18.07.2007 · Zwischenfälle, Streiks, Verspätungen: Eines Tages musste es eine so verheerende Katastrophe wie in Sao Paulo geben, behaupten Experten. Denn die längst notwendige Reform des brasilianischen Flugsicherungswesens wurde nie in Angriff genommen.
Von Josef OehrleinDie jüngste Katastrophe in der brasilianischen Zivilluftfahrt war vorherzusehen. Obwohl es in den vergangenen Monaten immer wieder zu Zwischenfällen, Streiks und Verspätungen kam, geschah nur wenig zur Verbesserung der Lage. Vor allem die dringend nötigen grundlegenden Reformen des Flugsicherungswesens sind nicht in Angriff genommen worden. Entscheidenden Anteil an der Lage hat die Indifferenz oder gar das Desinteresse der Politiker, für die Tourismusministerin Martha Suplicy eine bittere Pointe lieferte. „Entspanne dich und genieße es“, erwiderte sie auf die Klagen von Passagieren, die der ewigen Verspätungen und Pannen überdrüssig waren.
Hauptursache der Misere ist der bislang vergebliche Versuch, die Flugsicherung von einer militärischen Behörde in eine funktionstüchtige und zumindest weitgehend privat geführte Institution zu überführen. Die Streitkräfte wollen um keinen Preis die Kontrolle über den Luftverkehr abgeben. Ihre Einrichtungen sind jedoch mit technisch veraltetem Gerät ausgestattet, das Personal ist schlecht geschult und überfordert.
Höhere Kapazitäten durch kürze Pufferzeiten
Die Luftwaffe fing den ständig wachsenden Flugverkehr mit Überstunden und der Aufweichung internationaler Flugverkehrsstandards auf. Pufferzeiten zwischen den einzelnen Starts und Landungen wurden verkürzt, um die Kapazität der Flughäfen zu steigern. Die Lotsen mussten wesentlich mehr Flüge betreuen, als dies in anderen Ländern der Fall ist. Sie haben immer wieder auf ihre Lage aufmerksam gemacht – mit Streiks und Dienst nach Vorschrift – ,doch haben sie die ohnehin prekäre Lage damit nur noch verschlimmert. Der brasilianische Luftverkehr stand mehrmals vor dem Zusammenbruch.
Zu alledem kam hinzu, dass eine der ehemals wichtigsten und renommiertesten südamerikanischen Fluggesellschaften, die einst staatstragende und später privatisierte Varig, nach langer Agonie bankrott ging. Dies führte zu einer Ausdünnung des Streckennetzes, zur Neuordnung der Routen verbleibender Gesellschaften, vor allem auch der TAM. Manche Strecken, unter ihnen solche, die Brasilien mit Europa verbinden, waren zeitweilig stark überlastet. Davon profitierten zwar ausländische Gesellschaften wie die Lufthansa, doch ging gerade der deutschen Gesellschaft mit dem Zusammenbruch der Varig der einzige südamerikanische Partner im Star-Alliance-Verbund verloren. Gespräche mit anderen Gesellschaften haben bislang nur zu einer vorsichtigen Annäherung zwischen Lufthansa und TAM geführt.
Luftfahrtaufsicht hält Boom nicht stand
Im wirtschaftlich prosperierenden Brasilien ist unterdessen der zivile Flugverkehr immens gewachsen, allein während der vergangenen drei Jahre um achtzehn Prozent. Damit hat die personelle und materielle Ausstattung der Luftfahrtaufsicht nicht im geringsten Schritt gehalten. Im Jahr 2001 beschäftigte die brasilianische Luftwaffe 2540 Fluglotsen, seitdem sind nur etwa 150 hinzugekommen.
Wie unzulänglich die technischen Einrichtungen der Luftfahrtkontrolle sind, lässt sich an einem Zwischenfall vom Dezember vergangenen Jahres erkennen. Damals fielen die Funkgeräte in der zentralen Kontrollstation von Brasília eine Stunde lang aus. Dies hatte mitten in der Vorweihnachtszeit ein Chaos auf den Flughäfen zur Folge, das drei Tage lang anhielt. Es gab schlicht kein Notsystem, mit dem der Funkverkehr hätte aufrecht erhalten werden können.
Josef Oehrlein Jahrgang 1949, politischer Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in Buenos Aires.
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