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Verlust der Handschrift : Schlecht für den Intellekt

  • -Aktualisiert am

Hat die Schreibschrift bald ausgedient? Noch gehört sie fest in die Grundschulausbildung. Bild: dpa

Was geht verloren, wenn Kinder nicht mehr lernen, mit der Hand zu schreiben? Oder es nur noch in Druckbuchstaben können? Einiges, sagt der Graphologe Helmut Ploog.

          Früher war die Schönschrift ein Zeichen guter Erziehung - heute schreiben wir nur noch in Ausnahmefällen per Hand. Trauern Sie den alten Zeiten nach?

          Ein wenig schon, ja. Eine schöne Handschrift gehörte früher einfach dazu, war sogar Voraussetzung, um einen guten Job zu bekommen. Das ist verlorengegangen durch die größeren Freiheiten, die Kindern und Jugendlichen in der Erziehung eingeräumt wurden. Das zeigt schon ein Vergleich mit der ehemaligen DDR. Dort war die Erziehung noch strenger, dementsprechend haben ältere Leute aus dem Osten heute eine schönere Handschrift.

          Ist es legitim, aus reiner Sentimentalität am handschriftlichen Schreiben festzuhalten?

          Es ist nicht nur die Nostalgie, die den Wert der Handschrift ausmacht. Das Schreiben ist zentraler Teil unserer Kommunikation . . .

          . . . die sich weiterentwickelt. So wie die Schreibmaschine den Federkiel ersetzt hat, ersetzt nun die Tastatur den Füller. Hat die Handschrift in Zeiten des digitalen Fortschritts irgendwann schlichtweg ausgedient?

          Das Schreiben ist eine Kulturtechnik, die wir mühsam erlernt haben, die unser gesamtes Denken prägt. Das Tippen am PC stellt in gewisser Weise einen Bruch mit unserer Geschichte dar, keine Weiterentwicklung. Sowohl die Erfindung der Schrift vor 6000 Jahren als auch die Entwicklung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert haben dazu geführt, dass Menschen kommunizieren, sich besser ausdrücken können, sich bilden und ein anderes Selbstwertgefühl entwickeln. Das alles droht sich nun durch technische Erneuerungen aufzulösen. Der PC hat unserem Sprachgefühl und -verständnis nicht nur gutgetan.

          Dennoch sind dank Rechtschreibprogrammen und der Backspace- Taste digital verfasste Texte häufig sprachlich hochwertiger und weit weniger fehlerhaft als vergleichbare handschriftlich verfasste Texte.

          Grundsätzlich ist das richtig und ein echter Vorteil des Computers. Aber letztlich ist gutes Schreiben eine Frage der Sorgfalt. Mit dem PC muss man nicht mehr so gründlich sein, nicht mehr nachdenken, bevor man tippt. Das kann auch ein Nachteil sein.

          Ist für Sie eine Gesellschaft denkbar, in der wir durch Erfindungen wie die Spracherkennungselektronik völlig ohne Schreiben auskommen können?

          Spracherkennung von Geräten erlebe ich selbst am iPad, da kann man seine Mails und Texte reindiktieren, dann schreibt das Ding diese Worte nieder, in sehr hoher Qualität. Im Französischen setzt es die Akzente sogar richtig, besser, als ich es kann. Also verstehen Sie mich nicht falsch, das ist eine grandiose Erfindung. Aber trotzdem muss man als Autor dieser Nachricht in der Lage sein, jeden Satz zu lesen und zu korrigieren. Und die Kernfrage ist, und darüber streiten sich Experten, ob man nur das Lesen lernen kann, ohne des Schreibens mächtig zu sein. Ich denke, das ist auf keinen Fall möglich. Ich halte es für ein nicht vertretbares Risiko, das Schreiben so leichtfertig aufs Spiel zu setzen, wie wir es momentan tun. Mir ist dabei wichtig: Ich will den digitalen Fortschritt nicht verteufeln, sondern auf das enorme Potential und die Wichtigkeit der Handschrift hinweisen.

          Was geht also verloren, wenn Kinder nicht mehr lernen, per Hand zu schreiben?

          Einiges, vieles. Langfristig besteht natürlich die Gefahr, dass wir zu einer Gesellschaft der Analphabeten werden, wenn wir nämlich das Schreiben - und damit auch das Lesen - verlernen.

          Ein echtes Problem ist auch der Bruch zwischen den Generationen. Wenn Kinder die Notizen ihrer Eltern nicht mehr lesen können oder gar später mal ihre Tagebucheinträge und ihre Briefe, dann geht viel verloren, was die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ausmacht.

          Es macht aber auch einen Unterschied für den Intellekt, ob ich einen Buchstaben zu Papier bringe oder ihn in einen Computer eintippe. Gewisse Bewegungsabläufe beim Schreiben helfen uns, das Notierte besser zu behalten. Studien zeigen, dass Studenten, die in der Vorlesung ein handschriftliches Skript verfassen, den Inhalt der Veranstaltung besser behalten als diejenigen, die mit ihrem PC arbeiten.

          Wer handschriftlich schreibt, ist also schlauer?

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