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Donnerstag, 23. Februar 2012
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Völkermord in Ruanda Zeit der Vergebung

21.12.2010 ·  Während des Völkermordes in Ruanda gehörte Charles Mugabanake zu den Hutu-Killern, die systematisch Tutsi töteten. Unter seinen Opfern: die Familie seines Nachbarn, des Pastors Stephan Gahigi. Im Gefängnis sahen die beiden sich wieder. Eine ungewöhnliche Geschichte begann.

Von Andrea Jeska
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Unter dem Flammenbaum wollen sie sitzen. Rote Blüten drücken die Äste. Noch steht die Morgensonne tief, die Mauern der Kirche werfen Schatten, und kühler Wind weht von den Hügeln. Stephans Hemd hat lange Ärmel, Charles trägt nur ein T-Shirt, die Arme hält er vor den Bauch. Der Baum im Wind wirft seine roten Flammenblüten ab. Sie fallen auf Charles Kopf, und Stephan streicht sie mit einer Bewegung fort. Charles lächelt. Stephan lächelt.

Damals, als sie sich wieder trafen, haben sie viel geweint. Zusammen. Bevor sie sich wieder trafen, haben sie allein geweint. Jeder um sich. Der eine einsam in seiner Kirche, die ihm kein Zuhause mehr war. Der andere im dreckigen, engen Gefängnis. Gemeinsam war ihnen damals nur ihr Hass. Der des einen auf den anderen. Stephan sagt über Charles, dass er und seinesgleichen ihm das Herz brachen. Charles sagt über Stephan, dass er ihn und seinesgleichen wie Tiere gejagt hat.

Sie sind einander verbunden. Erst durch den Tod. Dann durch das Leben.

Die Erinnerung ist frisch

Jedes Jahr begeht Ruanda den Jahrestag des Genozids. Auch dieses Jahr, beim 16. Mal, brach der Schmerz der Opfer wieder hervor, die Täter verkrochen sich in den Häusern, Blumen bedeckten die Massengräber. Wie jedes Jahr wurden während der Gedenktage im April Menschen umgebracht, und wie jedes Jahr sagten die Überlebenden: Die Erinnerung ist frisch. Der Völkermord ist mit uns. Ntidigasubire, „Nie wieder“, steht am Tor der Gedenkstätten, steht auf den Gräbern.

Stephan sagt: Ich wuchs mit vielen Wunden in mir auf. Wunden, die man mir beibrachte, weil ich ein Tutsi bin. Doch wir wollen aufhören, von vergangenen Dingen zu reden. Wir wollen vergeben, jenen, die sich in Demut vor ihren Opfern verbeugen. Wer sich vor seinen Opfern verbeugt, verbeugt sich vor Gott. Wer sich vor Gott verbeugt, dem ist verziehen.

Eine Million Leichen

130 Mitglieder seiner Familie liegen in den Gräbern. Ein Schlag mit dem Panga, der Machete, die für die Feldarbeit genutzt wird und mit der die damalige ruandische Regierung die Hutu ausstattete, damit sie loszögen und die Tutsi abschlachteten, trennte seiner Tochter fast den Arm ab. Nur der Umstand, dass er, seine Frau und die drei Kinder es schafften, nach Burundi zu fliehen, rettete ihnen das Leben. Imana Gushimira. Gott, wir danken dir. Du hast uns bewahrt.

Stephan ist ein ruandischer Tutsi. Charles ein ruandischer Hutu. Es ist per Gesetz verboten, diese Unterscheidung zu machen. 16 Jahre nach dem Völkermord von 1994, der einhundert Tage dauerte und an dessen Ende schätzungsweise eine Million Leichen auf den Straßen, Hügeln, in den Tälern von Ruanda lagen, sind alle nur noch Ruandesen. Anderes zu sagen wird bestraft, weil es den Keim der Zwietracht und der Spaltung in sich trägt. Aber es nützt nichts. Es waren die Hutu, die die Tutsi töteten. Man vergisst nicht, dass man als Volk ausgerottet werden sollte, Gesetz hin oder her.

Stephan sagt: Wir verloren unsere Menschlichkeit. Nur Gott kann uns das wiedergeben.

Jeder weiß, was der andere getan hat

Nyamata liegt eine halbe Stunde Fahrt außerhalb von Kigali, der Hauptstadt Ruandas. Im Zentrum der Stadt mit seinen neuen Bürohäusern, den gläsernen Fronten und der Hoffnung, Wohlstand und Moderne könnten die Wunden heilen, beginnt die Reise. Man fährt man durch den Stadtteil Kichiciro mit seinen einfachen Lehmhütten und den Wellblechdächern. Eng stehen die Hütten, jeder kennt jeden, jeder weiß, was der andere getan hat. Schon dort ist von der Hoffnung nicht mehr viel übrig. Zwischen den Hütten, in den Hütten wohnen Armut und Bitterkeit.

Dann über den Fluss Akagera, unter dessen Brücke sich einst die Leichen ineinander verkeilten, bis sie bündelweise im Wasser verwesten. Beidseitig der Ufer sind die Sümpfe von Bugesera, Reet und Papyrus wachsen dort. Wenn man hinter der Brücke wieder bergan fährt, kann man die Ufer gut überblicken; würde man hinablaufen, würde man erkennen, wenn sich in diesen Sümpfen jemand verbirgt. Er wäre schnell erreicht, man könnte das lange Messer heben, Arme, den Kopf abhacken. So wie damals, als die Mörder die Sümpfe durchkämmten auf der Suche nach jenen, die sich dort versteckten. Die sich bis zu den Schultern im Schlamm verbargen, halbe Amphibien nach einigen Tagen, hungrig, durstig. Mancher kam hervor, weil er es nicht mehr aushielt und lieber seinen Mördern begegnete.

Als wären ihm die Toten auf den Fersen

Charles sagt: Von Kindesbeinen an war ich das Töten gewöhnt, mein Vater war ein Jäger. Töten war nichts für mich. Mein Vater sagte, wir haben uns 1959 von der Unterdrückung der Tutsi befreit, doch sie versuchten, sich die Macht zurück zu holen. Er sagte, sie seien unsere Feinde.

Stephan sagt: Charles' Familie waren unsere Nachbarn. Wir gaben ihnen eine Kuh. Eine Kuh zu geben ist ein Zeichen von tiefer Freundschaft. Eine Kuh ist wertvoll.

Wie erzählen diese zwei? Jeder für sich. Jeder seine Geschichte. Sie sehen sich dabei nicht an. Stephans Hände immer in Bewegung, seine Worte schnell, hastig, die Pupillen rollen mit. Er sitzt auf dem Stuhl, wie auf dem Sprung. Als wären ihm die Toten auf den Fersen.

Als alle zerhackt waren, hat er nach Stephan gesucht

Charles in krummer Haltung, die Augen auf den Boden gerichtet, auf die schlammigen Zehen. Nur die Hände berühren sich manchmal. Wenn der eine vom Mord erzählt. Und der andere von der Einsamkeit des Überlebens.

Stephans Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Neffen, Nichten erreichten die Grenze zu Burundi nicht rechtzeitig. Die Straßenblockaden, die im ganzen Land errichtet waren, wurden ihnen zum Verhängnis. Man brachte sie zurück nach Nyamata, und da waren schon Charles und die anderen und warteten auf Opfer. Er sagt: Ich wollte töten. Ich hätte noch mehr getötet, wenn sie uns mehr gebracht hätten.

Die Kuh der Freundschaft - vergessen. Panga in der Hand, Charles Arme sind kräftig, sie können das Messer niedersausen lassen. Als alle zerhackt waren, hat er nach Stephan gesucht, dieser war nicht unter den Toten, er durfte nicht entkommen. Als er ihn nicht fand, zerstörte er sein Haus, tötete seine Kühe. Er sagt: Ich habe nichts gefühlt. Keine Schuld. Ich habe sie ermordet, weil man mir sagte, sonst würden die Tutsi mich ermorden.

Herz voller Schmerz und Wut

Bapfuye Buhagazi - lebende Tote nennt man die, die nicht starben, aber auch nicht zurückfanden ins Leben. Die vergewaltigten Frauen, die heute an Aids sterben. Die Überlebenden, die keine Familie mehr haben. Die mit schweren Wunden leben, die Krüppel mit den abgehackten Armen oder Beinen, manchmal beides. 16 Jahre sind nicht genug Zeit, um zu heilen.

Stephan sagt: Als ich nach Nyamata zurückkam, war mein Herz voller Schmerz und Wut. Ich sagte, Gott vergib mir, aber ich kann dein Wort nicht mehr verbreiten. Eine lange Zeit war in mir Schweigen. Mein Glaube war zerstört. Mein Leben war zerstört. Doch selbst im Schweigen konnte ich meinen Psalm 51 nicht vergessen.

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen beständigen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe, und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Kinder der Mörder auf einer Schulbank mit den Kindern der Überlebenden

Seit 2003 gibt es in Ruanda eine nationale Versöhnungskommission, die zwischen Tätern und Opfern vermittelt. Täter, die um Verzeihung bitten, Opfer, die Verzeihung gewähren sollen. 860 000 Menschen wurden seit 1994 wegen Beteiligung am Völkermord verurteilt. Wer geständig ist, wer zeigt, wo die Leichen liegen, damit die Angehörigen sie bestatten können, erhält Strafmilderung.

Nun sind die meisten Prozesse beendet, etwa 140 000 Täter bereits wieder aus den Gefängnissen entlassen. Tür an Tür leben sie mit ihren einstigen Opfern. Jene, deren Kinder sie zerhackten, deren Frauen sie vergewaltigten, deren Männer sie zu Tode prügelten. Die Dörfer sind klein, der Raum ist eng. Alles wird geteilt: die Wege, die Kirche, der Markt, die Kneipe, das beackerbare Land. Die Kinder der Mörder auf einer Schulbank mit den Kindern der Überlebenden. Die Entbehrungen, die hart machen. Neid, Missgunst, Eifersucht ohnehin, wenn der eine mehr hat als der andere. Wie groß erst, wenn der eine noch seine Familie hat, seine Gesundheit, seine Seele. Und der andere alles verlor.

Mitten unter den Tätern

Charles kam 1995 ins Gefängnis. 400 schliefen in einem Raum. 400, die einander ins Gesicht sahen und sagten: Wir sind unschuldig. Was haben wir anderes getan als das, was man uns lehrte? Tötet die Tutsi, die Tutsi sind eure Feinde. Tötet zuerst, sonst töten sie uns.

Charles sagt: Wenn jemand von Schuld sprach, habe ich ihn bedroht. Ich habe gesagt, wenn wir hier rauskommen, bringen wir das zu Ende. Der Hass fraß mich auf. Wenn wir außerhalb des Gefängnisses arbeiten durften, habe ich zu den anderen gesagt: Arbeitet ja nicht auf den Feldern von einem Tutsi.

Stephan sagt: Ich musste dort beginnen, wo es mir am schwersten fiel. Mitten unter den Tätern. Ich wurde Gefängnispastor, lange, bevor man es wagte, in diesem Land überhaupt das Wort Versöhnung in den Mund zu nehmen.

Das Gefühl der Schuld

David, sagt Stephan, singt seinen Psalm: Ich will die Übertreter deine Wege lehren, dass sich die Sünder zu dir bekehren. - Ich ging in die Gefängnisse und predigte Versöhnung. Ich sagte, wir müssten unsere Herzen öffnen. Und ich heilte. Je mehr ich verstand, dass Gott auch jenen vergeben hat, die ich hasste, desto kleiner wurde mein Hass. Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.

Charles sagt: Ich habe mich sehr erschrocken, als ich Stephan im Gefängnis sah. Wenn er kam, habe ich mich versteckt. Ich ertrug es nicht, ihn zu sehen. Viele kannten ihn, viele wussten, was wir ihm angetan hatten. Sie fürchteten sich vor ihm. Sie konnten nicht glauben, dass er zu uns kommt. Das Leben im Gefängnis ist eintönig, und ich wollte gerne zur Kirche gehen. Ich habe mich in die hinterste Bank gesetzt und den Kopf gesenkt. Ohne es zu wollen, erwuchs in mir das Gefühl der Schuld. Abends lag ich in meinem Bett und fragte mich, ob Gott vergeben würde, was ich tat. Eines Tages bin ich zu Stephan gegangen. Ich hatte Angst vor der Begegnung. Er nahm mich in den Arm. 2003, als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, war mein Vater gestorben. Ich ging zu meiner Mutter und sagte ihr, ich würde Stephan besuchen. Sie sagte, was willst du bei diesen schlechten Menschen, die daran schuld sind, dass du im Gefängnis warst? Und ich sagte ihr, ich werde Stephan um Vergebung bitten.

Anerkennung des gemeinsamen Menschseins

Kubabarira. Wörtlich übersetzt bedeutet das „Leiden mit jemand anderem“, manchmal auch „miteinander weinen“. Kubabarira ist Verzeihen. Die Anerkennung des anderen Leidens ist zugleich Anerkennung des gemeinsamen Menschseins. Der kleinste Nenner, den man finden kann, um weiterzumachen. Nicht die Vergangenheit trägt, nur die Gegenwart.

Stephan sagt: Ich bin es auch meinen Kindern schuldig. Den Gedanken der ethnischen Teilung zu überwinden und ein Volk zu werden. Als Charles in mein Haus kam, habe ich meine Arme geöffnet. Er blieb ganz nahe bei der Tür, er dachte wohl, wir täten ihm etwas an. Er sagte, Jesus habe uns zusammengebracht. Er wolle mich bitten, ihn nicht wieder fortzuschicken. Seither treffen wir uns. Wir essen zusammen, wir gehen zusammen wandern. Als er heiraten wollte, hatte er kein Geld und kein Haus. Ich sagte, du kannst nicht ohne Haus heiraten, lass mich dir helfen, eines zu bauen. So haben wir gemeinsam sein Haus gebaut. Ich habe ihm gesagt, von nun an würde ich ihn als meinen Sohn annehmen. Ich würde ihm helfen, wie ihm ein Vater hilft.

In der Gruft unter der Kirche stapeln sich die Gebeine

Nicht Auge um Auge. Stein um Stein. Ganze Siedlungen wurden inzwischen von Tätern für die Opfer gebaut. Von einem wie Stephan, der ein Opfer ist und ein Haus für den Täter baute, hört man in Ruanda sonst nirgends.

Charles sagt: Ich ging heim zu meiner Mutter und sagte, diese Leute, von denen du behauptest, sie sind deine Feinde, bauen für mich ein Haus. Ich fragte sie, wo denn der Hass sei, den sie mich lehrte. Ich sagte, ich habe seine Familie umgebracht, und er baut mir ein Haus. Sie hat geschwiegen.

Lange schon steht die Sonne hoch über Nyamata. Wenn man den Flammenbaum, unter dem die Männer sitzen, verließe, den staubigen Weg hinabginge, die Straße überquerte und auf der anderen Seite einen anderen Hügel hinauf, käme man zu der katholischen Kirche, in deren Garten die violetten Fähnchen wehen, die das Zeichen des Erinnerns an den Genozid sind. 10 000 wurden hier getötet, und in der Gruft unter der Kirche stapeln sich ihre Gebeine, die Schädel, zwischen den Kirchenbänken liegt die Kleidung, der Geruch des Todes hängt auch eineinhalb Jahrzehnte später noch dort. Und wenn man nach Nyanza, nach Bisesero, Kibuye, Ntarama, Murambi führe, an all die Stätten des Horrors und des Massenmordens, böte sich einem dasselbe Bild. „Vergebung“, steht auf einer dieser Lehmwände, zwischen denen die Toten liegen, „ist die höchste Form der Liebe.“

Charles, bist du ein Mörder?

Ich bin ein Mörder.

Stephan, ist Charles ein Mörder?

Er ist mein Sohn.

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