Die drei Hochhäuser am East River geben am Sonntagabend ein unauffälliges Bild ab. In vielen Wohnungen sind die Lichter an, wie an jedem anderen Abend. Eigentlich sollten sie stockdunkel sein, denn die Gebäude im New Yorker Stadtteil Williamsburg liegen in der „Zone A“ - und fallen somit in das Gebiet, das auf Anordnung des Bürgermeisters Michael Bloomberg wegen des herannahenden Hurrikans Sandy evakuiert werden soll. Aber viele Menschen bleiben nach Verstreichen der Evakuierungsfrist um 19 Uhr in ihren Häusern und wollen Sandy die Stirn bieten.
Zu diesem Zeitpunkt ist es noch recht ruhig in der Stadt. Zwar fegten am Sonntag schon heftige Winde durch New York, aber die volle Wucht Sandys wurde erst am Montag erwartet. Der Hurrikan sollte nach den Prognosen das Festland am Abend erreichen. Die Stadt muss sich dann auf Hochwasser von mehr als drei Metern und auf Sturm mit einer Geschwindigkeit von 120 Kilometern in der Stunde einstellen. Meteorologen befürchten, dass der Wirbelsturm sich zum schlimmsten Unwetter seit mehr als 20 Jahren auswachsen könnte.
Wasser tritt über die Ufer
Am Montag morgen tritt das Wasser schon an einigen Stellen der Stadt über das Ufer, zum Beispiel am Battery Park an der Südspitze Manhattans. Der Evakuierungsbefehl, der 375.000 New Yorker traf, ist nur eine von mehreren tiefgreifenden Vorsichtsmaßnahmen: Das öffentliche Transportsystem ist seit Sonntagabend komplett dichtgemacht, U-Bahnen und Busse fahren nicht. Das öffentliche Leben steht weitgehend still: Broadway-Shows sind abgesagt, die Schulen und die New Yorker Börse sind geschlossen, Tausende Flüge fallen aus.
Viele New Yorker unternahmen am Wochenende Hamsterkäufe, demonstrieren aber gleichzeitig Gelassenheit. So wie Phillip Snyman, einer der Evakuierungsverweigerer. Snyman wohnt mit seiner Frau Lori in „Northside Piers“, einem der drei Hochhäuser in Williamsburg. 2011 beim Hurrikan Irene hat er sich an die Evakuierungsanordnung gehalten und seine Wohnung geräumt. Hinterher hat er sich geärgert, denn Irene blieb in New York recht zahm, auch wenn sie anderswo schwere Verwüstungen anrichtete. Deshalb will er sich diesmal nicht aufscheuchen lassen, und damit ist er nicht allein.
Snyman hat mit einigen Nachbarn gesprochen, und er schätzt, dass die Hälfte der Bewohner ausharren wird. „Viele von denen sind bei Irene noch ausgezogen“, sagt er. Snyman nimmt die Gefahr in Kauf, dass Sandy die Stadt härter treffen könnte als Irene. Er hält Überschwemmungen in seinem Haus für denkbar, und Fensterscheiben könnten zu Bruch gehen. „Aber wenn das passiert, bin ich lieber an Ort uns Stelle“, sagt er. Am Sonntag hat er sich mit Wasser, Batterien, Kerzen und sonstigem Notproviant eingedeckt, um sich für die nächsten Tage zu wappnen. Nebenan im Appartementkomplex „Edge“, wo am Sonntag ebenfalls viele Lichter an sind, stellt der Hausmeister die Verweigerer auf ungemütliche Tage ein, in denen sie eingesperrt sein werden: „Alle Türen werden verschlossen sein. Niemand darf rein oder raus. Es wird keine Ausnahmen von diesen Regeln geben,“ schrieb er in einer Email an die Bewohner.
Bürgermeister-Appell: „Denken Sie an die Rettungsdienste“
Bürgermeister Bloomberg äußerte derweil, wer sich nicht an die Evakuierungsanweisung halte, sei „egoistisch“. Die staatliche Wetterbehörde National Weather Service veröffentlichte einen düsteren Appell: „Denken Sie an die Rettungsteams, die Sie retten, wenn Sie verletzt sind, oder Ihre Überreste bergen, wenn Sie nicht überleben.“
Auch Alel Baytsayeva gibt sich am Sonntagabend recht unbesorgt: „Ich habe nach Irene jetzt doch Erfahrung mit Wirbelstürmen“, sagt die junge Frau aus Harlem, die gerade eine der letzten U-Bahnen bekommen hat. „Meine Mutter hat Wasser, Taschenlampen und Kerzen zu Hause. Und wir haben noch genug Essen vom Thailänder. Wir sind vorbereitet“, sagt sie mit einem Schulterzucken. Baytsayeva kauft sich ihr Abendessen beim Palomino-Imbisswagen an der Lenox Avenue, dessen Eigentümer Mohamed Jose nicht so recht weiß, wie lange er offen halten soll. „Ich glaube, wir werden um neun zumachen. Erst wollten wir schon um sechs verschwinden, aber der Sturm hat ja noch nicht begonnen. Die Nachrichten machen mich verrückt“, sagt er und liest auf seinem iPhone den neuesten Wetterbericht. Der Imbisswagen steht strategisch günstig am Eingang zur U-Bahn-Station an der 116. Straße. Normalerweise bleibt Jose an einem Sonntag bis 22 Uhr an seinem Platz und verkauft Lamm und Reis in Styropor-Schachteln an die Leute, die aus der Bahn kommen und auf dem Weg nach Hause sind. Aber da die U-Bahnen um 19 Uhr dichtmachen, ist die Lage an diesem Abend etwas anders.
Batterien und Erdnussbutter sind gefragt
Supermärkte haben einen Riesenandrang am Sonntag. Bei „Best Yet“ an der Frederick Douglass Boulevard reicht die Schlange vor den Kassen in mehreren Windungen durch den ganzen Laden. „Rückt auf“, befiehlt eine junge Angestellte den Kunden. „Normalerweise bin ich der Kundendienst in Person, aber heute muss das ein bisschen schneller gehen“, fügt sie hinzu, als eine Kundin wegen ihres Kasernenhoftons zu protestieren beginnt. Der Supermarkt „Fairway“ am Ufer des Hudson muss am Sonntag wegen Überfüllung fünfmal geschlossen werden. „Die Schlangen zogen sich um das ganze Haus“, erzählt Attol Foreman, der den Laden managt. „Wir haben heute 20 Paletten Wasser verkauft. Normalerweise reicht eine Palette für eine ganze Woche. Die Leute sind in Panik geraten.“
Neben Taschenlampen und Batterien greifen die Kunden auch oft bei Erdnussbutter zu. „Die hat viel Eiweiß, damit kann man ein paar Tage überleben“, sagt Foreman. Am Montagmorgen wollte Fairway wie immer um 8 Uhr öffnen. Geschlossen werde erst, wenn der Hurrikan tatsächlich zuschlägt. Da weder Busse noch Bahnen fahren, hat Fairway Schulbusse gechartert, um die Angestellten nach Hause zu bringen.
„Wir werden bestimmt wieder überschwemmt“
Die Straßen Harlems sind am Sonntagabend nicht so stark befahren wie sonst üblich, obwohl vom Sturm noch kaum etwas zu spüren ist. Ein McDonald’s in der Nähe des Hudson hat schon um halb acht geschlossen. Auch das Restaurant „Dinosaur Bar-B-Que“ macht zwei Stunden früher als üblich zu, obwohl es immer noch Leute gibt, die im Angesicht des Sturms Appetit auf holzgegartes Schweinefleisch haben. „Wir haben unseren Keller wegen Sandy ausgeräumt“, sagt Abigail Doyle, die Managerin des Restaurants, das sich trotz der Nähe zum Fluss nicht in einer Evakuierungszone befindet. „Wir hatten nach Irene den Keller voller Wasser, und wir werden bestimmt wieder überschwemmt“, sagt sie. Wegen der geschlossenen U-Bahnen zahlt Dinosaur seinen Angestellten am Sonntag ein Taxi nach Hause. Am Montag bleibt das Restaurant geschlossen - ebenso wie viele andere Lokale und Geschäfte in der Stadt.
Dem Sturm trotzen müssen allerdings die Arbeiter auf der Baustelle der Columbia-Universität schräg gegenüber. „Wir haben die Kräne auf die Seite gelegt und müssen mit Pumpen dafür sorgen, dass das Wasser in der Baugrube nicht zu hoch steigt“, sagt Chris, ein Arbeiter mit Sicherheitsweste und Schutzhelm, der sich mit zwei Kollegen die Nacht um die Ohren schlagen wird. Chris befürchtet, dass am Montag nicht nur der Regen zum Problem wird, sondern auch der Hudson über die Ufer treten und die Baustelle überschwemmen könnte. Frei nehmen kann er sich dennoch nicht. „Wir müssen antreten. Garstiges Wetter gehört zu unserem Job.“