Home
http://www.faz.net/-gum-12iyl
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Verdächtigt Ihr Name steht auf der Terrorliste

23.05.2009 ·  „Ist sicher nur ein Missverständnis, aber Sie werden sich gedulden müssen“. Wer arabisch aussieht, oder einen spanischen Namen trägt, reist so schnell nicht ein: Zwei Stunden beim „Secondary Check“ auf dem Kennedy-Flughafen in New York.

Von Majid Sattar
Artikel Lesermeinungen (7)

Nach Amerika zu reisen war früher auch schöner. Besonders für jemanden, dessen äußeres Erscheinungsbild die nahöstliche Herkunft verrät. Der junge Grenzbeamte am John-F.-Kennedy-Flughafen in New York händigt Frau und Sohn freundlich die Pässe aus und bittet mich, ebenso freundlich, ihn doch kurz zu begleiten. „Secondary check“, heißt die Prozedur, die in ein Nebenzimmer führt, eine Amtsstube des „US Naturalization und Immigration Service“. Wer hier hinein muss, hat mit großer Wahrscheinlichkeit nahöstliche oder lateinamerikanische Wurzeln. Oft ist die Zweitprüfung reine Formsache. Ein kurzer Anruf, und nach fünf Minuten darf man einreisen. Manchmal kann es aber auch länger dauern.

„Sie werden sich gedulden müssen“

Der Raum besteht aus fünf Schaltern, hinter denen die Beamten Fragen stellen, skeptisch auf ihren Monitor blicken und immer wieder andere Behörden anrufen. Vor ihnen sitzen, auf alten, wackeligen Stühlen, hauptsächlich bärtige Männer mit arabischen Namen und junge Frauen mit spanischen.

„Waren Sie schon mal in den Staaten?“ Ja, etliche Male. „Hatten Sie schon einmal Probleme bei der Einreise?“ Einmal, 2007 in Boston, die Sache hat sich aber schnell geklärt. „Wo sind Ihre Eltern geboren?“ Im Irak. „Wann waren Sie zuletzt im Irak?“ 2007 - als Journalist, „eingebettet“ in der 1st Armored Division der amerikanischen Streitkräfte. „Mmmh, Sir, es ist sicher ein Missverständnis, aber Ihr Name steht auf der Terrorliste. Ich fürchte, Sie werden sich ein wenig gedulden müssen.“

Nebenan sitzt eine vierköpfige Familie aus Deutschland. Die Frau, wohl türkischer Herkunft, ist der Problemfall. Sie flüstert ihrem Mann zu: „Absolute Unverschämtheit, wie man hier behandelt wird.“ Er: „Schatz, bleib ganz ruhig.“ Sie: „Das werde ich nicht!“

Sie geht zum Schalter: „Excuse me, Sie können mich hier nicht festhalten, ohne mir zu sagen, warum!“ - „Mam, glauben Sie mir: Wir können. Bitte, setzen Sie sich, sonst können Sie Ihren Rückflug antreten.“ Schweigen. Die beiden Söhne schauen unsicher zu Boden. Nach 20 Minuten erhält die Frau ihren Pass zurück. Alles in Ordnung.

Kein Anruf bei der Botschaft

Links am Tisch sitzt eine Lateinamerikanerin neben ihrem Dolmetscher. Sie trägt einen Jogginganzug und reibt sich ständig mit den Händen durchs Gesicht. Der Grenzbeamte ist leicht ungehalten: „Sie lügen. Sie sagen, der Anlass Ihrer Reise sei touristisch . . .“ - „Si, si!“ - „Sie sprechen kein Englisch, Sie können mir nicht sagen, in welchem Hotel Sie unterkommen. Sie lügen, ich weiß es.“ - „No, no!“ - „Ich sage es noch einmal: Sie lügen. Sie werden heute nicht in die Vereinigten Staaten einreisen. Sie müssen sich zu Hause um ein Visum bemühen.“ - „No, no!“ - „Ich bin Vertreter der Vereinigten Staaten, und ich sage Ihnen: Sie werden heute dieses Land nicht betreten. Sie werden nach Hause fliegen.“ Wenig später kommen ein weiterer Grenzbeamter sowie eine Dame vom Bodenpersonal einer Airline und ziehen mit der Frau von dannen.

Mein Officer bittet mich in sein Büro hinter den Schaltern. „Ich bitte Sie, Verständnis für unsere Fragen zu haben. Sie werden mit großer Wahrscheinlichkeit einreisen können. Es werden zurzeit einige Anrufe gemacht. Bitte haben Sie Verständnis, so sind die Sicherheitsvorschriften.“

Kein Problem, verstehe. Der Hinweis, er möge doch die deutsche Botschaft in Washington anrufen, dort werde man ihm sicher meine Identität bestätigen, beeindruckt ihn nicht. Fragen zu Körpergröße, Haarfarbe und Augenfarbe.

„Ich glaube Ihnen nicht“

Am Schalter wird inzwischen eine Slowakin befragt: Was ist der Anlass ihrer Reise . . . Die Frau sagt, sie sei 47 Jahre alt, Lehrerin und pensioniert. „Warum?“ Sie habe etwas anderes machen wollen. „Was?“ Das wisse sie noch nicht. „Wovon leben Sie?“ Von der Rente. „Wie viel erhalten Sie?“ Etwa 400 Euro, sagt sie.

„Mam, ich glaube ihnen nicht. Sie sind kürzlich schon einmal in die Vereinigten Staaten eingereist und länger als sechs Monate im Land geblieben. Sie wollen hier arbeiten. Das ist illegal.“

Nach einigem Zögern fügt er an: „Ich lasse Gnade vor Recht ergehen. Sie dürfen dieses Mal noch einmal einreisen. Wenn Sie aber noch einmal länger bleiben, werden Sie dieses Land nie wieder betreten.“ Die Frau senkt den Kopf und schweigt.

Mein Beamter kehrt zurück aus seinem Hinterzimmer und hat noch einige Fragen: „Sir, Sie haben zwei Pässe?“ Ja. „Warum?“ Weil arabische Staaten ein Problem mit israelischen Stempeln haben. „Was ist der Anlass Ihrer Reise in die Vereinigten Staaten?“ Eine Familienfeier. „Welche?“ Die Bat Mitzwa der Nichte. „Mmmh“, sagt der Beamte, murmelt etwas von Missverständnis und geht.

Bei jeder Einreise wieder

Etwas später, nach insgesamt zweieinhalb Stunden, in denen ich gedanklich irgendwo zwischen New York, Frankfurt und Guantánamo war, kehrt mein Officer zurück. Er strahlt. „You're good to go.“ Man werde nur noch am Zoll in die Koffer schauen.

Leider müsse er mir aber mitteilen, dass ich diese Prozedur jetzt immer wieder über mich ergehen lassen müsse, wenn ich nach Amerika reisen wolle. Kann man keinen Vermerk machen? Kopfschütteln. Kann man gar nichts machen? „Sir, ich fürchte, Sie können nur Ihren Namen ändern.“

Auf dem Weg zum Zoll erzählt mein Beamter noch, dass er und seine Familie 1994 als usbekische Flüchtlinge in die Vereinigten Staaten gekommen seien; sie stammten aus Samarkand. „Wir sind sephardische Juden“, sagt er und lächelt. Nach der Wiedervereinigung mit Frau und Kind prüft ein Zollbeamter die Koffer.

Der beleibte Mann mit großen, freundlichen Augen spricht ein paar Fetzen Deutsch und scherzt mit meinem Sohn. Auch so kann Amerika seine Gäste noch willkommen heißen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge