15.08.2005 · „Auswärtige“ kommen nur selten nach Illerberg - wenn Stau ist auf der A7 zwischen Memmingen und Ulm. Eine Gruppe von 40 jungen Mexikanern auf dem Weg zum Weltjugendtag versetzt jetzt den bayerisch-schwäbischen 3000-Seelen-Ort in Aufruhr.
Von Timo Frasch, IllerbergIllerberg hat die modernste Kegelbahn Deutschlands, hin und wieder wird von Jugendlichen ein Auto aufgebrochen, und vor ein paar Jahren waren mal Reporter von „RTL explosiv“ da, wegen eines Kriminalfalls, den keiner dem bayerisch-schwäbischen 3000-Einwohner-Dorf zugetraut hätte.
Ansonsten gibt es wenig Spektakuläres, dafür von Hand gekehrte Straßen, ansehnliche Sparguthaben auf der Raiffeisenbank und Leute, die freundlich grüßen. Eine Gruppe von 40 jungen Mexikanern, die auf dem Weg zum Weltjugendtag in Köln ein paar Tage Station macht, vermag da einen Ort durchaus in Aufruhr zu versetzen, zumal „Auswärtige“ sonst vor allem im Auto durch Illerberg eilen - wenn Stau ist auf der A7 zwischen Memmingen und Ulm.
Viele deutsche Gemeinden haben sich in diesem Jahr darum bemüht, Teilnehmer am Weltjugendtag bei sich aufzunehmen, selbst Harald Schmidt hat in seiner Show dafür geworben, jungen Brasilianerinnen eine Luftmatratze in die Wohnung zu legen. Schmidt selbst hat zehn Pilger in seinem Studio einquartiert, viele andere sind schließlich leer ausgegangen, auch weil es Probleme mit Einreisegenehmigungen gab und manche, die kommen wollten, ihr Erspartes bereits für den Besuch der Beerdigung des Papstes aufgebraucht hatten.
Schwäbische Gepflogenheiten „mit allem drum und dran“
Daß es ausgerechnet in Illerberg geklappt hat, liegt an den Beziehungen, die der Ort seit langem zur katholischen Ordensgemeinschaft „Schönstatt“ pflegt, die auch in Mexiko präsent ist. Die beiden Schönstatt-Padres Stefano Daneri Hermosilla und Bernardo Parra Sepulveda waren zusammen in Münster auf dem Priesterseminar, eine Illerbergerin ist in der Gemeinschaft Ordensschwester, eine andere war für Schönstatt ein halbes Jahr in Chile. Man hat sich vor einem Jahr zusammentelefoniert und so kam es, daß Manuel Rodriguez Zamorra vier Tage bei der Familie Frank und die Señores Daneri und Parra bei Familie Harder Käsespatzen, Rostbraten und Most ausprobieren konnten.
Im Umgang mit Belgiern hätten die Illerberger Erfahrung: In den achtziger Jahren gab es eine Freundschaft des örtlichen Kreisligisten mit einem belgischen Fußballverein, alle zwei Jahre kamen die Flamen zu Besuch. Aber mit Mexikanern? „Wir haben uns bewußt dafür entschieden“, sagt der Illerberger Kirchenpfleger Martin Lieble, als er beim mexikanisch-schwäbischen Abend in der Illerberger Mehrzweckhalle vor einem Teller Schupfnudeln sitzt, „uns nicht allzu sehr an unsere Gäste anzupassen, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, die Gepflogenheiten in einem schwäbischen Dorf kennenzulernen, mit allem drum und dran“.
Danach ist auch das Programm gestaltet worden: Besuch im Kreismustergarten, Besichtigung eines Bauernhofs und Probeschießen beim „Zimmerstutzen Schützenverein“. Am Sonntag dann Schloß Neuschwanstein, davor Dachau, das ehemalige Konzentrationslager. „Beides haben wir auf ausdrücklichen Wunsch der Mexikaner ins Programm genommen“, sagt Lieble. „Pater Kentenich, der Gründer von Schönstatt, war vier Jahre lang in diesem KZ.“
Fußball überspringt die Sprachbarriere
Manuel, der gerade eine Powerpoint-Präsentation über Mexiko beendet hat, stimmt ihm zu. Er ist gut informiert, am Frühstückstisch hat er seiner Gastfamilie davon erzählt, daß Mexiko Deutschland im Zweiten Weltkrieg mit Panzern beliefert hat. Jetzt zieht er einen Stein aus der Hosentasche. Der sei aus der Zelle von Pater Kentenich, übersetzt Maria-Enriqueta Falber.
Frau Falber ist eine gebürtige Peruanerin und - wie sie sagt - eine entfernte Verwandte des spanischen Dichters Llorca. Seit 40 Jahren lebt sie in Wullenstetten bei Illerberg und gibt Kurse an der Volkshochschule. Sie hat sich als Dolmetscherin angeboten und gleich mehrere ihrer Schüler mitgebracht. Frau Falber spricht beide Sprachen perfekt. Das einzige, was sie am Morgen in der Kirche bei der Ankündigung des Tagesprogramms nicht übersetzen konnte, war die vielleicht sehr deutsche Bezeichnung für eine vielleicht sehr deutsche Sache: „Obst- und Gartenbauverein.“
Die Übersetzer können nicht überall sein, aber die Illerberger wissen sich zu helfen. Die meisten haben in den paar Tagen gelernt zu gestikulieren wie die Mexikaner, manche können noch ein bißchen Englisch aus der Schulzeit oder aus dem Urlaub. Im Übrigen gibt es Themen, welche die Sprachbarrieren mühelos überspringen. Fußball zum Beispiel. Wer, wie der Illerberger Fußballplatzsprecher Helmut Hille dann sogar noch den aztekischen Götterhimmel in die Illerberger Mehrzweckhalle holen kann - Tlaloc, Huitzilopochtli, Quetzalcuatl - darf sich der Überraschung der umsitzenden Mexikaner sicher sein.
„Wir sind nicht hier, um Party zu machen“
Marianne Krüger, die zwei Jahre in Mexiko lebte, hat vorne auf der Bühne - nach dem Auftritt der Jugendgottesdienst-Band - ihre Gloria-Estefan-Nummer beendet. Die La-Ola-Welle, die 1986 bei der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko erfunden wurde, schwappt durch die kleine Halle, in der vielleicht 200 Menschen um runde Tische sitzen, Mexikaner und Deutsche. „Uns hat es hier in Illerberg hervorragend gefallen, die sauberen Straßen, die Hilfsbereitschaft“, sagt Germán de la Cruz Ramirez, der im Fortgang des Abends an der Gitarre noch zwei Schmusesongs vortragen wird. Man glaubt es ihm aufs Wort.
Trotzdem haben die mexikanischen Jugendlichen über die Tage einen merkwürdig zurückhaltenden Eindruck gemacht. Während in Deutschland für jeden Achtkläßler auf Besinnungstagen zwei Flaschen Apfelkorn zum Handgepäck gehören, trinken die Mexikaner, die sonst nicht für ihre Enthaltsamkeit bekannt sind, keinen Tropfen Alkohol. „Sie haben nicht einmal den Wunsch geäußert, abends in eine Kneipe oder Diskothek zu gehen“, sagt Gastmutter Sieglinde Kast. „Wir sind nicht hier, um Party zu machen, sondern um die Menschen kennenzulernen, einen guten Eindruck zu hinterlassen - und um zu beten“, sagt Eduardo Morales Arcelus, einer der Gäste, beharrlich. Freilich war von der Mitorganisatorin Hannelore Harder zu hören, daß es sich die Gäste am Mittwoch, bei einem Jugendfest bei Koblenz, am bayerischen Stand haben sehr gut gehen lassen.
„Viva México, viva México“
Die Zurückhaltung der Mexinaner, „el hermetismo“, wie es der mexikanische Nobelpreisträger Octavio Paz in seinem berühmten Essay über die „mexicanidad“ ausgedrückt hat, verfliegt im Laufe des Abends. „Bei der Fiesta“, sagt Paz, „öffnet sich der Mexikaner gegenüber seiner Umwelt.“
Die Mädchen, die auf Wunsch der mexikanischen Priester getrennt von den Jungen in der Nachbarstadt Vöhringen untergebracht waren, kommen gegen 23 Uhr in die Halle, es sind knapp 50. Diejenigen, die aus dem Bundesstaat Jalisco stammen, haben zwei Volkstänze einstudiert. Sombreros, schwere Stiefel und bunt bestickte Kleider wirbeln wild über die notdürftige Bühne, auf der sonst die Blaskapelle Bauerntheater spielt oder der Männergesangsverein ein Konzert gibt. Am Schluß stehen die mexikanischen Tänzer zusammen mit der heimischen Narrenzunft „Wasamolle“ auf der Bühne: „Viva México, viva México“, soviel Spanisch kann jetzt jeder, nachdem zuvor beim Singen der Bayernhymne noch einige Schwächen offenbar geworden waren.