08.09.2009 · Aus Berlin zurück in die Provinz, das bedeutet nachbarschaftliche Totalüberwachung - und Turnverein statt Fitnessclub. Unser Autor bereut sein neues Leben trotzdem nicht. Dabei war die eigenständige Hausrenovierung wie eine Aufnahmeprüfung.
Von Axel BrüggemannMeine neuen Nachbarn heißen Heini und Bernhard. Die beiden sind Rentner. Heini ist ein Frühaufsteher und Bernhard ein passionierter Handwerker. Wenn ich morgens um neun Uhr die Zeitungen hole, begrüßt mich Heini gern mit dem Satz: „Na, auch schon wach?“ Und Bernhard hat zu dieser Zeit schon den Blaumann an und öffnet seine Schuppentür - in meiner neuen Nachbarschaft gibt's nämlich immer was zu tun.
Meine alten Nachbarn kannte ich kaum. In der Wohnung neben mir zogen immer wieder Studenten ein und aus. Am Anfang bin ich noch zu den Housewarming-Partys gegangen, habe das dann aber irgendwann gelassen. Wenn ich im Urlaub war, konnte ich den Schlüssel in der Wohnung unter uns abgeben. Meine Nachbarn und ich haben uns im Treppenhaus gegrüßt, aber wann sie aufgestanden oder zu Bett gegangen sind, weiß ich nicht.
Ich bin aus dem Berliner Stadtteil Schöneberg nach Arbergen gezogen, ein Außenbezirk Bremens. Von einer Wohnung in ein Haus. Von der Stadt auf das Land. Von einer Welt in eine andere.
Der Geist hat sich nicht verändert
Arbergen war einmal ein eigenes Dorf mitten in der Marsch, den Wiesen und Feldern vor den Toren Bremens. Eine Provinz wie viele in Deutschland: 5000 Bewohner, ein Bäcker, ein Schlachter, ein Zeitschriftenladen, ein Kaufmannsladen, eine Grundschule, ein Dorfrestaurant, eine Kirche aus dem elften Jahrhundert, eine Mühle und zwei Friseure - einer davon war meine Tante. Der Schlachter, der Kaufmannsladen und der Friseurladen meiner Tante haben inzwischen geschlossen - der Zeitschriftenladen wird wohl auch bald zumachen. Die Kinder des Inhabers haben keine Lust, ihn weiterzuführen. Die Arberger gehen heute lieber im „Weserpark“ einkaufen. Da gibt's real, H&M, Hugendubel und Hornbach unter einem Dach. Das Dorf ist im Laufe der Zeit an Bremen herangewachsen. Aber der Geist hat sich deshalb nicht verändert. Wer Arberger werden will, muss die Geschichte verstehen.
Ich wohne in der Heisiusstraße. Gottlieb Heisius war im achtzehnten Jahrhundert Pastor der Arberger Kirche und neben dem Astronomen Heinrich Olbers der bekannteste Arberger. Mein Urgroßvater hat das Haus 1893 gebaut. Er war ein praktischer Mann - heute würde man sagen: ein Selbstversorger. Neben dem Eingang befanden sich Schweine- und Kuhstall. In der Diele wurde das Korn gedroschen. Von der Diele gingen enge Wohn- und Schlafzimmer und eine Küche ab. Das Plumpsklo stand im Garten, hier wurden auch Kartoffeln angepflanzt und Hühner gehalten. Zeitweise haben in diesem Haus drei Generationen gewohnt: meine Urgroßmutter, meine Großeltern, meine Mutter und ihre beiden Schwestern.
Meine Freunde konnten das nicht glauben
Als meine Großmutter starb, überlegte die Familie, das Haus abzureißen. An Umbau war nicht zu denken. Die elektrischen Leitungen und die Wasserrohre waren veraltet, allein das Gemäuer und das Dach waren in akzeptablem Zustand. Und außerdem: Wer will schon freiwillig nach Arbergen ziehen, an einen Ort, wo jeder jeden kennt? Aufs Dorf?
Ich wollte. Meine Freunde in Berlin konnten das nicht glauben: „Wie willst du denn ohne Philharmonie, ohne drei Opernhäuser, ohne deine Stammkneipen, ohne uns glücklich werden?“ Aber mich beruhigte der Unterton in ihrer Frage. Da klang auch ein bisschen Großstadt-Melancholie mit, der eigene Verdruss darüber, dauernd der Zeit hinterherzulaufen, den Hauptstadt-Events, das heimliche Wissen, in der Metropole zu leben und trotzdem am Rande zu stehen. In Arbergen steht jeder im Zentrum.
Heimat nach Zivildienst verlassen
In Bremen konnte auch niemand glauben, dass ich kommen wollte. Schließlich hatte ich meine Heimat nach dem Zivildienst verlassen: Studium in Freiburg, ein Jahr in Amerika, Jobs in Hamburg und Berlin. Ich bin der Einzige aus meiner Familie, der nicht in Bremen wohnt. Bei Familienfeiern wurde ich einmal pro Jahr über den Klatsch aus Arbergen auf dem Laufenden gehalten: Der alte Pastor wurde gegen einen neuen ersetzt, die Tochter einer Nachbarin ist mit dem Sohn von Günter Grass verheiratet, und nach einigem Protest gegen eine Birke im Nachbargarten haben sich nun alle Anwohner an den Baum gewöhnt.
Eigentlich war ich nur zu Weihnachten und zu den Beerdigungen meiner Großeltern in Bremen. Ich lebte in Berlin, ohne der Familie, den Nachbarn oder sonst wem Rechenschaft abzulegen - und das war auch gut so. Das Einzige, was ich aus Arbergen hörte, war die Frage, warum ich so wenig von mir hören ließ.
„Der kleine Alex“
In Bremen bin ich noch immer „der kleine Axel“. Meine Eltern verstehen nicht genau, wie ich mit dem Schreiben Geld verdiene. Derzeit lernen wir einander neu kennen. In Berlin war nur wichtig, dass es mir gutgeht. In Bremen wollen meine Eltern wissen, wie mein Leben funktioniert. Nun kaufen sie neben dem „Weser Kurier“ auch die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Nur manchmal vergessen sie noch, dass ich in den letzten zwanzig Jahren erwachsen geworden bin - wenn sie mich fragen, ob ich an den TÜV für das Auto denke, oder wenn sie noch immer finden, dass ich zu klein bin, um ihr Auto zu fahren.
In dem Haus an der Heisiusstraße bin ich groß geworden. Hier hat Opa Johann mir die Welt erklärt. Er hat auf einem Schwarzweißfernseher die Bundestagsdebatten von Strauß und Schmidt verfolgt und mir Fotos vom Feldzug an den russischen Dnjepr gezeigt. Nur fünfzehn Mann seiner Kompanie waren zurückgekehrt. Das war das einzige Mal, dass ich Opa weinen sah. Manchmal, an Sonntagen, bin ich mit ihm zu Veteranen-Stammtischen gegangen. Da haben seine Kameraden auf mich eingeredet, dass ich dafür sorgen sollte, dass „so ein Scheiß“ nie wieder passiert - sie meinten den Krieg. Ich war damals zwölf Jahre alt.
Heimliches Familienmuseum
Als Kind habe ich die Holztruhen auf dem Dachboden durchstöbert und die Tagebücher meines Urgroßvaters aus dem Ersten Weltkrieg nebst einer Pappschachtel mit einem blutigen Taschentuch gefunden. Sie gehört zur Familienlegende: Mein Uropa bekam die Schachtel als Feldpost an die Westfront, steckte sie in seine Uniform und wurde angeschossen. Die Pappkante lenkte die Kugel in seinen Arm. Ohne das Taschentuch wäre mein Urgroßvater einem französischen Geschoss zum Opfer gefallen. Meine Großmutter hatte die Schachtel auf dem Dachboden verstaut. Für mich war sie spannender als alle Karl-May-Bücher. Der Dachboden in Arbergen war mein heimliches Familienmuseum. Der Umzug nach Bremen ist auch ein Umzug in meine Vergangenheit.
Bis heute ist der Dachboden unverändert. Vor dem Umbau des Hauses habe ich noch einmal gestöbert. Hier liegt der Teil der Familiengeschichte, der auf Geburtstagen inzwischen keine Rolle mehr spielt: Heute wird über das Liebesleben der Enkelkinder oder die neue Inneneinrichtung geredet - nicht über den Kaiser oder Hitler. Auf den Truhen liegt inzwischen einen Zentimeter dick der Staub. Statt moderne Dachdämmung zu verwenden, hat mein Großvater das Haus mit alten Fenstern und Türen isoliert. Selbst die Werbetafeln des befreundeten Bauunternehmers Lange sind hier verarbeitet. Beim Renovieren hat meine Mutter plötzlich begonnen, alte Geschichten zu erzählen, die ich noch nicht kannte. Der alte Lange muss in Arbergen so etwas wie der Zampano gewesen sein: ein reicher Mann mit Anzug und großem Auto. Mein Großvater hat ihn hin und wieder chauffiert, dafür durfte er am Wochenende das Auto ausleihen. So werden in Arbergen bis heute Geschäfte gemacht.
Das Familienhaus begann zu leben
In drei Monaten haben wir das komplette Haus bis auf die Grundmauern auseinandergenommen, neue Leitungen gelegt und die Zimmerwände verschoben. In unserer neuen Küche (dem ehemaligen Schlafzimmer) wurde meine Tante Hanna geboren, im Büro war der Schweine-, in der Bibliothek der Kuhstall. Statt einer Glastreppe, die sich meine Mutter in der Diele gewünscht hätte, haben wir zwei Wochen lang die alte Holztreppe von vier Schichten Lack aus hundertzwanzig Jahren befreit. Das Parkett, das unter drei Teppichschichten schlummerte, wurde trotz Holzwurm erhalten. Heini und Bernhard haben unsere Bauarbeiten dezent überwacht. Zu jedem Fortschritt fiel ihnen eine Geschichte meiner Großeltern ein. Bernhard kannte sich in unserer Werkstatt besser aus als wir selbst: „Dein Opa hat alles gesammelt“, erklärte er mir. „Besonders Schrauben! Wenn wir einen Container bekamen, ist er raufgeklettert, hat alle Schrauben gelöst und sie mit nach Hause genommen.“ Und tatsächlich: In den Metallschränken in der Garage fanden wir eine Sammlung von Schrauben und Muttern in allen Größen und Formen; Hornbach ist ein Kramladen dagegen. So sind wir langsam eins mit unserem Projekt und unseren Nachbarn geworden: Das Familienhaus begann zu leben.
Bevor wir mit unseren Sägen, Bohrmaschinen und Pinseln angekommen sind, muss sich in Arbergen irgendwie die Mär verbreitet haben, dass ich ein Großstadt-Schnösel mit Schlips sei. Doch zum Glück lässt sich das Gerede auf dem Land schnell durch Taten korrigieren. Dass wir das Haus in Eigenregie renoviert haben, war so etwas wie eine Arberger Aufnahmeprüfung. Dass die Säge jeden Sonntag knatterte, störte niemanden. Im Gegenteil: Arbergen sah, dass der Schnösel arbeitet.
Ich mag meine neuen Nachbarn
Arberger warnen Neuankömmlinge gern davor, dass hier jeder über jeden redet. Und tatsächlich könnte Arbergen einem Berliner wie ein kleiner Überwachungsstaat vorkommen. Vielleicht werden auch deshalb die Jalousien gegen 21 Uhr heruntergelassen; tagsüber schützen Gardinen die Bewohner vor den Blicken neugieriger Nachbarn. Obwohl die Menschen hier nicht so eng zusammenwohnen wie in Berlin, wissen sie mehr voneinander.
Wer sein ganzes Leben in Arbergen verbracht hat, ist daran gewöhnt, dass es wenig Politik, wenig Kultur und wenige Menschen gibt, die unsere Blicke ablenken. Also wird eben über herumliegende Handtücher geredet - oder über die Aufstehzeiten. Statt „Wii“ im Wohnzimmer spielen wir Badminton im Garten, der Fitnessclub heißt hier noch Turnverein. Das Normale ist für mich eine neue, spannende Welt. Man punktet nicht, weil man auf der Vernissage in Mitte war, sondern weil man authentisch ist. Denn darauf kommt es an: Wer ist, wie er ist, gehört dazu. Wer tut, als wäre er etwas anderes, ist draußen.
Neulich hat sich Heinis Frau übrigens bei meiner Frau entschuldigt, dass Heini mich gefragt hat, ob wir schon aufgestanden seien. Dabei finde ich es toll, wenn Heini mich so was fragt. Weil Heini so ist. Ich mag meine neuen Nachbarn - und werde neben ihnen leben. Ohne Gardinen und Jalousien.