20.11.2009 · Wer hat die meisten Ecken der Erde gesehen? Lange haben amerikanische Millionäre die merkwürdige Freizeitbeschäftigung dominiert. Aber in den vergangenen Jahren haben sich auch viele Deutsche dem Wettbewerb angeschlossen.
Von Moises MendozaDer am schwersten zu erreichende Ort der Welt: Irak, Turkmenistan, Vanuatu? Wo auch immer: Wolfgang Stoephasius wird wahrscheinlich vor einer halben Ewigkeit dort gewesen sein. Denn der 68 Jahre alte Polizist im Ruhestand hat fast alle der von den Vereinten Nationen anerkannten Länder dieser Welt besucht. Für den Verein „Most Traveled People“ ist er der am weitesten gereiste Mann Deutschlands. Aber ist er wirklich Deutschlands ultimativer Reisender? Die Organisation „Travelers’ Century Club“ vergibt die Ehre an Dietrich Deppe aus Erlangen. Vermutlich kann niemand so ganz genau sagen, wer der am fernsten gereiste Fernfahrer ist.
„Schwer zu sagen“, meint auch Weltenbummler Stoephasius. „Aber ich liebe es zu reisen.“ Man erkennt es an seiner Wohnung in München. Überall hängen Mitbringsel der vielen Reisen. Lange haben amerikanische Millionäre die merkwürdige Freizeitbeschäftigung dominiert. Aber in den vergangenen Jahren haben sich auch viele Deutsche dem Wettbewerb um die Frage angeschlossen, wer am meisten Länder besichtigt hat. Dem Travelers’ Century Club, der seine Mitgliedschaft auf Menschen beschränkt, die mindestens 100 Länder besichtigt haben, traten so viele neue Mitglieder aus Deutschland bei, dass man vielleicht eine deutsche Sektion eröffnen möchte. Stoephasius war lange der meistgereiste Deutsche der Organisation und ist auf Platz neun der Weltrangliste. Nicht Wettbewerbsgründe treiben ihn um die Welt. Er lernt eben liebend gern neue Orte kennen: „Es passiert einfach.“ Wer derjenige in Deutschland ist, der die meisten Länder bereist hat, hängt davon ab, wie man das Wörtchen Land definiert. Die Vereinten Nationen haben die strengste Definition und sprechen von 192 Staaten. Der „Travelers’ Century Club“, der seit 55 Jahren existiert, spricht von 319 Ländern. „Most Traveled People“ erwähnt stattdessen 773 „Orte“, die Staaten und Gebiete umschließen. Stoephasius hat von ihnen 562 besucht.
„Man kann damit auch angeben“
Trotz Definitionsschwierigkeiten ist sich die Weltenbummler-Bewegung darin einig, wer die Welt am ausgiebigsten erkundet hat. Sein Name ist Charles Veley. Der Amerikaner war in allen Ländern der Vereinten Nationen und hat 710 Orte auf der Liste der „Most Traveled People“ besucht. Er selbst hat – welch ein Zufall – die Organisation „Most Traveled People“ vor vielen Jahren gegründet und betreibt auch deren Internetseite. Auch seine Begründung ist denkbar einfach: „Ich bin so viel gereist, weil ich es liebe.“
Manche Wettbewerber wollen sich international austauschen. Andere sammeln Briefmarken und Einreisebewilligungen. „Man kann damit auch angeben“, sagt Klaus Billep, der aus Deutschland stammt und nun Chef des „Travelers’ Century Club“ ist. „Mehr als 200 Länder ist doch eine Leistung, oder?“
Zählt ein kurzer Zwischenstopp auf einem Flughafen?
Es ist auch deshalb so schwierig, Deutschlands größten Weltenbummler zu bestimmen, weil nicht klar ist, was den Besuch eines Ortes ausmacht: Zählt ein kurzer Zwischenstopp auf einem Flughafen? Der „Travelers’ Century Club“ meint: Ja. „Most Traveled People“ ist da strenger und fordert einen Stempel im Reisepass. Beide Organisationen fordern eine Bestätigung an, wenn ein Besuch fraglich ist. Denn sie müssen sich wappnen gegen Betrüger, die Reisen in schwer erreichbare Länder wie Nordkorea angeben. Und noch ein Problem: Viele der Viel-Reisenden behalten ihre Routen für sich und sind selbst gar nicht Mitglied der „Most Traveled People“ oder der „Travelers’ Century Club“. Und selbst diejenigen, die dazugehören, scheuen manchmal die Öffentlichkeit. „Ich würde lieber nicht darüber sprechen“, sagt Dietrich Deppe, dem nur noch ein Land in der Liste des „Travelers’ Century Club“ fehlt. Er will den letzten Ort auf der Liste, die Insel Wake, im Dezember besuchen. „Ich mache das privat!“
Das Leben des Vielreisenden ist oft wild. Seitdem der 41 Jahre alte Sascha Grabow seine Karriere als Tennisprofi vor mehr als zehn Jahren beendete, hat er manches erlebt, worum ihn wenige beneiden: In Liberia saß er in einer Gefängniszelle, in einem anderen Land Westafrikas biss ihn ein Angreifer. Zur Zeit steht er auf Platz 31 der „Most Traveled People“. „Reisen macht mich ein wenig süchtig“, sagt er, während er in Mauritius eine Fahrt nach Südamerika plant. „Du denkst immer: Wenn ich in Peking war, warum komme ich nicht nach Nordkorea? Was ist der nächste Ort, den ich besuchen kann?“
Wie viele kann ich noch schaffen?
Wolfgang Stoephasius, der inmitten von Reiseandenken im Münchner Statteil Schwabing wohnt, gibt sich dem Reisen mit ähnlicher Konsequenz hin. Als er noch als Polizist arbeitete, verbrachte er nur eine Urlaubswoche zu Hause – sonst war er immer unterwegs. Vor ein paar Jahren stellte er plötzlich fest, dass er mehr als 100 Länder besichtigt hatte. „Ich fragte mich: Wie viele kann ich noch schaffen?“
In den vergangenen Jahren ist er in einem Boot nach Grönland gesegelt. Er reiste in jedes afrikanische Land. Dieses Jahr besuchte er den Irak. Stoephasius fährt im Jahr neun Monate durch die Welt. Nun will er noch einmal die entlegene Pazifik-Insel Nauru angehen. Schon mindestens vier Mal hat er versucht, dorthin zu gelangen. Dabei stieß er auf viele Probleme – so hatte das Land zeitweise die Einreise von Touristen verboten, und ein ein anderes Mal hatte die einzige Fluglinie ihren Betrieb eingestellt. Nun hat er einen Flugschein. Im Dezember geht es los. Danach gibt es nur noch 211 Orte der „Most Traveled People“ für ihn.