08.09.2006 · Unterwegs mit Gottvertrauen auf dem Benediktweg: Es geht mit dem Fahrrad durch die Heimat des Papstes. Alle Wege führen hier nicht nach Rom, sondern angeblich auf die Lebensspur des gebürtigen Marktlers.
Von Hannes HintermeierSeit wir Papst sind, ist Bayern Superpapst. Begeisterungsdämpfendes Kopfschütteln aus dem Vatikan wird tunlichst ignoriert. Nur weil der Diener der Diener Gottes den Kult um seine Person nicht mag, kann man daheim nicht so tun, als wäre nichts gewesen. Es mußte schließlich etwas geschehen, Benedikt XVI. ist ein Geschenk Gottes für jeden Fremdenverkehrsverein. Und sind wir, Pauschalreisende wie Rucksacktouristen, nicht alle irgendwie auf der Suche? Und könnte nicht ein solcher Mann Vorbild sein auf allen Lebenswegen? Also folgen wir ihm in der Hoffnung, etwas von jenem Geist aufzuspüren, der den weltlichen Dingen zur rechten Zeit entsagen und auf das Jenseits vorbereiten helfen kann.
Wir tun das auf dem Benediktweg, einem sehr jungen deutschen Weg. Vorgestellt wurde er im August 2005 vom Altöttinger Verkehrsbüro in Anwesenheit hoher geistlicher Würdenträger und unter Mitarbeit der Tourismusverbände Inn-Salzach, Chiemgau, Chiemsee und Rosenheimer Land: ein 224 (nach anderen Berechnungen 248) Kilometer langer Rad- und Wanderweg. Die Route beginnt und endet an der Papstlinde am Vorplatz der Altöttinger Basilika, jenem Baum, den Johannes Paul II. in Anwesenheit von Kardinal Ratzinger dort 1980 gepflanzt hat. Der Radweg streift in vier Landkreisen die Lebensstationen des Papstes, in Hufschlag bei Traunstein ist etwa der Schulweg Ratzingers Teil der Strecke.
Trete und bete: Geistigen Überbau liefert der heilige Benedikt, der als Ordensgründer bedeutenden Einfluß auf die Entwicklung Bayerns hatte: Der Weg durch die "terra benedicta" soll ein Glaubensweg und keine touristische Attraktion sein. Alle Radwege führen also hier nicht nach Rom, sondern angeblich auf die Lebensspur des gebürtigen Marktlers. Die eigentliche Attraktion soll neben den kunsthistorischen Höhepunkten die Landschaft sein - als das eigentlich benediktinische Kunstwerk. Dementsprechend geläutert klingt das jetzt im Land der BayWa so: "Die heimischen Landwirte sind sehr bestrebt, bäuerliche Tradition und innovative Konzepte zur Behauptung und Weiterentwicklung der ländlichen Wirtschaft in Einklang zu bringen." So steht es in der "Benediktweg"-Exkursionskarte.
Wo ist er denn, der Weg?
Eine Radwallfahrt als große Schleife durch das Outback des oberbayerischen Kernlands, in die Normalität der Provinzen. Dabei kommt, wer sich dort auf geistige Wanderschaft mit dem Fahrrad begibt, der Frage, wie das mit dem Glaubensweg in Wirklichkeit gemeint ist, unfreiwillig näher: Man braucht nämlich viel Gottvertrauen, um die Route zu finden. Meistens stellt sich dem Benediktverfolger die Frage: Wo ist er denn, der Weg?
Beim Gasthof Remmelberger in Asten, hoch über dem Salzachtal, verrät eine Nachricht "Bin beim Metzger. Um zwei Uhr wieder da". Kein gutes Vorzeichen? Der Blick geht von hier weit hinein ins Salzburgische und damit ins Mozartland, zum Untersberg und bis zum Watzmann, hinüber in die Ostalpen, jedenfalls theoretisch. Tief hängende Regenwolken verdecken das Gebirg', aber heraußen im Hügelland, das die letzte Eiszeit übrigließ, geht die Fahrt durchs unspektakuläre Bauernland. Kirchweihdach, wo in den achtziger Jahren die legendäre, in einem Kuhstall untergebrachte Punk- und New-Wave-Diskothek "Libella" Besucher bis von München, Salzburg und Wien herlockte, ist heute wieder ohne Attraktion. Jedenfalls beinahe: Am Dorfweiher findet eine "Baywatch"- Party statt; Asten lockt zur gleichen Zeit mit dem zweiten Astener Boule-Turnier.
Querbeet nach Westen über Feichten und Wiesmühl an der Alz, zwischen Mais-meeren und Fichteninseln, wogt die Straße in der sanften Hügeldünung. Vor Kraiburg stürzt sie mit zwölf Prozent Gefälle hinunter ins mächtige Inntal. Kraiburg ist eine merkwürdige Mischung aus Längstvorbei und gestriger Moderne. Die auf der anderen Innseite gelegene Nachkriegsgründung Waldkraiburg hat den Ort wirtschaftlich weit hinter sich gelassen. Der Zustand der Häuser und der Straßen erinnert in manchen Ecken an Schwellenländer, aber mittendrin regt sich auch Sanierungswillen. Eine sehr orange Kneipe namens "Hazienda" leuchtet zwischen unverputzten Häusern, am Ortsrand fressen sich die Neubausiedlungen ins Grüne.
Wechsel von der Stadt aufs Land
In diesem Sommer führt der Inn oft Hochwasser, dunkelbraun wälzen sich die Massen durch langgezogene Kurven. Hier im touristischen Nirgendwo liegt flußaufwärts auf der rechten Seite Aschau, wo Joseph Ratzinger die Volksschule besuchte. Wenig schreibt er über das Dorf in seinen Erinnerungen, zu sehr hing er an Tittmoning. Es war der Wechsel von der Stadt aufs Land; und auch heute ist Aschau maximal beschaulich. An der Hauptstraße steht das Wohnhaus, in dem die Familie Ratzinger von 1932 bis 1937 wohnte. Ein nagelneuer Gedenkstein und eine Fahne markieren die Lebensstation. In der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt steht eine Muttergottes, pausbäckig und bäuerlich. Wie bei ihrem Kind sind Wangen und Stirn heftig errötet, der Blick der Madonna ist ein wenig verlegen zur Seite gewendet.
Nach Süden hin geht es durch eine spärlich besiedelte Flußlandschaft. Zur Linken das satte Dschungelgrün der Auen, schmiegt sich die schmale Straße an den Hang und erreicht nach wenigen Kilometern Kloster Au. Wer mag, kann den steilen Anstieg nach Stampfl und seinem Schlößchen hinauf tun, von dort einen Blick übers Inntal mit Bergpanorama werfen. An einer Flußschleife liegt das Kloster, das Benediktinermönche im achten Jahrhundert gründeten und später Augustiner Chorherren führten. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sind Franziskanerinnen hier ansässig; sie betreuen geistig und körperlich behinderte Kinder.
Allenthalben wird renoviert, ein Braustüberl gibt es, aber wie in den meisten bayerischen Wirtschaften auf dem Land ist während der Woche kaum Betrieb. Über dem stattlichen Areal liegt eine große Stille, das Verrinnen der Zeit, ihr Gleichmaß wird beinahe körperlich spürbar. Auch das Nachbarkloster Gars ist eine Gründung der Benediktiner. Nach der Säkularisation erneuerten 1855 Redemptoristen das Klosterleben. Hier ist der Benediktweg bei seinen Wurzeln angekommen, aber für den radelnden Wallfahrer sind die hermetischen Klostermauern wenig einladend. Sogar die weltliche Einkehr ist wochentags schwierig, denn auch der Marktplatz zeigt sich architektonisch und gastronomisch in schöner Geschlossenheit.
Altstadtbild von oben
Wie schnell vermißt man die Stille, wenn man erst einmal im Dunstkreis Wasserburgs von den Verkehrsströmen des Landkreises Rosenheim mitgerissen wird. Hier sind die PS-starken Autofahrer daheim, bayerische Motorenwahnsinnige. Das Altstadtbild von oben: eine Perle im Fluß, dahinter aus dem Idyllenrahmen hinauspfeilend - die Bundesstraße Richtung München, die Hügel zerschneidend. Hier lebt der Radfahrer gefährlich, hier wuchert schon der Großraum München. Am Penzinger See, einem kreisrunden Moorweiher nordöstlich Wasserburgs, kann man verschnaufen. Das gepflegte Strandbad mit den alten Holzkabinen hat den Charme vergangener Badekultur bewahrt, und an der Kasse gibt es sogar Fahrradschlösser umsonst.
Hinter uns liegt das unspektakuläre Bayern, das Land, das keiner kennt, weil es seine Geheimnisse nicht einfach preisgibt. Dort sind immer noch Flecken zu entdecken, in denen die Zeit stehengeblieben ist. Wo es den Leuten ziemlich Wurscht ist, wer in Berlin regiert, weil man schon nach München nur im Notfall hinauffährt. Das ändert sich im Speckgürtel, der das Postkartenoberland nach Osten über Rosenheim hinaus fortsetzt. Die Landschaft wird zur Fassade, sie wandelt sich zum Teil einer Inszenierung: neobäuerlicher Countrystyle. Die Anwesen verdienen die Bezeichnung Anwesen, und wenn es nur zur Doppelhaushälfte gereicht hat, ist der Ausstellungsraum für die Autos ein wahres Aushängeschild. Im Lande Doppelgaragistan parkt der BMW auf makellosem Fliesenboden. Wo früher ein hölzernes Kutschenrad den Freisitz zierte, prangt heute die diskret eingefärbte Satellitenschüssel. Und die Geranienkästen haben Turbopower.
Vorbei an Hebertsham geht es durch Evenhausen, Unteröd, Halfurt, Mühlberg, Asham hinauf nach Amerang. Das Dorf hat zwei Attraktionen weltlicher Natur: das Schloß der Freiherren von Crailsheim und ein privates Museum für deutsche Automobilgeschichte. Entlang der Hauptstraße ist jedes Haus extrem gepflegt saniert, die "Schlecker"-Filiale wirkt wie ein trutziges Herrenhaus. Hier endlich gibt es Wirtshäuser und Cafés. Ein großes Herz für Radfahrer haben die Wirtsleute des Biergartens "Gleis 2", der direkt an der Bahnlinie Obing-Bad Endorf liegt, dort wo die Straße zum Schloß hinauf und weiter nach Höslwang führt. Große Lärmbelästigung ist nicht zu befürchten: Der Zug fährt nur einmal die Woche.
Ein Jahr nach seiner Erfindung
Auf die Frage nach dem Benediktweg - dessen Schilder man vergeblich sucht - erntet man hier am Stammtisch herzliches Gelächter. Immerhin ein Jahr nach seiner Erfindung. Schon in Gars hatte der Tankwart gesagt, das sei das erste Mal, daß sich jemand nach dem Benediktweg erkundige. Am Chiemsee die gleiche Reaktion: Wie soll der heißen? Nie gehört. Vielleicht, wenn der Papst da war, daß er dann so heißt. Entweder ist es mit der Papstbegeisterung hier nicht soweit her, oder die Konkurrenz ist einfach zu stark. Salzhandelsweg, Klosterweg, Mozartweg, Alz-Traun-Weg, Chiemseeuferweg, Inn-Salzach-Weg - die Wege verschwimmen, und die Beschilderung ist so flüchtig wie der Wind, der dem müden Radfahrer entgegenbläst. Eine Erklärung liefert ein Experte im Haus des Gastes zu Seebruck. Für die Beschilderung seien die Gemeinden zuständig. Und da nähmen es eben manche weniger genau als andere.
Rund um den Chiemsee hat man auch Besseres zu tun, als noch einen Radweg zu vermarkten. Man muß die Gäste bei Laune halten, das Wetter ist schlecht, viel zu lange schon wieder. Die Nerven der Kurgäste sind angespannt. In Gstadt im "Würst'l Eck" - Fluch den Verschand'lern des Apostroph's - geben im dämmrigen Nieselregen zwei mittelalterliche Westfälinnen ihre Kindheitserinnerungen an die Einführung des Farbfernsehens zum besten. Der Würstlbudenbesitzer sitzt dabei und raucht. Vor dunkelgrauen Wolken über der Kampenwand kreuzt das Fährschiff zur Insel Frauenchiemsee. Eine regenbemäntelte italienische Familie steht am glitschigen Anleger und versucht, dem düsteren Panorama etwas abzugewinnen. Sommerfrische, mit Betonung auf Frische.
Von Seebruck führt ein Abstecher nach Nordosten Richtung Trostberg, entlang der hier ungezügelt mäandernden Alz. In Truchtlaching sind alle Badestege verwaist, und auch auf der Brücke, die sonst den Kindern als Sprungturm dient, ist niemand zu sehen. Vom nächsten Höhenrücken aus kann man die ehemalige Ritterburg Stein an der Traun sehen, den Prospekt dominieren die eigenwilligen Zwillingstürme von Stift Baumburg, das hoch über Altenmarkt thront. Ein Flügel des Augustiner-Chorherrenstifts wird gerade zu einem Seminarhotel umgebaut. An der Alzbrücke steht das neue "Libella", seinerseits schon wieder historischer Nachfolger des Kirchweihdacher Tanzlokals. Über Tyrlaching geht es hinüber an die Landesgrenze nach Tittmoning, das Joseph Ratzinger das "Paradies meiner Kindheit" genannt hat. Dort ist man wieder näher am Leben des Papstes, aber der Blick, der ihm an Föhntagen bis zur Salzburger Burg vergönnt war, ist heute durch den alles dominierenden Kamin des österreichischen Dampfkraftwerks Riedersbach entstellt. Nicht nur für Radwallfahrer ist dieser Fingerzeig des fernwärmebeheizten Diesseits eine arge Ernüchterung.