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Verlobung in London Ein Märchen von rückwärts

11.02.2005 ·  Streng nach Protokoll: Am Donnerstag abend gab es gleich den "ersten gemeinsamen Auftritt der Verlobten". Camilla zeigte stolz ihren Verlobungsring und Charles war noch eine Idee linkischer als sonst.

Von Bernhard Heimrich
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LONDON, 11. Februar. Wie im wahren Leben folgt der guten Nachricht prompt die schlechte. Um neun Uhr früh war bekanntgegeben worden, Charles und Camilla wollten noch einmal heiraten. Um halb elf kam die Pressemitteilung mit der Überschrift: "Prinz Charles stirbt an gebrochenem Herzen". Im Kleingedruckten war zu erfahren, der Prinz sei einer älteren, nicht standesgemäßen Frau verfallen gewesen, und die Aufregung sei dann zuviel geworden. Jedes Wort stimmt, dennoch mußte nicht hastig Staatstrauer ausgerufen werden, denn die Rede war von einem "Prince Charles of Brandenburg" aus dem 17. Jahrhundert.

Die verwirrende Mitteilung war vom schottischen Nationalarchiv in Edinburgh verbreitet worden. Viel offizieller und akribischer geht es nicht. Doch angesichts des nahenden Valentinstags am 14. Februar, des Tags für Verliebte, hatten die Archivare auch einmal etwas Launiges festhalten wollen. Und da Edinburgh so weit im Norden liegt oder besser London so weit im Süden, waren die Funk- und Fernsehnachrichten noch nicht angekommen. Der Verfasser zog die Verlautbarung sogleich zurück und entschuldigte sich auf robuste schottische Art, er habe nicht gewußt, daß Camilla älter sei als Charles. Er hätte natürlich hinzufügen können, daß sowieso immer mehr Leute glauben, auch dieser Prinz Charles lebe eigentlich im 17. Jahrhundert.

Höflich höfisch

Wer das erste Echo sichtet, ist freilich gar nicht mehr sicher, daß so viele Untertanen Ihrer Majestät die Ankündigung tatsächlich als gute Nachricht verstehen. Königin Elisabeth und ihre Familie verbreiten zwar höfisch höflich, sie seien entzückt. Der Komparse, der unverdrossen die Jahresringe auf den Hörnern gesammelt hatte, also Mister Parker Bowles, hält heute den Mund so zuverlässig wie je. Auch von Graf Spencer hört man nichts, aber der schweigt nicht eisern, sondern eisig. Doch da gibt es ja noch einen anderen Fürsprecher der Prinzessin von Wales, der sich immerfort nicht nur um, sondern auch an Diana verdient macht, ihr Fels Paul Burrell. Burell hat am Freitag in einer Art Butler-Bulle verlautbart, Prinz Charles könne entweder seine Matrone heiraten oder König werden, aber nicht beides.

Natürlich gibt es in Großbritannien auch noch andere Ereignisse und Gestalten; demnächst beginnt zum Beispiel ein Wahlkampf. In den Morgennachrichten des Rundfunks wird deshalb ein Passant gefragt, was ihn dazu bringen würde, Labour zu wählen. Antwort: "Wenn Tony Blair diese Hochzeit verhindert, wähle ich ihn!" Selbst die erste Umfrage vom königstreuen "Daily Telegraph" hat den Frischverlobten wahrscheinlich das königliche Müsli verhagelt. Demnach würde mehr als die Hälfte der Befragten es vorziehen, wenn die Monarchie einen kecken Sprung machte über dieses irgendwie quälende Paar, und Prinz William der nächste König würde. Nur sieben Prozent hätten eine "Queen Camilla" akzeptiert; 40 Prozent sind mit dem Titel "Princess Consort" einverstanden, den die Königin und ihre Hofjuristen für diese komplizierte Gelegenheit erfunden haben; 47 Prozent meinen, Camilla solle überhaupt keinen Titel bekommen.

„Tampon-Prinz“ Charles

Die Leibdiener in "Clarence House" werden einige der Boulevardzeitungen am Freitag morgen vermutlich gar nicht aufgedeckt haben. Die Frontseite des "Daily Mirror" zeigt Camilla, die dem Betrachter triumphierend ihren Verlobungsring entgegenreckt. Der Diamant sieht aus, als wiege er ein halbes Pfund, und nach diesem Foto würde seine neue Besitzerin auch ohne Maske in jede Halloween-Party eingelassen. Im Inneren druckt die Zeitung hilfreich noch einmal den Text jener Telefon-Tonbänder ab, mit denen der britische Thronfolger sich seinerzeit so redlich den Namen "Tampon-Prinz" verdient hatte. Von der ersten Seite des "Daily Express" wiederum dröhnt donnernd die Frage: "Was würde Diana sagen?" Sogar der "Daily Mail", das mächtigste Blatt für die ganze kleinbürgerliche Familie, sagt dem Prinzen und den Millionen anderer Leser offen, daß er von seiner glorreichen Idee nicht besonders viel halte.

Noch am Donnerstag abend hatte es den protokollarisch "ersten gemeinsamen Auftritt der Verlobten" gegeben. Diesmal fand er im Saal statt, nicht in der Natur wie das allererste Mal, als die Verlobung mit Lady Diana Spencer zu annoncieren war. Camilla strahlte, als wäre sie schon Herzogin von Cornwall, und Charles war noch eine Idee linkischer als sonst. Irgendwann muß sie ihm endlich einmal beibringen, was er mit seinen vielen Händen machen soll. Wie souverän hatte er noch im Bild gestanden, als er das junge Mädchen neben sich hatte! Je länger man die Szene von heute vergleicht mit der von 1981, um so deutlicher wird der Eindruck, hier werde das Märchen vom Frosch, der sich in einen Prinzen verwandelt, rückwärts erzählt.

Quelle: F.A.Z., 12.02.2005, Nr. 36 / Seite 9
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