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Vogelschutz an der Nordsee Freier Blick auf Meer und Möwen

05.08.2011 ·  Die Studentin Marie Schehl hilft als Vogelschützerin auf der Hamburger Hallig. Was zunächst nur als Vorlage für eine Examensarbeit dienen sollte, ist längst zu einer Herzensangelegenheit geworden. Von der Pfalz an die Nordsee.

Von Frank Heike
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Es sind lange, anstrengende Tage da draußen auf den Salzwiesen der Hallig und im Watt, so viel Wind und Wasser, so viel Sonne, so viel pralle Natur im Nationalpark schleswig-holsteinisches Wattenmeer. Manchmal weiß Marie Schehl gar nicht, wie sie all diese Eindrücke verarbeiten soll. Manche Tage sind auch einfach nur traurig. Die Stimmung verdüstert sich minütlich, als sie zusammen mit Vogelschützer und Nationalpark-Ranger Rainer Rehm durch die Salzwiesen streift und in die Nester der Lachmöwen schaut. Rehm geht voraus und lässt Schehl protokollieren: Für jedes tote Küken im Gelege macht sie einen Strich. Die Liste wird lang und länger an diesem Sommermorgen.

So wie die Gesichter der beiden. Vor ein paar Tagen haben sie die Nester mit kleinen Bambusstangen markiert. Heute steht die Ernte an. Es ist eine traurige Ernte. Erst an Nest 127 ruft Rehm: „Wir haben hier mal ein lebendes!“ Zwei braunschwarze Flaumknäuel liegen im Nest, zwei Tage alt, munter. Geschickt klebt Rehm den Vögeln ein Markierungs-Haftband ums Bein. Weiter geht es. Die Stunden verfliegen, und auch wenn die Bilanz des Vormittags so mager wie frustrierend ist, denn mehr als 20 tote Küken finden die beiden - es ist wieder einer dieser Tage, die für Marie Schehl nicht mit Gold aufzuwiegen sind.

In alle Richtungen denken

„Hier draußen ist kein Tag wie der andere“, meint sie. „Es ist ein Glück, hier sein zu dürfen. Als ich im März kam, habe ich mich schon gefragt, wie alles werden wird. Jetzt denke ich traurig an den September.“ Im Herbst endet ihre Zeit als Praktikantin im Nationalpark auf der Hamburger Hallig. Ausgewählt aus 100 Bewerbungen für diesen so entlegenen wie reizvollen Posten, lebt die 24 Jahre alte Lehramts-Studentin mit den Fächern Biologie und Mathematik nun schon fast vier Monate in dem weißen Steinhaus mit Reetdach am Ende der Hallig. Wasser und Strom, wacklige Internet-Verbindung. Gut 150 Meter weiter leckt die Nordsee an der seit Jahrzehnten immer wieder geflickten Ufermauer.

Zusammen mit Marie Schehl möchte Vogelschützer Rainer Rehm einen Fachartikel über die Frage schreiben, warum hier seit drei Jahren so viele junge Lachmöwen verenden. In diesem Jahr könnte ein Steinmarder der Übeltäter sein. Oder sind zu viele Schafe auf den Salzwiesen unterwegs? Auf der Hallig ist es erwünscht, in alle Richtungen zu denken. An 26 Orten bietet die Commerzbank ihr „Praktikum für die Umwelt“ an; drei bis sechs Monate in der Natur, vergütet mit 255 Euro im Monat. Der Platz auf der Hallig gilt als besonders beliebt. Für Marie Schehl kam nichts anderes in Frage. Sie kommt aus Busenberg in der Pfalz und studiert in Landau. „Ich war früher nie an der Nordsee“, sagt sie. „Aufgewachsen bin ich mit Bergen und Bäumen.“

Perfekt für die Hallig geeignet

Erst im Jahr 2009 begann ihre Leidenschaft für das platte Land während eines Praktikums in der Vogel-Schutzstation Sylt. Im Januar bewarb sie sich für das Umweltpraktikum auf der Hamburger Hallig, bekam die Zusage, fuhr mit vollgepacktem Auto gen Norden und begann im März noch bei Schnee und Eis auf der Hallig mit ihrer Examensarbeit. Schehl beschreibt die Raumnutzung von Nonnen- und Ringelgänsen. Die Gänse sind längst weitergezogen. Die junge Studentin ist geblieben.

Auch die sperrigsten Nordfriesen haben verstanden, dass da etwas zusammenwächst zwischen der Frau aus der Pfalz und den gar nicht so wortkargen Menschen der Region, die so gut vom Tourismus und der Windwirtschaft lebt: Schehl kann zuhören, anpacken, mitschnacken, vernünftig „Moin“ sagen und Kinder für Muscheln, Schnecken und Quallen begeistern. Sie kann auch um halb sechs Uhr hellwach sein und helfen, Möwen zu beringen. In der Welt des Lammbratens - fast alle Deichschafe sind Schlachtvieh - muss sie als Vegetarierin immer mal einen Spruch einstecken. Aber sie isst immerhin Fisch.

Abends beginnt die beste Zeit

Die Hallig-Monate sind für Marie Schehl so etwas wie ein langes Trainingslager für den ersten Job. Gern würde sie in der Umweltbildung mit Kindern arbeiten. Ausprobiert hat sie vieles: Sie hat schon Kinder ins Watt geführt und gestaunt, dass nicht einmal kleine Nordfriesen mehr wissen, wer für Ebbe und Flut verantwortlich ist. Sie erklärt in dem kleinen Schuppen namens Wattwerkstatt den Gästen, warum es sinnvoll ist, das Wattenmeer als Nationalpark zu schützen. Sie beringt und zählt zusammen mit Rehm Vögel. Und zur Not zäunt sie ein Austernfischer-Gelege an der Badestelle der Hamburger Hallig ein, bevor die Touristen die Küken streicheln.

Wenn die Sonne glutrot untergeht und die Tagestouristen die Hamburger Hallig verlassen, beginnt die beste Zeit. Freier Blick aufs Meer, am Himmel Austernfischer und Möwen, sonst Stille. Dann beginnt aber auch die Zeit, sich um die Examensarbeit zu kümmern. Dass das Leben hier anders ist, erfahren Städter schon an der rotweißen Schranke auf den letzten Festlandmetern am deichnahen Treffpunkt Amsinckhaus: Die 3,3 Kilometer bis zur Gaststätte Halligkrog fährt man mit dem Rad. Seit dem Jahr 1875 ist die Hallig mit dem Festland verbunden, eine holprige Fahrstraße über die Hallig, dann durch die Salzwiesen mit dem Halligwermut und seinem metallischen Duft. Für Marie Schehl ist die Fahrt tägliches Training. Sie muss oft ins Amsinckhaus, wo Touristen Räder leihen und Eis essen können - denn dort steht auch ihre Waschmaschine.

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