26.11.2009 · Volker Klüpfel und Michael Kobr sind die „Criminal Comedians“ aus dem Allgäu: Sie schreiben erfolgreiche Kriminalromane und setzen ihre Lesungen wie eine Slapstick-Komödie in Szene. Zuhause haben sie genauso wenig zu sagen wie ihr Kommissar Kluftinger.
Von Franz Josef GörtzVolker Klüpfel und Michael Kobr haben die Koffer schon gepackt. Eigentlich könnte es gleich losgehen. Aber vorher müssen wir darüber reden, wer in ihrem Buch „Rauhnacht“ eigentlich der Mörder ist. Und wie der Tote es geschafft hat, nach seinem letzten Atemzug noch die Tür von innen zu verschließen. Am Abend zuvor, bei ihrem Auftritt im vollbesetzten Audimax der Erfurter Universität, haben sie darüber kein Sterbenswörtchen verloren. Warum denn auch? Es war doch, sagt Klüpfel, „spaßig genug“.
Klüpfel und Kobr sind „Criminal Comedians“. Diese Spielart von Entertainment gab es auf offenen Bühnen, in Hör- und Gemeindesälen oder Mehrzweckhallen bisher noch nicht. Im Allgäuer Land vielleicht, aber doch nicht in größeren Städten. Und vermutlich auch nicht in Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern. Klüpfel und Kobr schreiben Kriminalromane, fünf sind es inzwischen. Seit dem ersten, der 2003 erschien und „Milchgeld“ hieß, stürmen sie in fast jedem Herbst mit einem neuen Buch die Sellerlisten: ziemlich unangestrengt, dafür mit wachsenden Auflagen.
Von ihrem jüngsten Roman „Rauhnacht“, den der Piper Verlag Anfang Oktober ausgeliefert hat, gingen inzwischen 250.000 Stück über die Ladentheke. Auf insgesamt zwei Millionen Exemplare haben die beiden es mittlerweile gebracht - und ihre Lesungen sind meist schon Tage vorher bis auf den letzten Platz ausverkauft. Wie das? „Wir sind Rampensäue“, sagt Kobr. Sein Kompagnon nickt. Und weil einer von beiden immer das letzte Wort haben muss, fügt Klüpfel demonstrativ kleinlaut hinzu: „Gewissermaßen.“
Interview unversehens eine Performance
Wir waren zum Interview verabredet, und unversehens ist eine Performance daraus geworden: ein vergnüglicher Trialog, in dem oft beide Autoren lust- und absichtsvoll durcheinanderreden, ohne dass die Fäden sich verwirren oder ein Gedanke, ein Einfall, ein Gag verlorengeht. Die beiden üben das seit Jahren - seit jener denkwürdigen Autofahrt von der Expo 2000 in Hannover zurück nach Memmingen, die ihnen so langweilig vorkam, dass sie das Phantasieren anfingen und sich eine Kriminalgeschichte zusammengesponnen haben: Jeder einen Satz, eine Figur, einen Schauplatz, ein Mordmotiv. „Sehr bizarr“, gesteht Kobr. „Drucken konnte man davon jedoch nichts“, ergänzt Klüpfel, „obwohl unser Kommissar natürlich ein Allgäuer war wie wir und auch damals schon Kluftinger hieß.“
Kobr widerspricht grundsätzlich nie, wenn er anderer Ansicht ist. Aber fürs Protokoll stellt er bald klar, dass die Sache sich in Wahrheit völlig anders zugetragen hat. Auf der Rückfahrt nach Memmingen habe das tatsächlich angefangen, „aber das war kein Krimi, sondern irgendeine andere Sorte Buch“, außerordentlich amüsiert habe man sich trotzdem dabei. Kobr habe erzählt, und Klüpfel habe alles mitgeschrieben. Oder umgekehrt. Zwischendurch hätten sie auch ein Bandgerät mitlaufen lassen. Er habe dann eigenhändig, behauptet Michael Kobr und klopft mit der Faust auf den Bücherstapel vor ihm, die ersten Seiten vom „Milchgeld“ zu Papier gebracht. Natürlich, raunt er lächelnd hinter vorgehaltener Hand, sei sein Co-Autor „mit zehn Prozent an allen Honoraren beteiligt“.
Rhetorische Scheingefechte auf offener Szene
„Ein furchtbarer Text“, flüstert Klüpfel vernehmlich und rollt die Augen. Über mimisches Talent verfügen beide. Ihre Mundart setzen sie ein, wenn sie zu schrofferen Tönen greifen. Auf der Bühne geht es dann gewöhnlich lauter zu, wenn auch niemals unartikuliert. Kann sogar vorkommen, dass sie in solchen Augenblicken mit Händen und Füßen reden, von ihren Stühlen aufspringen und ihr Buch links liegenlassen, um sich lauthals und freihändig improvisierend ans Publikum zu wenden. Im Gespräch beschränken sie ihre komödiantischen Einlagen auf Kostproben, die nur länger werden, wenn Zuhörer in der Nähe sind.
Angeblich, sagt Klüpfel ganz ernst, hatte er seine liebe Mühe damit, aus Kobrs Erzählflicken eine passable Geschichte zu schneidern, die selbst notorische Krimifreunde lesbar und vor allem einigermaßen komisch finden würden. „Das ist nämlich genau unser Ding“, wirft Kobr ein, „möglichst witzig soll es zugehen.“ Auf Stichworte reagieren beide ungemein hellhörig. So finden diese Schriftsteller offenbar auch die Pointen für ihre Bücher: Sie erspielen sie sich in ihren rhetorischen Scheingefechten auf offener Szene. Früher haben sie die Stichworte für solche Sketche mitgeschrieben - das brauchen sie längst nicht mehr.
Am ersten Buch haben sie, Schulter an Schulter, gemeinsam zu schreiben versucht: unmöglich. Seitdem entwickeln sie miteinander nur den Plot, legen den Lauf der Handlung in Umrissen fest und schreiben im Wechsel wie Drehbuchautoren Szene für Szene: „Bei unserem ersten Fall wussten wir bis zum Ende nicht, wer der Mörder sein sollte, das hat sich bitter gerächt“, erinnert sich Klüpfel. Von Erfurt fahren sie mit dem Zug zu einer Lesung nach Meiningen: „Auf der Fahrt denken wir dann über das sechste Buch nach.“ Worum es geht? Da lachen beide: „Kluftinger braucht mal ein neues Auto“, sagt Kobr, „das alte ist ökologisch nicht mehr korrekt.“
Warum nicht Bodenständiges aus Isny?
In Klüpfels Version von den gemeinsamen Anfängen gab der Memminger Kleinverleger Maximilian Dietrich den entscheidenden Impuls. Der war auf der Suche nach einem Autor für Allgäu-Krimis und hatte sich an Klüpfel gewandt. Der war damals noch Kulturredakteur der „Memminger Zeitung“ und stand im Ruf, mit der regionalen Kulturlandschaft rund um seinen Heimatort Memmingen bestens vertraut zu sein. Klüpfel schlug Kobr vor, seinen literarisch ambitionierten Freund aus frühen Kindertagen. „Unsere Urgroßmütter waren Schwestern“, erzählt Klüpfel, „wir haben das als Appell verstanden.“
Es gibt Schwarzwaldkrimis von Ute-Maria Heim, Worpswede-Krimis von Helga Beyersdörfer, Oberbayern-Krimis von Andreas Föhr, Schwaben-Krimis von Ulrich Ritzel und die Heimat-Thriller von Andrea Maria Schenkel. Warum nicht vergleichbar Bodenständiges aus Isny, Leutkirch und Kaufbeuren? So mag der Verleger Dietrich gedacht haben, dem gleich eine Reihe vorschwebte, deren erster Band auch tatsächlich als „Allgäu-Krimi“ sein Publikum fand. Die Zeit schien reif, und Vorbilder aus sämtlichen ober- und niederdeutschen Provinzen lagen längst in allen Buchhandlungen.
Die genuinen Leser ihrer Bücher und die Zuschauer der schnell „Kult“ genannten Auftritte vermutete das Duo vor allem im bayerischen Südschwaben, im Vorarlberg und rund um die Allgäuer Alpen. Klar, dass die beiden Autoren anfangs zünftig mit Tirolerhut und in der Krachledernen mit Hirschhornknöpfen auftraten: in der Wolle gefärbte Vorälpler wie ihr Kommissar Kluftinger. Der hat keinen Vornamen und braucht auch keinen, weil er sogar mit seiner Frau nur das Nötigste redet und im Dialekt nicht bloß denkt, sondern auch schweigt: „Ein total typischer Allgäuer nämlich“, behauptet Michael Kobr. Unnachsichtiger charakterisiert ihn Volker Klüpfel: als bärbeißigen, dabei aber einprägsam komischen Kauz, der sich aus kleinen Verhältnissen zum Kommissar der Kemptener Kriminalpolizei hochgestrampelt hat, alles Unbekannte, Fremde und Neue fürchtet und sich den regelmäßigen Besuch einer Tanzschule als persönliche Kulturleistung anrechnet.
Die Ehefrau hat alles fest im Griff
Von alledem berichten beide mit ausgelassenem Wohlwollen, als hätten sie in Wahrheit ein leibhaftiges Familienmitglied vor sich, das mittlerweile seit sechs Jahren unfreiwillig, aber doch ungezwungen zu ihrem Alltag gehört. Dieser Kluftinger fällt zwar auf Anhieb niemandem lästig, geht aber mit seinen aberwitzigen Schrullen seiner Familie, den Nachbarn und Kollegen furchtbar auf die Nerven. „Bei den Kluftingers geht es zu wie bei uns oder bei Klüpfels zu Hause“, glaubt Michael Kobr: „Die Ehefrau hat alles fest im Griff. Natürlich auch ihren Mann, der mit seinem Beruf sozusagen die Außenpolitik der Familie betreibt, privat aber wenig oder überhaupt nichts zu sagen hat.“
Dass der Kommissar von Amts und Staats wegen den Chefermittler gibt, obwohl er sich auf Schritt und Tritt lächerlich macht, wenn er diese Rolle im Leben wirklich auszufüllen versucht, ist ein Handikap, das viel allzumenschliche Komik abwirft. Kluftingers hält die Wirklichkeit in allen Körper- und Geistesgrößen dauerhaft vorrätig. Das macht die Figur kompatibel, mühelos wiedererkennbar über landsmanschaftliche und Generationsgrenzen hinweg. In Erfurt ist das Publikum vorteilhaft gemischt, die Altersklassen lachen an den gleichen Stellen ohne Verzug. „Wir haben uns mit den Jahren zur Jugend vorgearbeitet“, sagt Klüpfel. Sie wird sich gern daran gewöhnen, dass Kluftinger in der Altusrieder Blaskapelle die „saudumme Großtrommel“ zu schlagen pflegt. Wer im Roman „Rauhnacht“ wen umgebracht hat, wird da fast nebensächlich. Spaßig ist es genug.
Erntedank im Allgäu
Volker Klüpfel, 1971 in Kempten im Allgäu geboren, war nach dem Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Kommunikationswissenschaft und einem Zeitungsvolontariat zunächst Kulturredakteur der „Memminger Zeitung“, bevor er 2008 zur Kulturredaktion der „Augsburger Allgemeinen“ wechselte. Er lebt in Augsburg, ist verheiratet und hat einen Sohn.
Michael Kobr, 1973 in Kempten geboren, hat Romanistik und Germanistik studiert und lebt als Realschullehrer in Memmingen. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter. Mit Volker Klüpfel ist er seit der Schulzeit befreundet.
Gemeinsam schrieben sie 2003 den Kriminalroman „Milchgeld“, der es auf Anhieb in die Bestsellerlisten schaffte und sich mehr als 200 000 Mal verkaufte. Ähnlich erfolgreich waren auch die Romane „Erntedank“ (2004), „Seegrund“ (2006), „Laienspiel“ (2008) und „Rauhnacht“ (2009). Das Buch „Erntedank“ wurde vom Bayerischen Rundfunk 2008 als Fernsehfilm produziert. (fjg.)