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Vernichtungslager Sobibor Der Überlebende

 ·  Thomas Blatt kam als Fünfzehnjähriger ins Vernichtungslager von Sobibor. Dort seien viele der hilfswilligen urkainischen Gefangenen, die „Trawniki“ besonders brutal gewesen. Nach etwa einem halben Jahr gelang ihm die Flucht. Jetzt tritt er als Nebenkläger gegen John Demjanjuk auf.

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Die Wange, auf die ihn Elizabeth Taylor vor zwanzig Jahren küsste, hat Thomas Blatt seitdem nicht gewaschen. „Sie ist ein hübsches Mädchen“, sagt er und grinst. Allerdings habe er sich ganz schön strecken müssen, um ihre Umarmung zu erwidern, denn es gab „ziemlich viel“ Elizabeth Taylor zu umarmen, wie das Kuss-Foto beweist, das er in seinem kleinen Album hat. Das Problem hatte er auf dem nächsten Bild nicht: Da schüttelt Papst Johannes Paul II. ihm die Hand. Die nächsten Bilder zeigen ihn in Korea mit amerikanischen Soldaten, in Polen bei einem Vortrag, im Garten mit seinen Kindern und Enkeln.

Die Fotos stecken in zwei kleinen roten Plastikalben, die Thomas Blatt vor sich auf dem Tisch liegen hat. Manierlich legt er sie mal nebeneinander, mal übereinander, und seine Fingerspitzen gleiten ab und an langsam über die Alben, während er erzählt, dass er Elizabeth bei einer Ehrung in Los Angeles kennenlernte und dass der ehemalige SS-Oberscharführer in Sobibor, Karl August Frenzel, aussah wie ein lieber Opa, als er ihn 1983 in Hagen anlässlich des Sobibor-Prozesses traf. Zwischen seinen vielen Lebenswelten balanciert er in seinen Schilderungen so behutsam wie ein Seiltänzer. Nie verliert er sich, nie wechselt er abrupt die Richtung. Nur manchmal hält er ein wenig inne und schweigt, als wolle er das Gleichgewicht wiederherstellen, um dann umso konzentrierter weiterzuerzählen: von Sobibor, dem Verbrennungsgeruch, den abgeschnittenen Haaren und der unbändigen Angst, die ihn des Nachts immer noch packt und schüttelt. In Sobibor seien viele der etwa 120 „Trawniki“ besonders brutal gewesen. Die „Trawniki“ waren zumeist ukrainische Gefangene, die im SS-Lager „Trawniki“ zu sogenannten Hilfswilligen ausgebildet wurden. In Sobibor trieben sie oft mit aufgepflanzten Bajonetten die nackten Männer, Frauen und Kinder den Weg zu den Gaskammern entlang.

Er schweigt zu den Vorwürfen

Um Zeugnis gegen diese Männer abzulegen, ist der 82 Jahre alte Thomas Blatt zurzeit in München. Hier muss sich seit einer Woche der in der Ukraine geborene John Demjanjuk vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 89 Jahre alten Mann vor, er habe Beihilfe zum Mord an 27.900 Juden geleistet. Er soll einer dieser „Trawniki“ gewesen sein, schweigt aber zu den Vorwürfen. Im Januar erst wird Thomas Blatt, der als einer der Nebenkläger auftritt, als Zeuge vor Gericht gehört, doch er verfolgt den Prozess von Anfang an. Deshalb verlangt sein Anwalt für das Interview, das in seiner Kanzlei stattfindet, 300 Euro, um Thomas Blatts Reisekosten zu decken.

An Demjanjuk selbst kann Blatt sich nicht erinnern. „Ich erinnere mich noch nicht einmal an das Gesicht meines Vaters.“ Für ihn steht indes fest: Sollte Demjanjuk in dem Prozess nachgewiesen werden, dass er Wärter in Sobibor war, dann hat er sich des Mordens mitschuldig gemacht. „Sie waren ein wichtiges Glied in der Kette.“ Ohne die „Trawniki“ hätte die industrielle Vernichtung der Juden in Sobibor nicht funktioniert. Bedächtig und präzise schildert Blatt Lageraufbau und Arbeitsverteilung, wo die Schlafbaracken standen, wo die Krematorien und wo die Häftlinge für Essen anstehen mussten.

Zu Sentimentalitäten lässt sich der drahtige Mann mit dem akkurat gescheitelten weißen Haar selten hinreißen, eher zu Späßen. Als der Fotograf ihn bittet, sich für eine weitere Aufnahme an den Schreibtisch zu stellen, da beugt er sich vornüber, die eine Hand auf den Tisch gestützt, als studiere er eine imaginäre Landkarte: „Oh, genau wie Hitler!“

Die Nazis waren noch so fern wie der Krieg

Nur wenn die Rede auf Izbica kommt, sein Heimatdorf im Osten Polens, wo es weder fließendes Wasser noch Strom in den Häusern gab, dann lehnt Thomas Blatt sich im Stuhl zurück, und seine blauen Augen leuchten. Da kann in Kalifornien, wo er seit fünfzig Jahren lebt, noch so oft Shorts-Wetter herrschen, der schönste Platz der Welt bleibt Izbica. Wie schön blühten die Blumen, als er dort zur Schule ging! Gelesen und geschrieben hat er gerne, still gesessen und gerechnet überhaupt nicht. Dafür ging „Toivi“, wie er auf Jiddisch heißt und was so viel wie „guter Mann“ bedeutet, umso lieber mit Freunden im Fluss baden und durchstreifte die Wälder. Die Nazis waren noch so fern wie der Krieg, und zu fürchten hatte man nur eine Zurechtweisung durch den Rabbi, wenn man am Samstag mit dem Fahrrad fuhr. Es ging ihm und seinem jüngeren Bruder Henry leidlich gut, die Eltern galten als wohlhabend, hatte der Vater doch die Konzession zum Verkauf von Spirituosen und Zigaretten. Auch der Zugang zur Polizei-Bibliothek war ein Privileg seines Vaters, der für Polen im Krieg gekämpft hatte.

So waren die Seefahrer Jack Londons und Buffalo Bill die Helden von Thomas Blatt, bis er 15 Jahre alt war. Dann wurden sie abgelöst von den Männern und Frauen, die auf der „Himmelfahrtsstraße“, auf dem Weg in die Gaskammern, ihre letzten Geldscheine in kleine Fetzen rissen. Thomas Blatt musste die Schnipsel dann zusammenharken, mit all dem anderen „Abfall“, den die Menschen auf dem sandigen Weg zurückließen: Taschentücher, Fotografien, Essensreste. „Es waren und sind für mich die wahren Helden“, sagt er. Sie hätten bis zuletzt gehofft, dem Tode zu entrinnen. Doch in dem Augenblick, als sie das Geld zerrissen, sei ihnen die Wahrheit bewusst gewesen. Und doch hätten sie noch den Mut gehabt, das Geld zu vernichten, damit es den Nazis nichts nutzen konnte.

„Damals habe ich noch mit Gott gesprochen

Nutzen konnte die Lagerverwaltung indes Kleidung, Schuhe und Haare der ermordeten Juden. Die Kleidung nach Hosen, Mäntel oder Jacken zu sortieren gehörte zu den Aufgaben des Arbeitshäftlings Thomas Blatt. Im April 1943 war er mit seiner Familie und Hunderten weiteren Juden mit Lastwagen von Izbica in das nahe gelegene Vernichtungslager Sobibor gebracht worden. Dort wurde Toivi schnell von seiner Mutter und dem kleinen Bruder getrennt. Er stellte sich zu seinem Vater, der auf der „Männer-Seite“ stand. Ein SS-Mann mit Knüppel schritt die Reihen ab, offenbar auf der Suche nach Nützlichem wie Handwerkern. „Ich bin Schuster“, „ich bin Bäcker“, „ich bin Tischler“, hätten die Männer gerufen. Alles drängelte nach vorne, um Aufmerksamkeit zu erhaschen und so das Leben zu verlängern. Gott angefleht habe er, dass man ihn erwähle, sagt Blatt. „Damals habe ich noch mit Gott gesprochen.“

Der SS-Mann pickte ihn heraus. „Komm her, Kleiner! Du kannst meine Schuhe putzen.“ Toivi wurde in die „Friseur-Baracke“ geschickt. Viele Zöpfchen habe er den Mädchen abschneiden müssen, manche hätten ihn gebeten, nicht so kurz zu schneiden.

Seine Eltern und sein Bruder sind noch am selben Tag in der Gaskammer ermordet worden. Geweint habe er um seine Eltern im Lager kein einziges Mal. „Die SS-Männer wollten keine gebrechlichen, schwachen Leute um sich haben.“ Und Toivi hielt durch: wenn es hieß „Ab zum Reinigungskommando!“ und sie die „Himmelfahrtsstraße“ säubern mussten. Im „Waldkommando“, wenn sie Bäume für die Krematorien fällten. Nachts, wenn der Wärter 25 Mann zum Steineschleppen rausbrüllte.

Nur 53 Häftlinge überlebten die Flucht

Am 14. Oktober 1943, etwa ein halbes Jahr nach seiner Ankunft, wagten rund 300 der insgesamt 550 Insassen die Flucht. Geplant hatte den Aufstand eine kleine Gruppe von Häftlingen und Kriegsgefangenen. Zwölf SS-Männer wurden zunächst mit Äxten und Messern getötet, nachdem die Häftlinge sie zuvor in Hinterhalte gelockt hatten. Auch Toivi half dabei: „Wir sagten etwa: ,Schauen Sie, bei den Kleidern ist ein schöner Ledermantel für Sie dabei. Wollen Sie den nicht anprobieren?'“

Nur 53 Häftlinge überlebten die Flucht. Die Übrigen wurden erschossen oder im Minenfeld zerfetzt. Thomas Blatt schaffte es bis in den Wald. Mit anderen Flüchtlingen schlug er sich durch, fand Unterschlupf bei Bauern und Partisanen, oft genug noch bedroht an Leib und Leben, von Freund und Feind. So schildert er in einer seiner Publikationen zu Sobibor, wie die jüdischen Flüchtlinge versuchten, sich im Wald zu organisieren, wie jeder nur seine Haut retten wollte, ohne Rücksicht auf Schwache oder Verwundete.

„Niemand kennt sich selbst

Nach dem Krieg lebte er kurz in Deutschland, ging dann zurück nach Polen. Er heiratete eine Polin, das erste Kind wurde geboren. 1957, da war die Ehe schon geschieden, ging er nach Israel. Dort lernte er seine zweite Frau, eine kanadische Touristin, kennen. 1959 wanderten sie nach Kalifornien aus. In der Nähe von Santa Barbara hatte er mehrere Elektronik-Geschäfte. Sobibor gibt nach wie vor den Takt an. Sein halbes Leben hat er der Aufklärung über Sobibor gewidmet, doch er wirkt nicht wie ein Getriebener. „Die Nazis haben das Lager zerstört, alle Beweise vernichtet. Wir müssen eben darüber berichten, sonst ist es so, als ob es nie gewesen wäre.“ Seit vielen Jahren reist er durch die Welt, spricht mit Opfern und Tätern, publiziert und hält Vorträge über den Holocaust. Die Welt sei nicht bedeutend besser geworden, und wenn es eine Lehre gibt, die er aus seinem Leben zieht, dann diese: „Niemand kennt sich selbst.“

Nur eine Sache bereut er bis heute: Als er sich 1943 in Sobibor für immer von seiner Mutter verabschiedete, sagte er ein wenig ungehalten zu ihr: „Und ich durfte gestern die Milch nicht austrinken.“ Was würde er darum geben, wenn er sie stattdessen umarmt hätte. Denn am Abend zuvor, als alle noch in Izbica waren, ermahnte ihn seine Mutter, nicht die ganze Milch auszutrinken. „Toivi, morgen ist auch noch ein Tag!“ Für ihren Sohn sollte sie recht behalten.

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Jahrgang 1969, Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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