03.04.2006 · Gegen Vernachlässigung ist schwer anzukommen. Denn de facto ist es in Deutschland so: Wenn Kinder jünger als sechs Jahre sind und sich die Eltern zurückziehen, erfährt das kein Mensch. Ein Bericht von Katrin Hummel.
Von Katrin HummelEine Stadt im Ruhrgebiet, hohe Arbeitslosenquote, niedriger Ausländeranteil. Viele Familien leben von Arbeitslosengeld II, viele Kinder mit nur einem Elternteil. Ein kleiner Verein organisiert gegen einen geringen Unkostenbeitrag jedes Jahr für 200 Kinder Reisen zu Schweizer Gastfamilien: Jedes Jahr verbringt dasselbe Kind die Ferien in seiner Gastfamilie, bis zum Ende der Schulzeit und oft noch lange darüber hinaus. Viele dieser Kinder kommen aus einkommensschwachen Familien, besuchen Sonderschulen, machen keinen Schulabschluß und finden keine Lehrstelle.
So wie jene Familie mit sieben Kindern, denen der Verein erst helfen konnte, nachdem der alkoholkranke Vater bei einem Arbeitsunfall ums Leben gekommen war. Keines der Kinder hat einen Hauptschulabschluß, keines eine Lehre gemacht, alle leben inzwischen von Arbeitslosengeld II. „Jetzt schicken wir schon die Enkel dieser Kinder in die Schweiz“, sagt Anneliese Ehlen, die lange im Vorstand des Vereins mitgearbeitet hat und aus Angst vor negativen Folgen für ihre Arbeit nur ihren Mädchennamen veröffentlicht sehen möchte.
„Die geht mit jedem mit“
Wenn man Anneliese Ehlen zuhört, dann bekommt man ein ungefähres Bild davon, wie wichtig die Überlegungen der Bundesregierung sind, überall in Deutschland Kompetenz-Netze aus Hebammen, Gynäkologen, Kinderärzten und Jugendämtern zu bilden oder Vorsorgeuntersuchungen zur Pflicht zu machen. Man begreift, wie Kindern, denen man nicht einmal den Start ins Leben erleichtert oder auch nur ermöglicht, in der Grundschule oder auch in Haupt- oder Sonderschulen zu Problemfällen werden, die Lehrer überfordern, den Ruf nach Sozialhelfern in Schulen laut werden lassen und zu ausweglosen Situationen führen wie in der Berliner Rütli-Schule oder vergleichbaren Schulen im Land. Und nicht zuletzt versteht man, warum Anneliese Ehlen nach fast 35 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit sagt: „Ich habe das Gefühl, daß alles, was ich tue, nur Flickwerk ist.“
Da ist das fünfjährige Mädchen mit seinen zwei Halbbrüdern, acht und zehn Jahre alt. Die Kinder leben beim 52 Jahre alten Vater der beiden Jungen - auch das Mädchen, das nicht seine Tochter ist. Zwei Familienhelfer stehen dem Mann jede Woche zur Seite und betreuen die Kinder nachmittags für einige Stunden. Außerdem werden die Kinder oft zu Verwandten oder der ehemaligen Lebensgefährtin des Vaters gebracht. Es ist ein ständiger Wechsel der Bezugspersonen. Der Vater sagt über die Fünfjährige: „Die geht mit jedem mit.“ Die Kinder nahm man ihrer Mutter weg, weil sie stark unterernährt und verwahrlost waren. Sie sahen wechselnde Lebensgefährten der Mutter kommen und gehen und sind vermutlich auch geschlagen worden. Alkohol spielte in der Familie, die keine war, eine große Rolle.
„Etwas anderes war nicht da“
Der Achtjährige, so die Gastmutter, habe gesagt: „Zu Hause hatte ich mal so großen Hunger und Durst, da habe ich mir eine Flasche Bier aus dem Eisschrank geholt, etwas anderes war nicht da.“ Der Junge sei bis in die hinterste Ecke der Wohnung geflüchtet und habe sich dort verschanzt, weil die Gastmutter, als sie sich einmal stieß, im Schmerz die Arme nach oben warf. Mit aller Kraft versuche das Kind den Gastvater daran zu hindern, auch nur eine Flasche Bier zu trinken, weil man dann so „böse“ werde. Beim Abschied habe er laut geweint und sich an die Gasteltern geklammert.
Nur das feste Versprechen, daß er wiederkommen dürfe, habe ihn beruhigt. Der Zehnjährige sei so aggressiv und unruhig gewesen, daß der Gastvater ihn manchmal nur schwer habe beruhigen können. Inzwischen war der Junge einige Wochen lang in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie und besucht nun eine Schule für Erziehungshilfe. Sein jüngerer Bruder wurde nach dem Besuch der Grundschule und einer Schule für Erziehungshilfe in eine Schule für Lernbehinderte überwiesen.
„Im Mutterleib unter Alkoholmißbrauch gelitten“
Die Gastmutter der Fünfjährigen hat den Eindruck, die Kleine sei sehr stark unterentwickelt. Ihre Sprache sei die eines Kleinkinds, sie stoße überall an, klemme sich die Finger und Ellenbogen, falle häufig hin, habe große Koordinationsschwierigkeiten und könne nicht Dreirad fahren. Die Gastmutter versuche vergeblich, ihr Mengen- oder Größenunterschiede beizubringen. Sie kenne nicht einmal die Farben. „Das deutet darauf hin, daß sie schon im Mutterleib unter Alkoholmißbrauch gelitten hat“, sagt Anneliese Ehlen, die als Lerntherapeutin Erfahrung mit solchen Kindern hat. „Offensichtlich hat das niemand bemerkt.“ Und das, obwohl das Kreisjugendamt nach Angaben des Vaters der beiden Jungen mehrfach Hinweise auf die Vernachlässigung der Kinder bekommen hat und der Mutter zwei ältere Geschwister der drei Kinder schon lange vorher weggenommen worden waren.
Anneliese Ehlen vermutet, daß die kurzen Aufenthalte bei der Gastmutter nicht ausreichen, um dem Mädchen zu vermitteln, wie eine liebevolle Mutter-Kind-Beziehung aussehen könnte. Zwei Puppen, die ihm die Gasteltern geschenkt hätten, habe es zu Hause alle Haare ausgerissen. „Sie wird mit ziemlicher Sicherheit wieder eine Mutter werden, die nicht weiß, wie sie ihre Kinder erziehen soll“, sagt Ehlen. „Sie wird in ihrem Leben nie für längere Zeit ein positives Muttervorbild haben, denn eine Pflegemutter bekommt sie nicht.“ Die Kleine bekomme dafür jetzt als fast Sechsjährige erstmals Frühförderung - die beginnt normalerweise kurz nach der Geburt. Doch de facto ist es in Deutschland immer noch so: Wenn Kinder jünger sind als sechs Jahre und die Eltern sich zurückziehen, dann erfährt das kein Mensch, auch das Jugendamt nicht.
Viele Möglichkeiten, viel Hilfe zu leisten
Dabei gäbe es viele Möglichkeiten, mit wenig Geld viel Hilfe zu leisten. So gibt es im brandenburgischen Lauchhammer seit Jahresbeginn das Modellprojekt der Kinderklinik, bei dem Eltern zwischen der Geburt und dem sechsten Geburtstag ihrer Kinder etwa zwanzig Mal von eigens ausgebildeten Krankenschwestern besucht werden. Läuft etwas schief in der Familie, wird das bemerkt, und man sorgt für Abhilfe. In Finnland, dem Ursprungsland dieser Idee, kostet das pro Kind 750 Euro - insgesamt. „Neuvola“ (Mütterberatungsstelle) wird dort von den allermeisten Familien angenommen, weil das staatliche Mutterschaftspaket und das Mutterschaftsgeld nur erhält, wer sich bei den Stellen meldet.
Wären die Sechsjährige, ihre beiden Halbbrüder und ihre beiden älteren Geschwister von einem solchen Kompetenznetz aufgefangen worden, hätte man ihnen wohl schon früher helfen können. Die Betreuung durch Familienpflegerinnen, der Besuch von Sonderschulen, die Mitarbeit des Jugendamts, die zeitweilig schon nötig gewordene Unterbringung eines der Brüder in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, die Gerichtskosten, Kosten für Rechtsanwälte und Gutachter wegen der Sorgerechtsverfahren, demnächst vielleicht auch der Einsatz der Polizei und die Unterbringung in Haftanstalten oder Entziehungskliniken sind teurer. An Ehlens Wohnort ist kein solches Projekt geplant. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts antwortete auf ihre Frage, warum denn niemand etwas unternehme und zumindest das Mädchen in eine Pflegefamilie gebe: „Da müssen Sie mal eine wirklich schlimme Familie sehen.“
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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