst- und Traditionsbewußtsein bei den jeweiligen Empfängerkulturen ab.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.02.2004, Nr. 41 / Seite N3
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