Geringe Strafe für den Hauptbelastungszeugen gegen die Hells Angels: Das Landgericht Kiel hat gegen den Ex-Chef der inzwischen aufgelösten Rockerbande „Legion 81“ ein mildes Urteil gesprochen. Der Vierzigjährige, der mit den Hells Angels gebrochen und über deren kriminelle Machenschaften detailliert ausgepackt hat, wurde am Donnerstag zu einer Haftstrafe von vier Jahren und vier Monaten verurteilt - hauptsächlich wegen Menschenhandels zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, Zuhälterei, schwerer Körperverletzung sowie versuchter Erpressung. Möglich wären bis zu zehn Jahren Haft gewesen. In dem Verfahren wurde betont, dass der Angeklagte ausgesagt habe, ohne dass es vorher eine Vereinbarung mit der Justiz über eine geringe Strafe gegeben habe.
Das Gericht ging mit dem Strafmaß etwas über den Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus. Sie hatte wenige Stunden vor dem Urteil vier Jahre Haft beantragt, die beiden Verteidiger plädierten für drei Jahre. Die Anwälte der beiden Nebenklägerinnen - zwei von dem Angeklagten brutal drangsalierte ehemalige Prostituierte - forderten ein deutlich höheres Strafmaß. Ihren Mandantinnen zufolge ist der Ex-Rocker „ein Sadist, skrupellos und gewalttätig“. „Er sei ein grober Mensch, der auf niemanden Rücksicht nimmt.“ Der Ex-Rocker muss zusätzlich mit gut zwei weiteren Jahren Gefängnis rechnen, weil die Bewährung einer früheren Strafe widerrufen wird.
Mit Aussage Hells Angels belastet
Oberstaatsanwalt Alexander Ostrowski begründete vor dem Landgericht seinen milden Antrag damit, dass der Angeklagte sich vom gewalttätigen Rockermilieu gelöst und mit seinen Aussagen Mitglieder der Rockerbande Hells Angels belastet habe. Dies sei ganz erheblich zu Gunsten des Angeklagten zu werten. „Er ist eine gefährdete Person. Personen, die aussteigen, müssen für sich und ihre Familien mit Lebensgefahr rechnen.“ Aus Sicherheitsgründen haben die Behörden den Mann an einem geheimen Ort untergebracht. Auch aufgrund der Angaben des Angeklagten habe die Polizei im Mai mit 1200 Beamten den bisher größten Schlag gegen die Rocker in Norddeutschland führen können.
Nach Angaben des Angeklagten war die „Legion 81“ Hilfstruppe für die Hells Angels im Drogen- und Waffengeschäft, bei Prostitution, Schutzgelderpressungen und Gewaltdelikten. Den Chef der hannoverschen Hells Angels beschuldigte der 40-Jährige, einen Mord an einem Türken in Auftrag gegeben zu haben. Der Mann wird seit zwei Jahren vermisst. Die Polizei sucht seit dem 24. Mai dessen Leiche in einer Lagerhalle in Altenholz bei Kiel - bislang ohne Erfolg.
Mit Spitznamen „Imperator“ und „Kugelblitz“
Die Lagerhalle wird jetzt komplett demontiert. Mit einem Kran wurde am Donnerstag zunächst das Dach abgetragen. „Diese Maßnahme ist notwendig, um die Spurensuche fortsetzen zu können“, erklärte Oberstaatsanwältin Birgit Heß. Die Halle werde in den nächsten Tagen abgebaut. Bei der bisherigen Spurensuche wurden zahlreiche Betonteile aus dem Boden entfernt, was Auswirkungen auf die Statik hatte.
Seit Mai 2011 saß der Ex-Rocker mit den Spitznamen „Imperator“ und „Kugelblitz“ im Gefängnis. Anfangs habe er sich an den sogenannten Ehrenkodex der Hells Angels gehalten und geschwiegen. Unterstützung habe er aber nicht erhalten. Als Ende Januar die Kieler Hells Angels im Zuge einer Groß-Razzia verboten wurden und die Polizei deren „Kriegskasse“ mit noch etwa 40.000 Euro beschlagnahmte, sei sein Mandant verbittert gewesen, berichtete der Verteidiger des Angeklagten. So sei dessen Entschluss gereift, auszusagen.
Gefährdete Person
Heike Schneider (KassandraWahrheit)
- 14.06.2012, 16:52 Uhr