19.07.2006 · Eine Ärztin und zwei Schwestern eines Krankenhauses in New Orleans sind des Mordes an vier Patienten angeklagt worden, die nach dem Hurrikan „Katrina“ unter ungeklärten Umständen ums Leben kamen.
In New Orleans sind eine Ärztin und zwei Krankenschwestern wegen Mordes angeklagt worden, weil sie nach dem verheerenden Hurrikan „Katrina“ im Sommer vergangenen Jahres vier Patienten durch Medikamenten-Überdosen getötet haben sollen. Den Mitarbeitern des Krankenhauses Memorial Medical Center in New Orleans wird vorgeworfen, den Patienten tödliche Dosen des Schmerzmittels Morphium und des Schlafmittels Midazolam verabreicht zu haben, wie die Staatsanwaltschaft am Dienstag in Baton Rouge mitteilte.
Offenbar hatten sie den Kranken keine Chance zugestanden, eine Evakuierung aus dem nach der Katastrophe völlig überlasteten Hospital zu überleben. Die drei Angeklagten seien „Menschen, die sich offenbar für Gott hielten und über das Leben anderer entschieden“, sagte Generalstaatsanwalt Charles Foti. „Das ist keine Sterbehilfe, das ist Mord.“ Foti zeigte sich überzeugt, daß die drei Patienten die Evakuierung und die chaotischen Zustände nach dem Wirbelsturm überlebt hätten, wenn die Mediziner nicht „das Gesetz in ihre Hände genommen“ hätten.
Anklage: „Mord mit bedingtem Vorsatz“
Die 50jährige Ärztin Anna Pou sowie die 49 und 43 Jahre alten Krankenschwestern Cheri Landry und Lori Budo hätten drei Tage nach dem Hurrikan im vergangenen Sommer vier Patienten die tödlichen Dosen verabreicht oder deren Verabreichung veranlaßt. Der Vorwurf lautet auf „Mord mit bedingtem Vorsatz“. Die Beschuldigten wurden nach einer ersten Festnahme gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Bei den Opfern handelte es sich um zwei etwa 90 und zwei um die 60 Jahre alte Patienten. Eines der Opfer war ein 62jähriger, der bei vollem Bewusstsein, aber gut 200 Kilo schwer und gelähmt war und nach Einschätzung der Ärzte nicht evakuiert werden konnte.
Die Ermittlungen waren durch Gerüchte ausgelöst worden, wonach in Pflegeheimen und Kliniken des Bundesstaates Louisiana nach dem Hurrikan Pfleger Patienten Sterbehilfe geleistet hätten, weil sie sie unter dem herrschenden Chaos mit mangelnder Nahrung, Trinkwasser und Kühlung für ohnehin todgeweiht hielten. Die Generalstaatsanwaltschaft überprüfte daraufhin13 Pflegeheime und fünf Krankenhäuser, stieß aber nur im Memorial Medical Center auf Hinweise.
Keine heimlichen Tötungen
Den Ermittlungen zufolge wußten mindestens vier Mitarbeiter der Krankenhausverwaltung von den Plänen, Patienten tödliche Medikamentendosen zu verabreichen. Keiner von ihnen habe jedoch gewußt, wer die Entscheidung dazu getroffen habe. Warum niemand dagegen vorging, ist unklar.
Eine Verwaltungsangestellte soll gesagt haben, neun schwerkranke Patientin würden die Evakuierung vermutlich nicht überleben, man wolle aber auch keine lebenden Patienten auf der Station zurücklassen. Laut Ermittlungsakten erfolgten die Tötungen nicht heimlich. Ein Zeuge berichtete, er habe Krankenschwester Budo gesehen, wie sie einem 92jährigen eine tödliche Spritze setzte. „Das brennt“, habe der alte Mann gesagt.
„Katrina“ hatte am 29. August 2005 mehr als 1.500 Menschen im Süden der Vereinigten Staaten in den Tod gerissen. Weite Teile von New Orleans wurden überschwemmt und schwere Verwüstungen angerichtet. Die Stadt stürzte in Anarchie und Chaos. In den Krankenhäusern herrschte Ausnahmezustand; die Gebäude liefen zum Teil mit Abwässern voll. Nach dem Ausfall der Notstromgeneratoren mußte das Personal beim Licht von Taschenlampen arbeiten.