Die dramatische Geiselnahme von Wrestedt mit einer Flucht durch Deutschland und Polen endete im April in der Ukraine bei Kaffee und Butterbroten. An einer kleinen Tankstelle bei der westukrainischen Stadt Rowno gaben die drei Verbrecher völlig erschöpft und übermüdet auf. Vor dem Lüneburger Landgericht begann nun der Prozess gegen die drei Entführer.
Mit einer detailgetreuen Tatschilderung eines der Angeklagten begann der Prozess. Artur Fischer (24), der früher eine Banklehre in der Wrestedter Sparkasse gemacht hatte, bekannte sich dabei als Ideengeber. Er habe seinen 25 Jahre alten Cousin Heinrich Kremer und seinen besten Freund Vitali Herdt für die Beteiligung an dem Banküberfall gewinnen können. „Ich brauchte sie nicht sehr lange zu überreden, weil ich ihnen klar machen konnte, dass ich wegen meiner Spielschulden keine andere Möglichkeit sah“, sagte Fischer.
Das zuletzt in Lüneburg wohnhaft gewesene, aber aus Kasachstan und Moldawien stammende Trio mit deutschen Pässen hatte dem Geständnis Fischers zufolge am 2. April nach Kassenschluss die Sparkasse überfallen. Letztlich ungeplant nahmen die Männer die beiden 25 und 39 Jahre alten Angestellten Kirsten G. und Ute B. als Geiseln. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass drei Polizisten auftauchen würden“, sagte Fischer. „Ich hatte ziemlich Schiss, dass die uns über den Haufen knallen würden.“
Mit ihren drei Gaspistolen, von deren Funktionsfähigkeit sich die Täter vorher nicht überzeugten, bedrohten sie die Frauen und nahmen sie schließlich neben einer Beute von rund 245 000 Euro mit auf eine abenteuerliche Flucht über Polen ins 1600 Kilometer entfernte ukrainische Rowno. Dort ließen sie sich von einer List des dortigen Polizeichefs bluffen und zur Aufgabe bewegen.
Spielschulden trieben ihn zur Tat
Gerechnet hatten die Bankräuber mit einer Beute von 70.000 bis 100.000 Mark. Den Plan hätten sie bereits im Winter 2001 gefasst, berichtete Fischer. Spielschulden von über 20.000 Mark hätten ihn dazu getrieben. Wenige Tage vor dem geplanten Tatdatum verfügten die Männer weder über ein Fluchtauto noch über Waffen „zum Bedrohen“. Mit einem kleinen Leihwagen mit gestohlenen Kennzeichen sowie Wodka und Bier im Magen - „wir hatten unheimlich Stress“ - steuerten sie am 2. April Wrestedt an. Fischer hatte dort einmal eine Banklehre gemacht und kannte sich aus. Wegen „Unregelmäßigkeiten“ war er vorzeitig aus seiner Lehrstelle entlassen worden.