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Verehrung des Dalai Lama In Tibet jenseits von Tibet

24.10.2011 ·  In den Westprovinzen Chinas vergöttern viele Tibeter ganz offen den Dalai Lama - verfolgt fühlen sie sich nicht.

Von Christian Geinitz, Hochland von Qinghai
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© Renie Yan Yaks im tibetischen Hochland: Sie liefern Wolle, Milch und Butter, mit dem Dung wird geheizt und gekocht

Die Yaks schnauben und grunzen, aus den Mäulern steigen Atemwolken. Es ist eiskalt an diesem Morgen auf fast 4000 Metern Höhe, am Vortag hat es geschneit. Die Viehhüterin trägt einen tibetischen Mantel mit überlangen Ärmeln, die unaufgerollt fast bis zu den Füßen reichen. Am Gürtel steckt eine halbmondförmige Eisenschnalle. Dort hakt die Hirtin einen Holzeimer ein, hockt sich neben die Bergkühe und beginnt sie zu melken. Das Fell der zotteligen Tiere ist so lang, dass die Euter nicht zu sehen sind. Die junge Frau spricht nur wenig Chinesisch, so wie die meisten Nomaden in der Tibetischen Hochebene. Sie streckt zwei Finger aus. Zweimal am Tag werden die Yak-Kühe gemolken, frühmorgens und abends in der Dämmerung, wenn sie aus der Steppe zurücktrotten und angepflockt werden.

Im Winter leben die Hochlandnomaden der westchinesischen Provinz Qinghai von den großen Tieren, im Sommer von den kleinen. Die Yaks liefern Wolle, Milch und Butter, mit dem Dung wird geheizt und gekocht. In den warmen Monaten sammeln die Graslandbewohner eine eigenartige Spezialität: chinesische Raupenpilze (Ophiocordyceps sinensis). Diese in Tibet endemischen Parasiten, die so lang und dünn sind wie Bleistifte, wachsen auf Schmetterlingsraupen, die sie abtöten und mumifizieren. Im Frühjahr drängen die Fruchtkörper in Höhenlagen von 3000 bis 5000 Metern an die Erdoberfläche, wo die Hirten sie zu Millionen einsammeln.

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© Renie Yan Dalai Lama überall

Die Pilze kommen in der traditionellen tibetischen und chinesischen Medizin zum Einsatz, als Aphrodisiakum und angeblich auch als Dopingmittel für Sportler. Sie sind teuer und bilden die wichtigste Einnahmequelle der Hochlandnomaden. Jedes Stück bringe 15 bis 20 Yuan ein, sagt der Ehemann der Melkerin. 20 000 Yuan, etwa 2300 Euro, erzielt er damit im Jahr, das sind zwei Drittel des Haushaltseinkommens. Für ein Yak bekommt der junge Mann bestenfalls 5000 Yuan.

Wer die Raupenpilze spät im Jahr verkauft, kann noch mehr Gewinn herausschlagen. Auf dem Markt des Handelsfleckens Zeku, viereinhalb Stunden südlich der Provinzhauptstadt Xining, bietet ein junger Mann die kostbare Ware in einer Handwaage an. In der Messingschale liegt eine halbes Dutzend Würmer, 30 Yuan soll jeder einzelne kosten, das Doppelte des Sommerpreises.

Unlängst sei eine Nonne den Feuertod gestorben

Tibet ist viel größer als die gleichnamige Region. Dabei umfasst schon die Provinz Tibet in China die dreieinhalbfache Fläche Deutschlands. Bis heute erstreckt sich der Kulturraum der Tibeter bis nach Indien, Nepal oder Bhutan und weit ins chinesische Kernland hinein. Teile Gansus, Sichuans, Yunnans und eben Qinghais gehören zu Osttibet, das früher auch Amdo, Kham oder Dokham hieß. Daran erinnert sich die Welt meist nur dann, wenn es dort, wie derzeit wieder, zu Protesten kommt.

Allein in Sichuan hätten sich in diesem Monat fünf Tibeter verbrannt, um Menschenrechtsverletzungen anzuprangern, berichtet die Londoner Organisation „Free Tibet“. Unlängst sei eine Nonne den Feuertod gestorben, während sie nach Freiheit rief und die Rückkehr des Dalai Lamas forderte. Seit dem Volksaufstand in Lhasa 1959 gegen die chinesischen Besatzer lebt das religiöse Oberhaupt im indischen Exil.

Niemand ist bereit, Fremde dorthin zu bringen

Der Dalai Lama, der die politische Führung im März niedergelegt hat, stammt selbst aus Qinghai. Etwa 30 Kilometer südöstlich der Stadt Ping’an liegt sein Geburtsort Taktser, der auf Chinesisch Hongya heißt. Angeblich lässt sich dort sein Elternhaus besichtigen, auch lebe seine Schwester noch in dem Dorf, sagen die Leute. Aber niemand ist bereit, Fremde, Journalisten zumal, dorthin zu bringen. Bei seinem letzten Besuch mit Ausländern habe ihn die Polizei verwarnt, sagt ein Fahrer. „Das ist mir zu heiß.“ Diese Furcht verwundert, denn in Qinghai ist es vergleichsweise ruhig. Zwar kocht auch hier gelegentlich der Volkszorn hoch, aber die Stimmung wirkt nicht angespannt. Anders als in Tibet oder Teilen Sichuans sind Polizei und Militär nicht präsenter als im übrigen China. Ausländische Berichterstatter dürfen die Provinz selbständig bereisen, nirgendwo sind Straßensperren oder andere Kontrollen zu sehen.

Die Regierung setzt in Qinghai offenbar auf eine Doppelstrategie, um die Lage unter Kontrolle zu behalten. Zur Verbesserung der Lebensbedingungen lenkt sie Milliardeninvestitionen in die Provinz, die zu den ärmsten Chinas gehört. Gleichzeitig lässt sie den Minderheiten manchen kulturellen und religiösen Spielraum. Jedenfalls solange sie nicht „über die Stränge schlagen“.

Eine Omnipräsenz des Dalai Lama

Offiziell zählt mehr als die Hälfte der Bevölkerung Qinghais zu den Han-Chinesen. Sie siedeln zumeist in den großen Zentren wie Xining. In den ländlichen Gebieten trifft man hingegen fast nur Tibeter oder Hui-Muslime, deren Männer Bärte tragen und weiße Kappen. In den Führungspositionen der Behörden und Staatsbetriebe sitzen Han-Chinesen, das tägliche Geschäft aber erledigen die Minderheiten. Das gilt sogar für die Polizei, auf die sich die Staatsmacht im Zweifelsfall besonders verlassen muss.

Dass die Politik in Zeiten der Ruhe laxer ist als in Tibet, zeigt sich an der Omnipräsenz des Dalai Lama in Qinghai. Sein Bildnis ziert die Zelte und Hütten der Nomaden ebenso wie die Tempel, Klöster und Privatwohnungen. Besonders groß ist die Verehrung in Wutun Si außerhalb von Tongren, wo zwei Klöster liegen. Hier malen Mönche und Laien wertvolle religiöse Rollbilder, die Thangkas. In dem Dorf bieten Kramläden die Fotos des heiligen Mannes sogar zwischen Cola-Flaschen an.

„Keiner von uns bekommt einen Reisepass“

Einer der Klosterbrüder steht vor seiner Staffelei und feuchtet einen Pinsel mit der Zunge an. Er kennt das benachbarte Tibet von vielen Besuchen bei Freunden, Verwandten und Mitbrüdern. Dort gebe es regelmäßig Razzien, um die Bilder des Dalai Lamas zu entfernen. „Wer sich widersetzt, wird verschleppt.“ In Qinghai seien die Behörden weniger streng, aber auch hier würden die Tibeter diskriminiert, vor allem die Mönche. „Keiner von uns bekommt einen Reisepass.“ Es ist der größte Wunsch des jungen Mannes in dem roten Mönchsgewand, einmal nach Indien zu reisen, um sein religiöses Oberhaupt zu sehen. „Aber das bleibt wohl ein Traum.“ Von anderen Geistlichen ist Versöhnlicheres zu hören. Etwa im nahegelegenen Gomar Gompa (chinesisch: Guoma Ri), einem mittelalterlichen Dorf aus Lehmhäusern, die ein spektakuläres Gassenlabyrinth bilden. Jenseits der Stadtmauern erhebt sich ein siebenstöckiger Tempel aus dem 18. Jahrhundert. Sein wertvollster Besitz ist eine Buddhafigur aus Sandelholz, flankiert von zwei Fotos des Dalai Lamas. Der junge Mönch, der die Türen aufschließt, ist bis nach Peking gereist. Weder dort noch in der Heimat fühlt er sich diskriminiert. „Die Behörden lassen uns weitgehend in Ruhe.“ Die Tibeter in Qinghai dürften ihre eigene Sprache sprechen, ihre Religion ausüben, Tempel bauen und in den Klöstern ihre Kinder ausbilden.

Nur die Eltern unterrichten die Kinder

Die Nomaden berichten, dass es Qinghai mit der öffentlichen Schulpflicht nicht allzu genau nehme. In den Sommermonaten, wenn die Familien mit den Yak-Herden über die Steppe ziehen, stehen nur die Eltern bereit, um ihre Kinder zu unterrichten. Deshalb sprechen viele Hirtenkinder kaum Hochchinesisch. In den staatlichen Schulen, etwa in der frisch erweiterten Anlage in Gomar Gompa, wird Mandarin ebenso gelehrt wie Tibetisch.

Nach dem Unterricht hüpfen die Kinder nach Hause. Viele in Geschwisterpärchen, denn für die Minderheiten gilt die chinesische Ein-Kind-Politik nicht. Schwatzend verschwinden die Jungen und Mädchen hinter hohen Lehmmauern. Die doppelstöckigen Gebäude mit ihren baumbestandenen Innenhöfen haben keine Wassertoiletten, dafür aber Solaröfen zum Essenkochen. Die Regierung verkaufe sie billig für 70 Yuan - etwa acht Euro - oder verschenke sie sogar, sagt ein wettergegerbter Mann und dreht den Hohlspiegel in die Sonne. Im Nu beginnt das Wasser im Teekessel zu dampfen. „Das spart Brennmaterial und soll gut für die Luft sein.“

In einem der Nachbarhäuser werfen zwei Brüder ihre Schulranzen in die Ecke, ziehen ihre Jacken aus und binden die roten Pioniertücher der Kommunistischen Partei ab. Dann flitzen sie die offene Steintreppe zum zweiten Stock hinauf. Dort liegt, wie in jeder Wohnung, der Hausaltar: mit einer Buddhastatue, einem verhüllten Thangkar an der Wand, und natürlich mit einem Bild des Dalai Lamas.

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Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Peking.

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