13.12.2002 · Im Aufsehen erregenden Kannibalismus-Fall von Rotenburg deutet nach Angaben der Ermittler bisher nichts darauf hin, dass es weitere Opfer des 41-jährigen Festegnommenen gibt.
Im Kannibalismus-Fall im hessischen Rotenburg gibt es bislang keine Hinweise auf weitere Opfer. Die Polizei setzte am Freitag aber die Spurensicherung fort. Ein Leichenwagen fuhr am Morgen vor dem Anwesen des mutmaßlichen Täters vor und Ermittler trugen später einen Sarg mit den bislang entdeckten und zunächst im Haus verwahrten Leichenteilen des 42 Jahre alten bereits bekannten Opfers heraus. Es seien bislang keine Indizien gefunden worden, die auf weitere Opfer des Mannes hindeuteten, sagte Staatsanwalt Hans-Manfred Jung in Kassel.
Die Polizei hat in dem Fall eine Sonderkommission eingerichtet. Bei ihr sollten alle Ermittlungen zu der Tat gebündelt werden, sagte ein Polizeisprecher am Freitag in Bad Hersfeld. Die Sonderkommission „Chat“ besteht aus Beamten des Polizeipräsidiums Osthessen und des Landeskriminalamtes.
Bei dem mutmaßlichen Menschenfresser geht die Staatsanwaltschaft nicht von geistiger Verwirrung aus. „Wir haben keinen Zweifel an der geistigen Verfassung“, sagte Jung. Anderenfalls wäre der 41-Jährige nicht in Untersuchungshaft, sondern in die forensische Psychiatrie eingewiesen worden. Gegen den Mann war am Donnerstag Haftbefehl wegen Mordes erlassen worden. Er legte vor dem Haftrichter ein Geständnis ab.
Video zeigt die grausige Tat
Als wichtiges Beweisstück gilt ein Videofilm, auf dem der Mord aufgezeichnet wurde. Die Polizei hatte diesen in seiner Wohnung gefunden, außerdem Menschenfleisch und Skelettteile. Bereits am Donnerstag hatten die Ermittler begonnen, den Garten des 41-Jährigen im Stadtteil Wüstefeld in Rotenburg mit einem Bagger umzugraben, um Leichenteile zu suchen, die der Täter dort vergraben haben könnte.
Der 41-Jährige hatte nach seiner Festnahme gestanden, im Frühjahr 2000 einen aus Berlin stammenden 42-Jährigen mit dessen angeblichem Einverständnis vor laufender Videokamera durch Stiche und Schnitte in den Hals umgebracht zu haben. Die laut Polizeibericht homosexuellen Männer sollen vorher gemeinsam das Geschlechtsteil des 42-Jährigen gegessen haben. Nach Polizeiangaben zerstückelte der Täter die Leiche, legte Portionen ins Gefrierfach und aß später einen großen Teil davon.
Den bisherigen Ermittlungen zufolge lernte der 41-Jährige sein Opfer über eine Kontaktanzeige im Internet kennen. Der Rotenburger suchte jemanden, der sich von ihm töten und anschließend aufessen lassen würde. Daraufhin hat sich laut Polizei unter anderen der 42-jährige Berliner gemeldet, laut „Bild“ ein Diplom-Ingenieur. Aus Ermittlerkreisen heißt es, dass sich viele Aussagen des Täters mit den Spuren decken. Die Polizei war dem Mann auf die Spur gekommen, nachdem er im Internet weitere Anzeigen aufgegeben hatte. Dort habe er nach jemanden gesucht, den er töten und aufessen könne.
Extreme Form von Sadismus
Nachbarn haben den Mann als freundlich und höflich beschrieben. Die Ermittler rechnen mit einem langwierigen Verfahren. Dem Menschenfresser droht im Fall einer Verurteilung wegen Mordes lebenslange Freiheitsstrafe, falls er dagegen wegen Tötung auf Verlangen verurteilt würde, nur fünf Jahre.
Der Berliner Psychologe Konrad W. Sprai bezeichnete Lustmord als „die extreme Form des Sadismus“. Dabei empfinde der Kannibale die Lust nicht beim Morden, sondern erst durch den Verzehr des Fleisches seines Opfers, sagte Sprai. Der Psychologe Sprai sagte weiter, kannibalistisch veranlagte Menschen könnten durchaus ein ganz normales Leben führen. Dass der mutmaßliche hessische Täter homosexuell sein soll, habe mit der kannibalistischen Neigung und dem Ausleben des Triebes nichts zu tun. „Solche Leute sind die angepasstesten Menschen, die sich extrem unauffällig verhalten - sie haben eben zwei Gesichter.“